Verlegerin Inge Feltrinelli "Frauen sind nicht so eitel wie Männer"

Inge Feltrinelli ist eine der populärsten Verlegerinnen auf der Buchmesse. Im Interview spricht sie über ihren verstorbenen Mann Giangiacomo, Verlegerinnen, Teamarbeit und die internationale Verlagsszene.


Inge Feltrinelli
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Inge Feltrinelli

Inge Feltrinelli, in Göttingen geborene Grande Dame der Verlegerbranche, arbeitete zunächst als Fotoreporterin in Hamburg. Persönlichkeiten wie Ernest Hemingway und Pablo Picasso kamen ihr vor die Linse. 1958 lernte sie auf einer Verlagsfeier in Hamburg den italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli kennen und lieben. Sie folgte ihm nach Mailand und führte nach seinem bis heute ungeklärten Tod 1972 zunächst alleine, dann mit ihrem Sohn Carlo, die Geschäfte des Mailänder Verlagshauses.

Giangiacomo Feltrinelli, der sich der kommunistischen Bewegung seines Landes verschrieben hatte, wurde 1972 tot neben einem Hochspannungsmast in der Nähe von Mailand gefunden. Jetzt ist auch in Deutschland die Biografie des Sohnes Carlo Feltrinelli, "Senior Service" (Hanser), erschienen. Darin versucht er, den tragischen Ereignissen von damals auf die Spur zu kommen. Inge Feltrinelli vertritt ihren Verlag als "Präsidentin" auf der Buchmesse (Halle 5.1, B 927).

Was geht in Ihrem Kopf vor, wenn Sie diese Biografie lesen?

Inge Feltrinelli: Carlo hat vieles mit Hilfe von Interviews rekonstruiert, meine Erinnerungen sind schwarz und weiß, während seine milder und gefiltert sind. Auch weil er selbst noch ein Kind war, als sein Vater ums Leben kam. Er hat gründlich recherchiert und kommt meinen Erinnerungen sehr entgegen. Aber er hat mich nicht für sein Buch interviewt, was ich richtig finde.

Denken Sie gerne an die Zeit an der Seite des Mailänder Verlegers zurück?

Feltrinelli: Ja, denn es war eine unvergleichliche Zeit. Der Nobelpreis für Boris Pasternak, die große Aufregung um "Der Leopard" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa oder "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez - ich möchte keinen Moment missen, sondern, im Gegenteil, vieles davon noch einmal erleben. Ich habe keine Ressentiments. In der Retrospektive sieht man nur noch die guten Dinge, was schlecht war, vergisst man Gott sei Dank.

Wie würden Sie die Persönlichkeit Ihres Mannes charakterisieren?

Feltrinelli: Er war ein Mann mit Visionen, jemand, der an Utopien glaubte und seine Ideale in jeder Beziehung auslebte. Das fing schon mit den modernen Feltrinelli-Buchhandlungen an, die er sehr früh, 1957, gegründet hat. Er hat darüber nachgedacht, wie man in Italien neue Leser findet. Viele Visionen konnte er durchsetzen. Und das ist wichtig, denn die meisten reden nur, ohne ihre Pläne in die Tat umzusetzen. Wer als Verleger Erfolg haben will, muss auch Glück haben. Manche haben es, andere nicht. Er war ein europäisch denkender Verleger, der vier Sprachen fließend sprach und auf der ganzen Welt zu Hause war. Er ist mit dem Ziel angetreten, Italien zu entprovinzialisieren und in den Nachkriegsjahren den Postfaschismus durch Bücher einzudämmen. Mittlerweile haben sich viele seiner Befürchtungen als sehr begründet herausgestellt. Heute sitzen die ultrarechten Parteien wieder in der italienischen Regierung.

Sie waren selbst nicht unbeteiligt am Erfolg des Verlages. Was haben Sie zum Gelingen beigetragen?

Feltrinelli: Seit 1960 war ich die Stütze des Verlegers in internationalen Beziehungen, 1969 bin ich Vizepräsidentin geworden und nach dem Tod von Giangiacomo Feltrinelli habe ich den Laden übernommen. Heute führt mein Sohn die Geschäfte, ich selbst bin "Presidente" und als solche für die internationale und nationale Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Dieser Bereich interessiert ihn weniger, da er sehr unmondän ist. Ich vertrete den Verlag nach außen - das gefällt mir und macht mir Spaß. Frauen besitzen im Verlagswesen ein größeres diplomatisches Geschick, sie sind nicht so eitel wie Männer, sie arbeiten besser im Team. Ich freue mich, dass heute in vielen Verlagen auf der ganzen Welt, in Deutschland, England, Frankreich, Amerika, mehr Frauen arbeiten. Der Feminismus hat doch seine Wirkung gezeigt - zumindest was das Berufliche angeht.

Was haben Sie empfunden, als Ihr Mann Sie bat, die Verlagsgeschäfte für ihn zu führen?

Feltrinelli: Im Italien der sechziger Jahre waren die Frauen vor allem für Kinder, Küche und Kirche zuständig. Als Partnerin vom "Boss" war das nicht so einfach, zumal ich Deutsche war. Die italienischen Intellektuellen waren immer voller Ressentiments gegen die Deutschen, eine Tatsache, die sich nur ganz allmählich änderte. Ich musste sehr beharrlich vorgehen und die Leute von meinem Können überzeugen. Die Zeit nach dem Tod meines Mannes war sehr schwer für mich. Sie war aber auch wichtig für unser Programm, das nicht mehr so recht in die damalige Zeit passte. Büchermachen ist ein sehr langsamer Prozess. Wir mussten uns und das Programm ändern, um mehr am Puls der Leser zu sein. Konkret hieß dies: nicht so viele politische Bücher zu verlegen, die kein Mensch kauft. Es war anstrengend, gewiss, aber es hat uns auch geholfen, uns zu regenerieren. Man darf sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Wenn Sie heute zurückblicken: Was hat sich in der nationalen und internationalen Verlagsszene seit den sechziger Jahren verändert?

Feltrinelli: Es gibt keine großen Verlegerpersönlichkeiten mehr. Es fehlen die Impulse großer Weltverleger wie Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Alfred Knopf oder Gaston Gallimard. Das ist sehr schade, weil sie besessen waren von ihrer Arbeit und ihre Autoren liebten. Heute dagegen sitzen in den meisten Verlagen graue Manager, denen die Passion fehlt und die sich vor allem darum kümmern, dass die Zahlen stimmen. Ich bin da anderer Ansicht. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, fünf Prozent mehr Umsatz im Jahr zu machen, sondern fünf Prozent mehr gute Bücher zu verkaufen.

Was ist Ihr größter Wunsch als Verlegerin?

Feltrinelli: Ich möchte, dass einer unserer Autoren noch einmal einen Nobelpreis erhält, damit ich nach Stockholm zur Verleihung eingeladen werde. Das letzte Mal war ich 1991 mit Nadine Gordimer da. Stockholm im Herbst. Wunderbar.

Das Interview führte "Buchreport"



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