Literatursensation "Vernon Subutex" Triumph der Tirade

Ein Abgesang auf die Grande Nation? Nein, ein Abgebrüll! Virginie Despentes legt mit "Das Leben des Vernon Subutex" einen grandiosen Roman über die französische Gesellschaft vor - voller Wut, voller Witz, voller Pop.

Virginie Despentes
JF Paga

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Am Anfang von "Das Leben des Vernon Subutex" steht der Tod. Gerade hat es Vernons Kumpel Alex dahin gerafft, Überdosis, in einer Badewanne in einem mittelmäßigen Hotel. Davor war es Bertrand, Kehlkopfkrebs. Dann Jean-No, Autounfall, und schließlich noch Pedro, Herzstillstand, vermutlich wegen zu viel Kokain.

Was aber als Erstes, vor all den Freunden von Vernon, gestorben ist, ist der große gesellschaftliche Nachkriegskonsens in Frankreich. Virginie Despentes lässt ihn in mehrere Dutzend Stimmen zerspringen, die lauthals ihr Schicksal in diesem gottverdammten Land beklagen. Kein Geld, kein Sex, kein Ruhm, keine Frömmigkeit, keine Revolution: Es ist ein Chor der Empörten, den Despentes hier dirigiert, die Stimmen sowohl von Abstiegsangst als auch Anspruchsdenken ins Hysterische geschraubt.

Eigentlich müsste so ein ohrenbetäubender Lärm entstehen. Doch Despentes schafft es, den Klang jeder einzelnen Stimme herauszuarbeiten und ihr im passenden Moment den Einsatz zu signalisieren, der promiskuitiven Musikjournalistin genauso wie dem transsexuellen Pornodarsteller oder dem Schlägervater in der Banlieue.

Couchsurfing in die Vergangenheit

Dissonant ist "Das Leben des Vernon Subutex" im Ergebnis immer noch. Aber bei einem Buch, das nichts weniger als die Gemütsverfassung eines ganzen Landes einfangen will und dabei - das sei vorweg genommen - derartig reüssiert, könnte es kaum anders sein.

Der Ruhepol in alldem ist Vernon Subutex, dabei läuft es bei ihm bemerkenswert schlecht. Bald zehn Jahre ist es her, dass er seinen legendären Pariser Plattenladen Revolver schließen musste. Die längste Zeit hat er sich danach ohne Mühen über Wasser gehalten, erst die Restbestände aus dem Laden und persönliche Memorabilia verkauft, dann beim Arbeitsamt gemeldet und ein paar Gelegenheitsjobs übernommen.

Die Miete bezahlte derweil Alex, Alexandre Bleach, sein alter Band-Kollege, der solo als Chasonnier überaus erfolgreich geworden ist. Doch dann beginnt das Sterben unter den Kumpels. Bald hat Vernon niemanden mehr, mit dem er auf Partys oder Konzerte gehen kann, er verliert seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, die Frauen sind auch nicht mehr so leicht zu haben, und als schließlich noch Alex stirbt, landet er auf der Straße.

Vernon beginnt eine Couchsurfing-Odyssee in die eigene Vergangenheit, kommt bei alten Freunden und Freundinnen unter. Mit Letzteren schläft er zumeist, selten jedoch aus Lust. "Das Entscheidende, und er hat lange gebraucht, um es zu begreifen, ist eine Braut, die mit einer Wohnung wie dieser, verlängerten Wochenenden in der Sonne und einem großen, gut gefüllten Kühlschrank geliefert wird."

Eine Tirade nach der anderen

Sobald sich etwas Besseres bietet, verlässt Vernon seine Gastgeber wieder. Doch irgendwann hat sich sein restlicher Charme verbraucht, und seine Verwahrlosung ist von lässig in verzweifelt gekippt. Mit dem Eindringen der Verzweiflung wandelt sich auch der Roman. Er wendet sich von Vernon und seinen engsten Bekanntenkreis ab und öffnet sich für andere Schichten, ethnische Gruppen, politische Überzeugungen, für die tierliebende Obdachlose, den rechten Schlägertrupp, die womöglich radikalisierte jugendliche Muslima.

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Virginie Despentes:
Das Leben des Vernon Subutex

übersetzt von Claudia Steinitz

Kiepenheuer & Witsch; 400 Seiten; 22 Euro

Die Brüche und Sprünge in "Vernon Subutex" sind hart. Doch Despentes hält das Buch zusammen, indem sie für alle Figuren dieselbe Textform verwendet: die Tirade - womöglich die Textform unserer Zeit überhaupt. Umstandslos versetzt sich Despentes in ihre Figuren und verleiht ihren Nöten, Ängsten und vor allem ihrer Wut genauen Ausdruck.

Erschreckend schnell steigert man sich so mit den Figuren in ihre jeweiligen Logiken herein. Fast kann man nachvollziehen, warum Patrice, der Aushilfsbriefträger, seine schwangere Frau geschlagen hat, und warum Xavier, der glücklose Drehbuchautor, Flüchtlinge genauso hasst wie Kollegen, die mit ihren belanglosen Komödien so irre Erfolge erzielen. "Xavier war schon immer ein rechter Sack", denkt sich Vernon, als er bei dem alten Kumpel unterkommt. "Er hat sich nicht geändert, aber die Welt hat sich seinen Obsessionen angepasst."

Anknüpfung an Eribon

Damit ist auch eine der großen Bewegungen benannt, denen der Roman nachspürt: dem Rechtsruck der französischen Gesellschaft. In vielerlei Hinsicht funktioniert "Vernon Subutex" wie die popkulturelle Ergänzung zu Didier Eribons autobiografischer Erkundung "Rückkehr nach Reims". Wo Eribon mit soziologischen Großkategorien operiert, setzt Despentes beim Individuum an, ihre Gesellschaftsanalyse ist vielstimmiger und fragmentierter und in ihrer Stoßrichtung schwerer zu greifen, aber genau deshalb auch so reizvoll und fesselnd zu lesen.

Wenn es etwas gibt, was Despentes' Figuren verbindet, dann ist es nämlich ihre Wut darauf, dass sich ihr Leben nicht nach ihren Vorstellungen entwickelt hat. Eine Wut, die sich jedoch nie gegen Strukturen oder gar das politische System wendet, sondern zuallererst gegen andere, gegen Obdachlose, Ungläubige, alte Mitstreiter, die aus unerfindlichen Gründen mehr Erfolg gehabt haben als man selber. Alle reden sich hier in Rage, doch nur die Rechten - verkörpert durch den Schlägertrupp - tun es gemeinsam und lassen Taten folgen.

Virginie Despentes
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Virginie Despentes

Am genauesten zeichnet Despentes die Eskalation des Frusts an Vernon Subutex und seinem Freundeskreis nach. Vernon Subutex - sein Vorname ist einem Pseudonym des französischen Schriftstellers Boris Vian entlehnt, sein Nachname einem Schmerzmittel, das auch bei der Behandlung von Heroinabhängigkeit eingesetzt wird - ist Stellvertreter für eine Generation alternder Szenegänger, die lange Zeit in Popmusik ihr sinnstiftendes Moment gefunden haben und nun verzweifelt danach suchen, was an deren Stelle treten könnte. Nicht zufällig ist Vernon Plattenladenbesitzer gewesen, mit ihm und der Musikindustrie ging es parallel bergab.

Das Leben nach dem Rock'n'Roll

Despentes, Jahrgang 1969, kennt diese Szenegänger genau. Erst als Filmkritikerin und Plattenverkäuferin, dann als Schriftstellerin ("Apokalypse, Baby!") und Regisseurin (2001 verfilmte sie ihren eigenen Debütroman "Baise-moi (Fick mich!)") ist sie seit Jahrzehnten eine der maßgeblichen Stimmen der Pariser Subkultur. "Vernon Subutex", in Frankreich längst ein preisgekrönter Bestseller, von dem bereits zwei Fortsetzungen erschienen sind, erforscht nun auch, wie es sich anfühlt, mit einer Szene und ihren Werten zu altern.

Manchmal scheint eigene Bitterkeit durchzuklingen, wenn Despentes schreibt, wie viel schwerer es für Frauen ist, ein Leben nach dem Rock'n'Roll zu leben. Die einzige Frau in Vernons Band lässt sie erinnern: "Emilie war ein Kerl wie alle in der Band. (...) Sie war stolz auf ihre Trinkfestigkeit, sie hatte Humor, eine anständige Plattensammlung und keine Angst davor, sich auf der Bühne zu verausgaben. (...) Dann löste sich die Gruppe auf. Machte der Plattenladen zu. Ging jeder seiner Wege. Und die Freunde vergaßen, sie anzurufen."

Am Ende kann Emilie dennoch nicht Nein sagen, wenn Vernon vor der Tür steht und um Unterschlupf bittet. Die eigene Wohnung und den vollen Kühlschrank hat sie, das Selbstbewusstsein hat aber immer noch er. Ob Vernon es selber als Absturz versteht, was mit ihm passiert, ist deshalb auch fraglich.

Als Leserin mag man ihm diese Selbsttäuschung aber nachsehen - schließlich liest sie sich so furios, so dringend und so lebendig wie nichts in diesem Sommer sonst.


Die Übersetzung des zweiten Bandes von "Vernon Subutex" soll im Frühjahr 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erscheinen

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 17.08.2017
1. ...
Klingt sehr nach ewiger Selbstbespiegelung, dem Roman entsprechend auf mehrere Personen aufgeteilt. Und das aus Frankreich. A little less conversation, a little more action. Wo sind die Franzosen, die unter dem Pflaster den Strand finden heute? Dinge, zu veraendern, gaebe es genug, Wut und Frustration auch, wann faellt Babylon? (um mal Dietmar Dath zu zitieren). Ich gebe zu...ueber das Kommentarschreiben bin ich Couchrevolutionaer auch noch nicht herausgekommen. Ist die Literatur dann also noch zu gut, oder immer noch nicht gut genug, um mehr zu triggern, als nur Verkaufszahlen?
kuchengespenst 17.08.2017
2. So furios, so dringend
Haben Sie das französische Original gelesen oder die deutsche Übersetzung? Wenn Sie das Original nicht lesen können, weil Sie kein Französisch können, wo bleibt Ihre Wertschätzung für die Übersetzerin, der Sie es über haupt erst verdanken, diesen Roman gelesen haben zu können? Es ist die Arbeit dieser Übersetzerin, die Sie, Frau Pilarczyk, den Wut, den Witz und den Pop des Romans erleben lässt. Oder sind Sie sich zu gut, um die Arbeit einer Übersetzerin zu würdigen, weil Sie sie für eine Selbstverständlichkeit halten?
wolfgang2001 18.08.2017
3. @kuchengespenst
Warum müssen Sie sofort einen von (unbelegten!) Vorwürfen sprudelnden Kommentar abgeben, der rein gar nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun hat?? Ihr Kommentar ist ein wunderbarer Beleg dafür, dass 99% der Menschen für diese (anonyme) Kommentarfunktion nicht geeignet sind. Fürchterlich.
dros 18.08.2017
4. @Wolfgang, wieso?
Der Kommentar trifft doch zu, über den Übersetzer, bzw die Übersetzung an sich, hat die Autorin nichts geschrieben. Das wäre aber korrekt gewesen. Außerdem ist EA naheliegend, dass die Autorin im SPON kein fremdsprachiges Buch bespricht. Also das mit dem 99% kann ich nicht nachvollziehen. Man muss eben als Leser filtern können, aber nicht nur die Kommentar, sondern auch die Artikel. ;-)
Dranreb 18.08.2017
5. Grossartige Kritik
Gott ist das schön, ich freue mich wirklich eine Kritik zu lesen, die von Liebe zu Literatur und dem Thema voll ist. Ich bin drauf und dran mir das Buch sofort zu kaufen. Mir fiel auch auf, dass die Übersetzung nicht erwähnt ist. Das ist wirklich manchmal schade, da die Übersetzer großartige literarische und psychologische Arbeit leisten, meist schlecht bezahlt sind und dabei Weltliteratur für uns nicht nur zugänglich, sondern erfahrbar machen. Trotzdem - toller Artikel.
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