Verschollene Salinger-Briefe "Wir gingen durch die Hölle"

Er galt als Einzelgänger und Misanthrop - doch der kürzlich verstorbene J.D. Salinger hatte eine warme, herzliche Seite. Bisher unbekannte Briefe an einen alten Armeefreund geben spektakuläre Einblicke in das Privatleben des rätselhaften US-Literaten. SPIEGEL ONLINE bekam sie zu lesen.

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Von , New York


Der Brief ist kurz und lakonisch. Sechs Absätze, sauber getippt, per Hand unterzeichnet. Der Absender schreibt, dass er den Adressaten vermisst, und berichtet, was in dessen Abwesenheit geschehen sei: Zwei Kameraden verwundet, ein dritter aus dem Kriegsdienst entlassen, ein weiterer habe Kuba erreicht, ein "netter Kerl". Der Tonfall des Verfassers schwankt zwischen Sarkasmus und Selbstmitleid - er scheint deprimiert, verspricht aber, man werde bald zusammen einen trinken gehen.

Ein Brief unter Freunden. Und doch so viel mehr: Das Papier, datiert auf den 25. April 1945, ist ein Stück Zeit- und Literaturgeschichte.

Nicht nur weil es kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben wurde, von einem jungen GI an der Deutschlandfront. Oder weil es sich bei dem "netten Kerl", wie da weiter zu lesen ist, um den Literatur-Giganten Ernest Hemingway handelte.

Sondern allein wegen der Identität des Autors: Jerome D. Salinger, jener notorisch öffentlichkeitsscheue Schriftsteller, der im Januar im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Sein erster und einziger Roman, "Der Fänger im Roggen", 1951 erschienen, prägte das Lebensgefühl von Generationen, doch Salinger verzog sich bald darauf in die Einsiedelei und veröffentlichte nach 1965 kein einziges Wort mehr. Seit seinem Tod reißen sich die Forscher um beinahe jeden Buchstaben, der aus seiner Feder stammen könnte.

Und nun gibt es plötzlich diesen Brief. Er ruhte unbeachtet in einer Mappe im Arbeitszimmer eines Häuschens in Queens - eines von neun Privatschreiben Salingers, die hier, am äußersten Stadtrand New Yorks, die Jahrzehnte überdauert haben. Ihr Empfänger: Werner Kleeman, ein ehemaliger Armeekamerad Salingers. Die beiden fochten Seite an Seite im US-Feldzug gegen Hitler-Deutschland, von der Normandie über die Ardennen bis hin zur Schlacht im Hürtgenwald in der Eifel, einer der blutigsten des Krieges.

"Erstaunliche Wärme"

"Wir wurden gemeinsam erwachsen, notgedrungen", sagt Kleeman zu SPIEGEL ONLINE über die Zeit mit Salinger. "Wir waren Freunde. Ich kannte Jerry, wie ihn viele nicht kannten."

Die Nachkriegsbiografien der beiden verliefen jedoch recht unterschiedlich: Der eine landete in psychologischer Behandlung und schrieb sich später in den Literatur-Olymp. Der andere verschwand in der Anonymität der Großstadt New York, eröffnete ein kleines Dekorationsgeschäft. Doch die Freundschaft hielt. Salinger und Kleeman blieben in Kontakt, besuchten einander sogar. Kleeman, der sich trotz seiner 91 Jahre "ziemlich fit" fühlt und allein lebt, ist einer seiner letzten noch lebenden Weggefährten. Die Tragweite dessen wurde ihm aber erst nach dem Tod des Schriftstellers bewusst. Der Witwer erinnerte sich an die Briefe und kramte sie wieder hervor.

Die Existenz der Schriftstücke war bisher nur wenigen Menschen bekannt. SPIEGEL ONLINE hat die Briefe erstmals intensiv gelesen und analysiert. Sie geben seltene Einblicke in Salingers abgekapselte Welt, füllen Lücken in seinem Lebenslauf, enthüllen die private Seite des Mythos seiner Person - und zeigen die erstaunliche Wärme, mit der er eine alte Kriegsfreundschaft pflegte, selbst lange nach seinem Abtauchen.

Allein das ist eine Überraschung, galt Salinger doch bisher unter Experten als eher knorriger Misanthrop. "Er war ein totaler Einzelgänger" - so zitierte der britische Kritiker Ian Hamilton in seiner berühmten Monografie "In Search of J.D. Salinger" einen früheren Kommilitonen des Autors, "er hatte keinen Sinn für andere." Hamiltons Arbeit von 1988 - zurzeit vergriffen, doch bis heute ein Standardwerk - prägte Salingers Image als Sonderling. So sagte ein anderer Zeitgenosse: "Er hatte grundsätzlich keine Freunde."

Die Kleeman-Briefe widersprechen diesem Eindruck. Salinger klingt melancholisch, fast sanft. Er berichtet seinem Freund von einem neuen Husky-Welpen, zeigt sich "betrübt" über Hemingways Suizid 1961, beklagt, dass seine Kinder erwachsen werden, und bezeichnet sich selbst als "alten Trottel". "Er war sehr bescheiden", sagt Kleeman über Salinger. Und: "Er war emotional und warmherzig."

Geschätzter Wert: 60.000 Dollar

Die Briefe - auf der Schreibmaschine getippt und mit "Jerry", "Yours, Jerry" oder "Best always, Jerry" unterzeichnet - stammen aus dem Zeitraum zwischen 1945 und 1969. Der erste, aus dem Krieg gesendet, trägt schlicht "Germany" als Absenderadresse, die späteren meist "Windsor, Vt.", die Poststelle unweit des Dorfes Cornish in New Hampshire, in das sich Salinger ab 1953 zurückgezogen hatte.

Declan Kiely, Kurator der Morgan Library, eines New Yorker Museums, das ab dieser Woche einige Salinger-Schreiben ausstellt, hat Kleemans Briefe für SPIEGEL ONLINE begutachtet und hegt keinen Zweifel daran, dass sie echt sind; er schätzt ihren Wert auf mindestens 60.000 Dollar. "Wir würden uns darum reißen", sagt er. Werner Kleeman, der von einer Veteranenrente lebt, hat seinen Schatz erst einmal in einem Banksafe in Sicherheit gebracht.

Denn der schriftliche Nachlass Salingers ist sehr überschaubar - und wird bestens behütet. Was an Briefen bisher bekannt war, ruht in den Archiven der Kongressbibliothek sowie einiger US-Universitäten, darunter Harvard und Princeton. Seine Privatsphäre war Salinger so wichtig, dass er den Inhalt der Briefe urheberrechtlich schützen ließ - bis über seinen Tod hinaus. Zitieren darf man aus ihnen daher nicht sehr ausführlich, lesen aber darf man sie. "In ihnen wird Salinger wieder lebendig", sagt Kurator Kiely.

Salingers Stil ist sofort erkennbar: trockener Witz, elegante Syntax, klarer Rhythmus. Anders als in den bisher aufgetauchten Briefen, die meist Künstlern, Redakteuren oder Geliebten galten, enthüllen die Kleeman-Briefe eine weitgehend verborgene Seite Salingers - die des Kriegsveteranen, wie sie nur ein anderer Kriegsveteran verstehen kann. "Wir gingen beide durch die Hölle", sagt Kleeman. "Das schweißt zusammen."

So schreibt Salinger von seelischen Verwundungen an der Front, aber auch von verlorener Kameradschaft. Oft tauchen Namen aus ihrem alten Regiment auf. Und immer wieder stellt Salinger die große Zechtour oder "ein großes, fettes Mittagessen" in Aussicht, um dabei der alten Tage zu gedenken. Im letzten Brief aber, datiert auf den 23. Februar 1969, kündigt er seine selbstgewählte Isolation an: Er habe keine Lust mehr, irgendwo "leibhaftig" zu erscheinen.

Für Kleeman lassen die Briefe auch seine eigene, abenteuerliche Vergangenheit auferstehen. Denn sein Leben böte - auch ohne die Freundschaft zu Salinger - genügend Stoff für einen Roman. Aufgewachsen als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in Gaukönigshofen bei Würzburg, erlebte Kleeman (damals hieß er noch Kleemann) als Kind die Machtergreifung der Nazis. Er rettete sich aus dem KZ Dachau, floh nach New York, trat in die Armee ein, wurde US-Staatsbürger. 1944 war er beim D-Day in der Normandie dabei.

Salinger und Kleeman lernten sich im März 1944 im südenglischen Devonshire kennen, wo sich die Alliierten auf die Invasion vorbereiteten. Sie waren in derselben Einheit stationiert, dem 12th Infantry Regiment der 4th Infantry Division. Kleeman war Dolmetscher, Salinger Mitglied des US-Militärgeheimdienstes. "Ich sah gleich, dass er anders war", sagt Kleeman. "Er weigerte sich, seinen Helm festzuzurren. Er machte, was er wollte."

Salinger, damals 25, stand am Anfang seiner literarischen Karriere. Er hatte bereits erste Kurzgeschichten veröffentlicht. 1942 trat er in die US-Armee ein. Bisher waren die Informationen über Salingers Armeezeit spärlich. Insbesondere die Jahre 1944 und 1945, schrieb Biograf Hamilton nach monatelanger, frustrierender Recherche, seien "ziemlich kryptisch" - Salinger bleibe eine "Silhouette".

"Wir alle hatten Angst"

Kleeman war zu dieser Zeit hautnah an Salingers Seite - und erweckt den Schattenriss nun zum Leben. Der aufstrebende Schriftsteller sei nicht weiter aufgefallen, sagt er. Niemand habe Namensschilder getragen, weshalb seine erste Frage an Salinger gewesen sei: "Wie heißt du denn?" Schnell seien sie Freunde geworden - auch das ein Widerspruch zu Berichten, denen zufolge Salinger in der Armee zu Kameraden oft herablassend und distanziert war. Im Gegenteil, sagt Kleeman. Salinger habe einfach nur in jeder freien Minute geschrieben. In jenen Monaten nahm "Der Fänger im Roggen" weiter Formen an.

Umsichtig habe Salinger ganze zwei Wochen darauf verwendet, seinen Jeep für die Überfahrt wasserfest zu machen. Kleeman habe ihm dabei gebannt zugeschaut. "Er hat perfekte Arbeit geleistet - wie bei seinen Geschichten." Zwischendurch machten sie in langen Gesprächen ihrer Furcht vor dem Einsatz Luft. "Es herrschte enormer Druck", sagt Kleeman. "Wir alle hatten Angst." Die Qual des Krieges zog sich später als Motiv durch viele Geschichten Salingers.

Die beiden Soldaten überquerten gemeinsam den Ärmelkanal. Es war eine gespenstische Fahrt ins Ungewisse, sagt Kleeman. Über die Landung in der Normandie, am Strandabschnitt Utah Beach, spricht er jedoch wenig, und auch Salinger spart in seinen Briefen diese Extremerfahrung aus.

Denkwürdiges Dreiertreffen mit Hemingway

Stattdessen schrieb Salinger noch zwei Jahrzehnte später in einem Brief an Kleeman vom "Hürtgenwald-Geschäft", in einer Mischung aus Ehrfurcht und Nonchalance. Gemeint ist die Schlacht im Hürtgenwald, die wegen ihres blutigen Gemetzels und mindestens 22.000 gefallener US-Soldaten traurige Berühmtheit erlangte. Salinger verarbeitete die dort erlebten Gräuel in düsteren Kurzgeschichten. Kleeman offenbart dazu noch ein weiteres Detail: Salingers Vorgesetzter damals sei ein "schwerer Trinker" gewesen und habe seine Soldaten gepeinigt. "Der soff eine Flasche nach der anderen."

Einmal, berichtet Kleeman, habe der Offizier Salinger befohlen, in einem verschneiten, eiskalten Schützenloch zu übernachten. Kleeman habe ihm Socken überlassen, die ihm seine Mutter gestrickt habe, und eine Decke, die er zuvor aus dem Hotel "Atlantique" in Cherbourg habe mitgehen lassen.

Ernest Hemingway, als Kriegskorrespondent unterwegs, stieß vorübergehend auch zu ihnen. Kleeman und Salinger hatten ihn in Frankreich kennengelernt. Im Hürtgenwald kam es zu einem denkwürdigen Dreiertreffen, von dem heute nur noch der einzige Überlebende erzählen kann. "Komm, lass uns Hemingway besuchen", habe Salinger eines Abends vorgeschlagen, sagt Kleeman. In einem Haus mit Notstrom habe Hemingway auf dem Sofa gelegen. Drei Stunden lang hätten sie Champagner aus Plastikbechern getrunken und sich "Papas" abenteuerlichen Storys angehört. Salinger habe den Älteren wie ein Idol angehimmelt.

Auch Salinger erinnerte sich noch lange an diese filmreife Szene. Etwa in einem Brief an Kleemann kurz nach Hemingways Selbstmord 1961. "Weißt du noch?", schreibt er nostalgisch über den Hürtgenwald-Abend, Hemingway sei so liebenswert gewesen.

"In Frauensachen kaltblütig"

Nach dem Krieg trennten sich ihre Wege für längere Zeit. Salingers Brief von 1945, gestempelt "Army Postal Service, 29. April 1945", brauchte ein Jahr, um Kleeman zu erreichen, der von einem Hospital ins andere verlegt wurde. Salinger blieb nach Kriegsende noch mehrere Monate in Deutschland und heiratete die Französin Sylvia Welter. Kleeman hat seine eigene Theorie über diese geheimnisumwitterte Ehe, die nur acht Monate dauerte: "Die Leute sagten, sie sei eine Nationalsozialistin gewesen." Salinger sei sie schließlich "losgeworden": "Er sagte ihr beim Frühstück, sie solle abhauen."

Sein Freund sei "in Frauensachen kaltblütig" gewesen, sagt Kleeman. "Er war kein besonders romantischer Typ." Auch seine spätere Frau Claire habe er ähnlich kühl "verstoßen" - und sich sogar darüber beschwert, dass seine Tochter Margaret kurz "mit einem Schwarzen verheiratet" gewesen sei.

Salingers Freundschaft mit Kleeman aber war dauerhaft - selbst als die Briefe langsam versiegten. So reiste Salinger 1978, lange nach seinem Abtauchen, inkognito nach New York, um an der Pensionsfeier für einen Kriegskameraden teilzunehmen. "Er war gut angezogen und schüchtern", sagt Kleeman. Anschließend habe er Salinger in ein Hotel in Manhattan gefahren. "Ganz diskret natürlich."

Zweimal besuchte Kleeman Salinger auch in New Hampshire, 1958 und 1983: "Wir saßen stundenlang auf dem Balkon und plauderten." Kleeman erinnert sich an das "überwucherte Feld" vor Salingers Haus, an die Garage und die überdachte Treppe. "Er hatte Hunde, die bellten. Er kam auf den Balkon heraus und winkte", sagt er. "Kommt hoch, rief er."

Salinger habe allem gegenteiligen Gerede zum Trotz "sehr glücklich" gewirkt. Und dann bestätigt Kleeman ein Gerücht, das seit langem kursiert: "Er zeigte mir das Zimmer, in dem er seine ganzen Manuskripte aufbewahrte." Nach Salingers Tod gab es Vermutungen, denen zufolge bis zu 15 unveröffentlichte Romane existieren - ein Geheimnis, das Salingers Erben bis heute nicht gelüftet haben.

Geblieben von seiner Freundschaft mit dem berühmten Literaten sind Kleeman ein Schwarzweißfoto von Salingers Haus in Cornish - und die Briefe. "Das ist mein Leben", sagt er stolz und hält eine Kopie des Schreibens von 1945 hoch.

Sanft lächelnd mustert er die Unterschrift: "Einer von uns musste ja als Erster gehen."



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