Pulitzerpreisträger Viet Thanh Nguyen "Ich will zeigen, wie der Westen den Krieg erzählt"

Seine Eltern flüchteten einst aus Saigon, er schrieb später einen Vietnamkrieg-Thriller aus der Sicht eines Vietcong-Spions. Viet Thanh Nguyen über Identität und den Einfluss von "Apokalypse Now" auf die US-Kultur.

Flucht während des Vietnamkriegs
AP

Flucht während des Vietnamkriegs

Ein Interview von


Zur Person
    Viet Thanh Nguyen, Jahrgang 1971, floh 1975 mit seinen Eltern und seinem Bruder aus Vietnam in die USA, wo er seitdem lebt. Er studierte an der University of California Englisch und Ethnic Studies. Bevor er mit "Der Sympathisant" 2016 den Pulitzer-Preis gewann, hatte er eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Eine Fortsetzung des Romans ist in Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Nguyen, wie würden Sie Ihren über 500 Seiten langen Roman in einem Satz zusammenfassen?

Nguyen: Der Fahrstuhl-Pitch wäre: Es ist ein Roman über den Vietnamkrieg, der aus einer Perspektive erzählt wird, die kaum jemand kennt: der vietnamesischen. Die längere Antwort: Er ist viel mehr als das. Der Krieg und der Spionageplot machen die Leser neugierig. Aber darüber hinaus geht es um Politik und Geschichte, um Fragen nach Moral, nach Ideologie, nach Identität. Für mich ist es eine universelle Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Roman beginnt mit dem Fall Saigons. Ihr namenloser Held, ein Vietcong-Spion, reist mit einem der letzten Flugzeuge aus, unter Lebensgefahr. Reflektiert dieser intensive Anfang Ihre eigenen Erlebnisse?

Nguyen: Nein, ich habe keine Erinnerung an unsere Flucht, ich war gerade mal vier Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Warum mussten Ihre Eltern das Land verlassen?

Nguyen: Aus Angst um ihr Leben. Meine Eltern waren Katholiken. Und Kapitalisten. Sie hatten einen kleinen - wenn auch nicht besonders erfolgreichen - Lebensmittelladen. Erst 20 Jahre später, als die USA und Vietnam politische und wirtschaftliche Beziehungen aufgenommen hatten, konnten sie wieder nach Vietnam reisen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hauptfigur ist halb Vietnamese, halb Europäer. Reflektiert diese Dualität Ihren eigenen Hintergrund?

Nguyen: Ich bin Amerikaner, aber auch Vietnamese. Für mich war es wichtig, einen Roman zu schreiben, der sich kritisch mit der amerikanischen Gesellschaft und Kultur auseinandersetzt. Gerade weil man das von jemandem wie mir nicht erwartet. Von vietnamesischen Einwanderern erwartet man in den USA Dankbarkeit, keine Kritik.

SPIEGEL ONLINE: "Der Sympathisant" ist voller Anspielungen auf westliche Sachbücher und Romane über Vietnam, vor allem Graham Greenes "Der stille Amerikaner". Ist das eine Kritik an westlichen Narrativen über den Vietnamkrieg?

Nguyen: Ja, ich will zeigen, wie der Westen den Krieg erzählt und welche Fehler er dabei macht. Das bedeutete, mit den großen Erzählungen über den Krieg in den Clinch zu gehen. Aus Büchern wie "Der stille Amerikaner" oder Filmen wie "Apocalypse Now" beziehen die meisten Menschen ihr Wissen über Vietnam.

Viet Thanh Nguyen
AFP

Viet Thanh Nguyen

SPIEGEL ONLINE: Die Dreharbeiten zu Coppolas Vietnamepos bilden den Hintergrund für einen Teil Ihres Romans: Der Protagonist arbeitet auf den Philippinen an einem Film mit, der viele Parallelen zu "Apocalypse Now" aufweist. Warum ist Ihnen dieser Film so wichtig?

Nguyen: Der Film repräsentiert, wie Amerikaner über den Vietnamkrieg denken. Dass ihre eigenen Erfahrungen entscheidend sind, und die Vietnamesen nur den Background für das große amerikanische Drama bilden.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht verständlich, dass die Amerikaner Filme aus ihrer Perspektive drehen?

Nguyen: Schon, aber das ändert nichts daran, dass viele Menschen nicht verstehen, wie mächtig die amerikanische Kultur ist, wie sehr ihr Bild von der Welt davon geprägt wird. Selbst Menschen, die diese Kultur ablehnen, können sich nicht von ihr freimachen.

ANZEIGE
Viet Thanh Nguyen:
Der Sympathisant

übersetzt von Wolfgang Müller

Karl Blessing Verlag; 528 Seiten; 24,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie "Apocalypse Now" zum ersten Mal gesehen?

Nguyen: Als ich zehn oder elf Jahre alt war, auf Video. Ich war natürlich noch zu jung, um den Film wirklich zu verstehen. Und so habe ich mich anfangs mit den US-Soldaten identifiziert. Doch irgendwann begriff ich, dass ich nicht einer von ihnen war, sondern einer von denen, die ständig umgebracht wurden. Eine traumatische Erfahrung, so in zwei Hälften geteilt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Der Sympathisant" Ihre Art, diese zwei Seiten miteinander zu versöhnen?

Nguyen: Nein, diese Dualität ist wichtig für mich und die Qualität meiner Arbeit. Die ganze Welt ist zerrissen, und ich möchte diese Zerrissenheit konfrontieren.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern tun Sie das in Ihrem Roman?

Nguyen: Als ich angefangen habe, an "Der Sympathisant" zu arbeiten, wurden die Geschichten über die Foltermethoden in Abu Ghraib publik. Und das schlägt sich auch in den Folterszenen am Ende meines Romans nieder. Diese Foltermethoden basieren auf Verhörtechniken, die in den Fünfzigerjahren von der CIA entwickelt und in Vietnam ausprobiert wurden. Auch wenn Jahrzehnte zwischen diesen Ereignissen liegen, gehören sie doch zum selben Kontinuum. Mein Verständnis vom Vietnamkrieg ist, dass er Teil der Entwicklung zum heutigen militärisch-industriellen Komplex ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Roman ist in Form eines Geständnisses geschrieben, zu dem der Ich-Erzähler in einem Umerziehungslager gezwungen wird. Damit steht er in der literarischen Tradition unglaubwürdiger Ich-Erzähler.

Nguyen: Die Unzuverlässigkeit ist ein essenzieller Teil der Geschichte. Diese Art von Geständnissen waren die Normalität in den Umerziehungslagern im Nachkriegsvietnam. Die Menschen mussten ihre Geständnisse immer wieder überarbeiten, so lange, bis sie endlich das Gewünschte schrieben - die sogenannte Wahrheit. Sehr ironisch, oder?

SPIEGEL ONLINE: Der Kommandant des Lagers wird so quasi zu seinem Lektor...

Nguyen: ... und zwar zum schlechtmöglichsten. Mein Erzähler ist nicht zuletzt auch ein ziemlich gestresster Schriftsteller.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Protagonist, der in dem Spion Pham Xuan An ein historisches Vorbild hat, lebt undercover in den USA, darf seine Identität niemandem gegenüber preisgeben, muss sogar Menschen töten, die eigentlich auf seiner Seite stehen, damit seine Tarnung nicht auffliegt.

Nguyen: Der Spion, und das macht es so reizvoll, einen Spionageroman zu schreiben, funktioniert als Metapher für die menschliche Identität. So wie meine Hauptfigur ständig eine Maske trägt, tragen die meisten Menschen Verkleidungen. Und stellen sich irgendwann die Frage, wer sie wirklich sind und wofür sie stehen.

SPIEGEL ONLINE: Zu den Aufgaben Ihres Erzählers gehört es, die Aktivitäten einer Gruppe von Flüchtlingen zu überwachen, die sich auf die Konterrevolution vorbereitet. Gab es so eine Organisation tatsächlich?

Nguyen: Ja, und sie haben einiges von dem, was ich im Buch beschreibe, tatsächlich getan, zum Beispiel vietnamesische Journalisten zu attackieren, die als Unterstützer der kommunistischen Regierung galten. Das Paradoxe, das Tragikomische daran ist, dass diese Gruppe sehr klein war und eigentlich keine Gefahr für die Kommunisten in Vietnam darstellte, aber trotzdem sehr ernstgenommen wurde. Heute ist sie als militärische Organisation aufgelöst, existiert aber als Exilpartei weiter. Manche Mitglieder kehren nach Vietnam zurück, um dort politische Proteste zu organisieren, was nicht ungefährlich ist. Denn die vietnamesische Regierung steckt unentwegt Menschen ins Gefängnis: Blogger, Dissidenten, jeden, der auch nur im Entferntesten regimekritisch ist.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt hat der vietnamesische Geheimdienst in Berlin einen Vietnamesen verschleppt.

Nguyen: Ja, eine total verrückte Aktion. Zum einen belastet es die Beziehungen zu Deutschland. Und zum anderen gibt es in Vietnam so viel Korruption, dass man sich fragt, was diesen einen Menschen so besonders macht.

SPIEGEL ONLINE: Wie kritisch stehen Sie dem heutigen Vietnam gegenüber?

Nguyen: Ich verbinde das Land mit Korruption und Unterdrückung. Auch wenn es mit der Wirtschaft bergauf geht, ist das gefährlich für die Zukunft Vietnams, kann es irgendwann zu Unruhen oder sogar einer Konterrevolution kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihr Roman ins Vietnamesische übersetzt?

Nguyen: Eine Übersetzung ist in Arbeit, fraglich ist nur, ob sie auch veröffentlicht wird. Die Regierung reagiert, wie gesagt, sehr empfindlich auf Kritik.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Knossos 19.08.2017
1. Essentielle Kleinigkeit am Rande
"SPIEGEL ONLINE: Ihr Protagonist, der in dem Spion Pham Xuan An ein historisches Vorbild hat, lebt undercover in den USA, darf seine Identität niemandem gegenüber preisgeben, muss sogar Menschen töten, die eigentlich auf seiner Seite stehen, damit seine Tarnung nicht auffliegt." Es sollte heißen: "... tötet er sogar Menschen, die ..." Denn von "müssen" kann nur die Rede sein, wenn dem Gedanken der Gleichberechtigung keine Geltung zukommt. Mehr noch verortet die Psychologie krankhaften Selbstbezug, wenn im Interesse eigener Existenz, die anderer ausgelöscht wird. Selbst, wenn das "Müssen" höherem Zusammenhang, wie dem Erhalt idealistischer Organisation im Untergrund geschuldet ist, bleibt dem auffliegenden Individuum im Fall eines Falles immer noch die Option, sich zu liquidieren, statt ausgerechnet jene, die ihm beistehen. Das schuldet er sich als Mensch. Mittlerweile nimmt es sich immer wieder mal so aus, als müsse so etwas erst dargelegt werden.
Newspeak 20.08.2017
2. ...
Es klingt vielleicht seltsam, aber ich glaube nicht, dass es in "Apocalypse Now" vor allem um den Vietnamkrieg geht. Man kann das schon als Aufhaenger sehen, und es passt in die damalige Zeit, als eine Art allgemeiner und persoenlicher Vergangenheitsbewaeltigung der Amerikaner und von Coppola. Aber es ist ja auch kein Zufall, dass der Film immer als eine Verfilmung von Conrads "Herz der Finsternis" genannt wird. Und da kommt man, finde ich, der Sache schon naeher. Der Film handelt von Kurtz. Er ist Kurtz. Alles andere ist nur Staffage. Der Soldat, der in den Dschungel geschickt wird, um Kurtz zu finden, ist ein Stilmittel, um dem Leser in Conrads Roman und Coppolas Film eine Moeglichkeit zu geben, Kurtz kennenzulernen, ohne dass er die Buehne betreten haette. Ein Resonanzboden. Ein Spiegel. Im Grunde haette man auch das Manifest von Kurtz drucken koennen, aber das waere nicht annaehernd so spannend und unterhaltsam und aufklaererisch, denn die Welt ist voll von solchen Manifesten Verrueckter, daran mangelt es nicht, es mangelt an der Reflektion darueber, dem in den Kontext stellen. Das ist, was Roman und Film leisten. Vietnam ist nur der Ort, an dem das exemplarisch stattfindet.
micheleyquem 20.08.2017
3. Eigenartiges Interview...
Ja " Knossos gestern, 19:25 Uhr, 1. Essentielle Kleinigkeit am Rande" sie haben völlig Recht und man müsste viel mehr Zeit und Platz haben um dieses Interview in seine tatsächlichen Bestandteile zu zerlegen und die Absicht dahinter offen zu legen.... „Es ist ein Roman über den Vietnamkrieg, der aus einer Perspektive erzählt wird, die kaum jemand kennt: der vietnamesischen.” Klingt zwar gut auf den ersten Blick, aber ein 1971 Geborener war nun mal nicht mal dabei und gibt nur das wieder, was man ihm erzählt hat! In diesem Fall ausgerechnet auch noch im US Exil! Noch schlechtere Vorraussetzungen für "Wahrheit" kann es eigentlich nicht geben. Wer verstehen will, dem sei tatsächlich Graham Greenes „The quiet American“ empfohlen, da gibt’s die Aufarbeitung von Politik, Wirtschaft und menschlicher Existenz vor Ort und den Übergang von der französichen Kolonialmacht zu den Amis.. Im Jahre 2017 auf die Übel des Kolonialismus hinzuweisen ist billig, damals war das normalste der Welt. Es sei denn man gehörte zu den besetzten Ländern. Wichtiger wäre die Tatsache, dass seit dem Ende des WW2 in 1945, 30.000.000 Menschen weltweit durch US Kriege ums Leben gekommen sind und, dass das gebildete und im Wohlstand lebende deutsche Volk eine Kanzlerin wieder und wiederwählt, die auch heute noch sagt, Deutschland hätte sich an dem bekanntermassen verbrecherischen Iraq Krieg der USA beteiligen sollen! Ausserdem sollte man sich klar machen, dass ein Land nur weil es von den Amerikanern angegriffen wird, deswegen noch lange nicht unbedingt von guten Menschen bewohnt sein muss! „Ich verbinde das Land mit Korruption und Unterdrückung.“ So ahnungslos kann nur ein Amerikaner sein! Bezeichnend ist, dass spon diesem Buch so viel Platz einräumt, wo es ganze Bücherregale voller Bücher gibt, die mit dem Thema intelligenter umgehen! Auch bei sämtlichen Berichten zu Pol Pot "vergisst" man immer wiederzu erwähnen, dass Pol Pot ohne den amerikanischen Vietnam Krieg gar nicht denkbar wäre!
strayboy 20.08.2017
4. @micheleyquem
Haben sie das Buch gelesen? Wenn sie es gelesen hätten, wüssten sie, dass es zu einem großen Teil in den USA unter vietnamesischen Flüchtlingen spielt - da dürfte der Autor hervorragende Erfahrungen haben. Und welche relevanten Erfahrungen haben die, die es Ihnen erlauben dieses Buch und ihren Autor auf diese Art und Weise zu kritisieren? Die haben den Vietnamkrieg miterlebt? Wenn!nicht müssen sie nach ihren eigenen Kriterien den Mund halten - das wäre sowieso besser gewesen....
micheleyquem 22.08.2017
5. @ strayboy 20.08.2017 4.
Wer einen Kommentar wwie ihren von sich gibt, der zeigt damit, dass er zu Zeiten des Vietnamkrieges noch nicht am Leben, oder zu jung war. Wir ALLE wussten damals, dass der VIetnam Krieg ebenso verbrecherisch war, wie zu Schröders Zeiten der Iraq Krieg. Die Leute die geflohen sind als eine vietnamesische Regierung stürzte, die seit jahrzehnten(!) immer auschliesslich aus korrupten Mördern und Folterern bestand. Statt am WIederaufbau des eigenen Landes mitzuhelfen, waren sie Kollaboratuere mit einer Armee die sich unzähliger Kriegsverbrechen schuldig gemacht hat und den Tod vonca 3 Millionen Menschen in der Region auf dem Gewissen hätte, wenn sie denn eines hätte. Und die Schuld am Aufstieg eines Pol Pot hat! Wie toll finden sie denn Bücher von Nazi Kollaborateuren mit dem Vichy Regíem von Petain? Wer VIetnam mit 4 Jahren verlassen hat und dann die Kriegs-Versionen anderen Emigranten nacherzaählt ist niemand der irgendwelches Vertrauen in ein Buch verdient! Solche Geschichte von und über Nazis gabs in den 50er Jahren in Deutschland an jeder Ecke!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.