Star-Autorin Despentes "Mit der extremen Rechten reden? Bringt nichts"

Sie ist Autorin, Regisseurin und Feministin - zuletzt wurde Virginie Despentes' Romantrilogie "Vernon Subutex" als Gesellschaftspanorama gefeiert. Zeit, mit ihr über die drängenden Fragen unserer Tage zu sprechen.

"Vernon Subutex"-Autorin Virginie Despentes
DPA

"Vernon Subutex"-Autorin Virginie Despentes

Ein Interview von


Zur Person
    Virginie Despentes, 1969 in Nancy geboren, ist seit 2016 Mitglied der renommierten Académie Goncourt. Ihr Debütroman "Baise-moi (Fick mich!)" handelt von zwei Frauen, die mordend durch Frankreich reisen - Despentes' Verfilmung im Jahr 2000 löste einen Skandal aus. Seither hat sie mehrere Romane veröffentlicht, oft mit expliziten Sex- und Gewaltschilderungen. Ihr dreiteiliger Roman "Vernon Subutex" wurde in Frankreich als Gesellschaftspanorama des Gegenwarts-Paris gefeiert. In Deutschland ist der erste Teil erschienen, der zweite folgt am 15. Februar bei Kiepenheuer und Witsch.

SPIEGEL ONLINE: Virginie Despentes, bei der Buchmesse hatte der Theoretiker Didier Eribon die Einladung zur Eröffnungsfeier ausgeschlagen, weil dort Emmanuel Macron redete. Der sei für ihn "not my president". Ist Macron Ihr Präsident?

Despentes: Natürlich. Bin ich glücklich mit ihm? Nein! Aber er wurde direkt vom Volk gewählt. Und auch ich habe für ihn gestimmt, weil ich Marine Le Pen als Präsidentin nicht erleben wollte. Emmanuel Macron ist mehr mein Präsident, als es Le Pen je wäre.

SPIEGEL ONLINE: Und verglichen mit Jacques Chirac, der 2002 in einer ähnlichen Situation wiedergewählt wurde?

Despentes: In Frankreich gab es einen Bruch mit Nicolas Sarkozy. Davor haben wir die Präsidenten gehasst oder ihre Politik, aber es gab einen Grundrespekt. Mit Sarkozy wurde etwas zerstört. Er war so etwas wie unser Trump. Danach hätten wir die Verfassung ändern sollen, um eine neue Ära auszurufen. Macron ist für uns Franzosen niemand Neues, er war Teil der vorherigen Regierung. Politisch denke ich ähnlich wie Eribon, aber nicht mit seinen Worten. Allerdings wurde mir gesagt, Macrons Rede in Frankfurt sei brillant gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kam wirklich sehr gut an. Er hat überhaupt viele Fans in Deutschland.

Despentes: Oh, er ist auch sehr gutaussehend.

SPIEGEL ONLINE: Das hilft vermutlich. In Deutschland gibt es die romantische Idee vom französischen Präsidenten als glamouröse Figur mit den großen Gesten, den großen Reden, den großen Ideen.

Despentes: Macron hat Glamour. Und er hat die richtige Kulturministerin ausgewählt. Aber ich sehe nicht, dass er besonders große, neue Ideen mitbringt. Für mich sieht es aus, als mache er dasselbe, was in Spanien gemacht wurde. Und da hat es nicht funktioniert, es hat nirgends funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen seine Wirtschaftspolitik?

Despentes: Ja, Spanien haben die Ultraliberalen richtig zerstört, und sie werden in Frankreich dasselbe anrichten.

SPIEGEL ONLINE: Was man Macron in Deutschland besonders zugutehält, sind seine Vorstellungen von einem gestärkten Europa. Können Sie ihm da folgen?

Despentes: Der Gedanke, Ideen für Europa zu finden, ist gut. Aber meine wären eher klassisch sozialistisch, für mich ginge es eher darum, zu teilen. Europa ist wichtig, aber wenn man nicht teilt und die Armen ihrem Schicksal überlässt, dann werden sie sich irgendwann in die öffentliche Wahrnehmung hineinzwingen. Denn aus einer verzweifelten Bevölkerung kommen gefährliche Menschen. Aber mir gefällt der Enthusiasmus, den Macron ausstrahlt. Man wird sehen, wie die Verhandlungen mit der deutschen Regierung ablaufen werden. Da bin ich noch ein bisschen skeptisch. So enthusiastisch wie Sie in Deutschland sind wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange in Barcelona gelebt, haben dort noch immer einen Wohnsitz. Wie beurteilen Sie die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens?

Despentes: Oh, das ist wirklich komplex! Ich lebe dort mehr oder weniger seit zwölf Jahren und kenne die katalanische Identität sehr gut. Aber wie es so schnell so weit und so schlimm kommen konnte, das war eine Überraschung. Puigedemont ist wirklich kein Irrer, vor sechs Monaten wirkte er wie ein ganz normaler Konservativer. Und nun trifft er auf eine spanische Regierung, die direkt von Franco abstammt und nicht ein einziges Mal Fehler eingeräumt hat. Ich war vergangenen Monat in Katalonien. Das war wirklich beängstigend.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Despentes: Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer vertrauten Umgebung und hatte das Gefühl, hier könnte jetzt ein Krieg ausbrechen. Ich war 22, als es in Jugoslawien losging. Dieses großartige Land - und plötzlich war es ein Gemetzel. In Barcelona fühlte es sich ähnlich an, bloß näher dran. Wie einfach das gehen kann, das macht mir wirklich Angst.

Virginie Despentes
Getty Images

Virginie Despentes

SPIEGEL ONLINE: Plötzliche Veränderungen beschreiben Sie auch in Ihrem Roman "Vernon Subutex": Figuren, die "rechts werden", die es zwei, drei Jahre zuvor noch nicht gewesen zu sein schienen. Ist das ein Phänomen, das Sie selbst erlebt haben?

Despentes: Ja, ich habe tatsächlich enge Freunde, bei denen sich das so entwickelt hat. In Frankreich gibt es auch etliche Intellektuelle, die die Seite gewechselt haben. Linke Denker, die nach und nach - oder manche auch ganz plötzlich - reaktionär geworden sind. In Katalonien zum Beispiel hatten wir linke Nationalisten, aus denen dann linke Rassisten wurden, womit ich nur sehr schwer umgehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Despentes: Die Leute folgen den Rechten, weil man ihre Lösungen schnell versteht, man kann sie schnell im Internet weitergeben. Wenn man in aller Ruhe darüber nachdenkt, ist es wirklich dummes Zeug. Aber im Internet lässt sich die These, dass die Muslime für alles verantwortlich seien, schnell verteidigen. Wenn man das glaubt, dann braucht man sich um nichts mehr zu kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Antwort sein?

Despentes: Was man tun kann, ist wohl nur, etwas Stärkeres zu entwickeln. Eine alternative Erklärung, eine alternative Utopie, ein alternatives Begehren. Wir müssen wirklich starke Alternativen anbieten, die auch auf einen 20-Jährigen Eindruck machen. Das fehlt heute. Denn der liberale Kapitalismus wird bald sein Ende finden, es kann nicht noch 30 Jahre so weitergehen. Deshalb sollten wir weniger Schuldgefühle haben, wenn wir Utopien entwickeln. In Frankreich schämen sich viele ihrer Träumereien. Dabei brauchen wir mehr Träumer.

SPIEGEL ONLINE: Vor der Bundestagswahl - und danach erst recht - gab es bei uns viele Diskussionen darüber, wie mit den Wählern der AfD umzugehen wäre. Ob wir auf ihre Sorgen eingehen sollten, ob wir mit ihnen reden sollten, über sie reden sollten, sie ignorieren….

Despentes: Wir hatten dasselbe Problem, als der Front National seinen Aufstieg begann. Die französischen Medien entschlossen sich, mit ihnen zu sprechen. Ich würde nicht sagen, dass es sonderlich gut funktioniert hat. Mit der extremen Rechten zu reden, das hat uns nichts gebracht - außer mehr extreme Rechte. Denn wenn man mit ihnen spricht, dann erkennt man sie und ihre Ideen an. Und wenn man sie erst mal anerkannt hat: Viel Glück!

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übersetzt von Claudia Steinitz

Kiepenheuer & Witsch; 400 Seiten; 22 Euro

SPIEGEL ONLINE: Zu etwas ganz anderem. Nach der Affäre um Dominique Strauss-Kahn schrieben Sie in einem Artikel im "Guardian", dass die Affäre nur ein Symptom sei für sexistische Grundstrukturen insgesamt. Nun gibt es die Affäre Harvey Weinstein. Glauben Sie, dass Weinsteins Absturz ein Anfang vom Ende dieser Strukturen sein könnte?

Despentes: Ein Anfang, vielleicht, aber wirklich noch ganz vorne am Anfang! Wichtig ist, dass die Fälle jungen Frauen bewusst machen: Ein solches Verhalten ist nicht normal. Dass sie sich beschweren können. Vor 30 Jahren wäre es ihnen als Mangel an Reife ausgelegt worden, wenn sie sich beschwert hätten. Solches Verhalten galt als Teil dessen, was man über sich ergehen lassen muss, wenn man eine Frau ist. Wahrscheinlich werden viele junge Frauen auch heute nicht sofort die richtige Reaktion finden - das ist zu komplex in dem Augenblick. Aber wenn sie wieder zu Hause sind, werden sie nicht mehr schweigen vor Scham. Sie fühlen sich schlecht, aber sie wissen, es ist nicht ihr Fehler als Frauen; das Verhalten des Mannes war unangemessen. Ja, ich glaube schon, dass sich da etwas verändert.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
wahrsager26 18.10.2017
1. Anerkennen......
Nun, miteinander Reden kann nicht schlecht sein, egal worum es dabei geht. Was aber auffällig ist, auch bei dem Interview: Vergleiche zur Realität ,den gesellschaftlichen Umständen,werden nicht gezogen! Warum eigentlich? Ist es schöner in der Theorie zu verharren ? Offenbar ! Somit konnte ich dem Interview nichts Neues entnehmen ! Danke
merlin 2 18.10.2017
2. Sie liegt absolut richtig.
Blanke Zeit- und Energieverschwendung mit extremen Rechten oder auch Linken irgendeinen Konsens finden zu können. Das scheitert an der Grundeinstellung und der festen Überzeugung, die ideologische Hoheit zu besitzen und diese unbedingt dem anderen überstülpen zu müssen.
Newspeak 18.10.2017
3. ...
Zitat von merlin 2Blanke Zeit- und Energieverschwendung mit extremen Rechten oder auch Linken irgendeinen Konsens finden zu können. Das scheitert an der Grundeinstellung und der festen Überzeugung, die ideologische Hoheit zu besitzen und diese unbedingt dem anderen überstülpen zu müssen.
Ich wuerde sagen, das kommt auf das Thema an. Wenn sie erkannt haben, dass 1 + 1 = 2 ist, dann macht ein Konsens nach dem Motto, "es koennte aber auch 3 sein, weil uns das besser in den Kram passt" keinen Sinn. Das wird dann gerne verunglimpft, als radikal, ideologisch, usw., wo es doch einfach nur richtig ist.
Bondurant 18.10.2017
4.
Zitat von wahrsager26Nun, miteinander Reden kann nicht schlecht sein, egal worum es dabei geht. Was aber auffällig ist, auch bei dem Interview: Vergleiche zur Realität ,den gesellschaftlichen Umständen,werden nicht gezogen! Warum eigentlich? Ist es schöner in der Theorie zu verharren ? Offenbar ! Somit konnte ich dem Interview nichts Neues entnehmen ! Danke
Hier die Erklärung: Despentes' Romane erzählen von Randexistenzen in französischen Großstädten, von Frauen und Männern zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die von und mit Drogen, Sex und Kleinkriminalität leben. Menschen, die in Bezug auf Arbeit, Wohnung und Familie der gesellschaftlichen Normalität entsprechen, kommen kaum vor. https://de.wikipedia.org/wiki/Virginie_Despentes Mit normalen Menschen haben es diese "Intellektuellen" nicht so. Die finden sie langweilig.
alex_kaiser 18.10.2017
5. Wer nicht redet hat in der Regel die schlechteren Argumente
Einerseits zu glauben man sei besonders demokratisch und im gleichen Zug Andere dadurch zu diskriminieren, dass man ihnen sogar das Gespräch verweigert, passt nicht zusammen. Vielleicht sollte die Linke mal in sich gehen und überlegen, welche Argrumente der Rechten stichhaltig sind. Mit dem Ignorieren von Problemen ist es jedenfalls nicht getan.
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