Punk-Pionierin Viv Albertine Jede Sicherheitsnadel ein Stich gegen das Klischee

Als Gitarristin der Band The Slits half sie, dem weiblichen Begehren im Punk eine Stimme zu verleihen. Nun erscheinen die Lebenserinnerungen von Viv Albertine endlich auf Deutsch - ein Glücksfall.

Suhrkamp Verlag

Von Kerstin Grether


"Jede Zelle meines Körpers ist von Musik erfüllt, aber ich komme nicht auf die Idee, mich einer Band anzuschließen, in einer Million Jahre nicht - wieso auch? Es gibt niemanden, mit dem ich mich identifizieren kann. Mädchen spielen nicht E-Gitarre. Und normale Mädchen wie ich schon gar nicht."

Es dauert dann aber doch nur sechs Jahre, und ein Sex-Pistols-Konzert, bis dieses "normale", in einer Londoner Sozialwohnung aufgewachsene Mädchen, eine Band gründet. Und, typisch für die stets zwischen Selbstbewusstsein und Schüchternheit schwankende Viv Albertine: Auf einmal kann sie für die erste Besetzung ihrer Band Flowers of Romance sogar den jungen Sid Vicious gewinnen.

Der scheint zwar wirklich viel geflucht und "irgendwo hingerotzt" zu haben, aber der detailgenaue Blick der Autorin legt auch bislang unerwartete Seiten der harten Punk-Ikonen frei. So beschreibt sie den späteren Sex-Pistols-Bassisten und Punk-Überhelden als durchaus süß schüchternen und schambesetzten Menschen.

Es ist 1976 und die neue Subkultur, die so "anti" wie kreativ ist, stellt die Zeichen der Zeit auf Selbermachen. Was für ein Glück für unsere Protagonistin, die zwar die Kunstschule schmeißt, um E-Gitarre zu spielen, aber noch nie eine E-Gitarristin gesehen hat. Bald darauf wird sie mit ihrer Band The Slits selbst zu einem feministischen Role-Model der Punk-Bewegung, lange bevor es den Begriff "Riot Girl" gab.

Leute, die sich leidenschaftlich von feministischen Ideen angezogen fühlen, haben sich oft schon über jedes einzelne Mädchen gefreut, das kreativ oder sichtbar war. Und so nimmt Viv Albertine fast jede Frau zur Kenntnis, die in irgendeiner interessanten Form am Popkultur-Mythos teilhatte. Und sei es "nur" als Freundin von Marc Bolan oder als Schnulzensängerin. Sie selber hört aber auf, mit Mick Jones von The Clash Händchen zu halten, sobald sie auf der Straße zufällig einen aus der Clique trifft. Denn sie will als Gitarristin was zählen, und nicht als typisches Girlfriend.

Intensiver und intimer, aber nie demaskierender Blick

Es ist die Stärke dieser Memoiren, dass sie sich so gar nicht wie gewöhnliche Musiker-Erinnerungen lesen. Viv Albertine entwickelt eine eigenständige erzählerische Kraft, so dass man sich beim Lesen in eine Geschichte über Punk hineingezogen fühlt, bei der die Helden auch ganz anders als Johnny Rotten, Malcolm McLaren oder Vivienne Westwood heißen könnten. Wenn auch die Authentizität der Geschichte die Adrenalinzufuhr beim Lesen natürlich erheblich steigert.

Die Heldin schont weder sich noch ihre Träume, aber ihren Weggefährten gönnt sie einen intensiven und intimen, aber niemals demaskierenden Blick. Es ist ein Schelmenroman mit echten Schelmen und Schelminnen; ein seltener Glücksfall für die Punk-Geschichtsschreibung.

Dabei will dieses Buch aber auch sehnsüchtige und scharfsinnige Lebensbeichte sein, the ballad of Viv Albertine sozusagen, die mit der Doppelmoral der Fünfzigerjahre ebenso aufwächst wie mit John Lennons und Yoko Onos Gleichheitscredo der Hippie-Ära. Gegen das traditionelle Hausfrauendasein rebelliert sie mit jeder Sicherheitsnadel am Revers; schon in der Grundschule zieht sie mit einer liebenswürdigen Mädchengang durch die Straßen Londons.

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Und doch konzentriert sich Viv nach 20 provokanten Berufsjahren als Musikerin, Regisseurin und Cutterin für einen ebenso langen Zeitraum auf ein Leben als Hausfrau mit Ehemann und Kind. Darin vergleichbar mit der großen amerikanischen Punk-Ikone Patti Smith, die ebenso literarisch anspruchsvoll über ihr Leben geschrieben hat - und sowieso zu Albertines ewigen Vorbildern gehört. (Patti Smith taucht im Buch auf; just in dem Moment, als Viv beschließt wieder als Künstlerin aktiv zu werden, betritt die Vielbeschworene das Café.)

Der Weg zum Kind ist allerdings ein ungewöhnlich schwerer: Albertine schreibt über ihre beiden Fehlgeburten und elf künstliche Befruchtungsversuche. Endgültig ins Beklemmende kippt die Story, als Viv Albertine ebenso schonungslos über alle Stationen ihrer Chemotherapie und Krebserkrankung berichtet. Diese Kapitel lassen all die vorangegangenen shocking Punkstories in einem fast harmlosen, neongrellen Licht der Jugend erscheinen.

Doch bei genauerem Hinsehen entpuppen sich auch schon die Erfahrungen als Musikerin als äußerst drastisch. Denn so hilfreich die männlichen Musikerkollegen um sie herum auch gewesen sein mögen: Die Tontechniker, Fotografen, Manager, Plattenfirmen und Hoteliers behandelten die wilden Girls von den Slits auf eine Art und Weise, wie man sie im London der Siebzigerjahre nicht vermutet hätte: "Niemand darf uns sehen. Wir existieren nicht. Wohin wir auch gehen, man behandelt uns wie eine Bedrohung der nationalen Sicherheit."

Aber genau das - und ihr unverwechselbarer Stil, schon früh mischten sie Dubreggae mit Punk - macht die Band heute zu einer Kostbarkeit. Die Slits gaben dem weiblichen Begehren im Punk eine Stimme! Sie wollten großartige Popsongs schreiben, erfanden aber doch etwas Neues.

Und dann war da noch eine gewisse Jordan, Verkäuferin in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens legendärem "Sex"-Shop. Viv Albertine gibt natürlich auch unbekannten Randfiguren wie ihr einen schicken Inspirations-Credit.

Und beweist mit jedem Satz, dass sie verstanden hat, dass es sowohl im Punk als auch im Feminismus um den Respekt vor Pionierinnen geht: "Jordan ist ein Kunstwerk. Manchmal trägt sie gar keinen Rock. Nur Netzstrümpfe, Satinunterhosen mit hohem Bund, eine Corsage aus Leder oder Latex, dazu Bondageschuhe. Sie malt sich zwei schwarze Zacken über die Lider, was aussieht wie eine Bankräubermaske. So bekleidet fährt Jordan mit dem Zug nach London herein. Jeden Tag. Sie geht nicht im Bahnhof Charing Cross aufs Klo und zieht sich um. Ihre Haltung färbt auf uns alle ab. Man muss es leben."

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insgesamt 7 Beiträge
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ColonelCurt 10.05.2016
1. Addendum
Vielleicht sollte man neben den ganzen Punk-Anekdoten auch das musikalische Oeuvre von The Slits würdigen, die als sozusagen weibliche Version von The Pop Group insbesondere in der Animal-Space-Phase schlicht brillant waren.
Jo-Tim 10.05.2016
2. Danke
für diesen Text. Und das ! Er wird viel zu schnell wieder weg sein.
Abel Frühstück 10.05.2016
3.
Das Buch ist super, ich habe vor einiger Zeit das Original gelesen. Schade, dass Suhrkamp sich für einen alternativen, aber englischen Titel entschieden hat - auch wenn es auf einen Songtitel der Slits anspielt. Viv Albertine hat zuletzt auch als Schauspielerin überzeugt.
xysvenxy 11.05.2016
4.
Die Originalversion für Kindle kostet nur 7,22€
hastaloco 11.05.2016
5. die slits...
... kennenzulernen hat mir diese selbstverständlichkeit im umgang mit frauen gebracht! Abseits von 'Emma' zu der zeit & 'quotenfrauen' heute! Ihre bühnenpräsenz, energie, wunderbare einstellung... zusammen mit Ari & Tessa oder ihrer vorgängerin Kate, den anderen wie Pauline/Penetration, Poly/XraySpex, SiouXsie etc waren & sind diese frauen unerreicht aber eben auch aus einer anderen zeit...
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