Großstadt-Roman von Volker Heise Wo Menschen nur ein Rohstoff sind

Ein Heißluftballon kreist über Berlin. Doch Filmemacher Volker Heise zoomt in seinem Romandebüt "Außer Kontrolle" nah auf die Großstadtbewohner und erzählt von einer Nacht, in der alles eskaliert.

Berliner U-Bahnhof
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Berliner U-Bahnhof


"Die Stadt ist ja nicht Los Angeles oder Baltimore, wo Schießereien an der Tagesordnung sind, weil die Armut um sich ballert" - vielleicht ist es nur ein Zufall, dass Volker Heise einen jungen Berliner Arzt ausgerechnet an diese beiden US-Großstädte denken lässt, als sich zum ersten Mal mit einer Schusswunde konfrontiert sieht. Aber die Referenz zu zwei großen Werken der Sozialgeografie ist somit gesetzt: "City of Quartz", Mike Davis' visionäre Erkundung von L.A., und David Simons TV-Serie "The Wire", die zeigt, wie Baltimore vor die Hunde gehen kann, wenn sich nur alle genügend Mühe geben.

Ähnlich ambitioniert wie Davis und Simon ging der Dokumentarfilmer und Grimmepreisträger Volker Heise vor, als er 2008 versuchte, die Flüchtigkeit und die Volatilität der vielgestaltigen Metropole Berlin einzufangen. Über den Doku-Marathon "24h Berlin" schrieb SPIEGEL ONLINE damals, Heise habe "dem kontinuierlichen Kommen und Vergehen ein Schnippchen" geschlagen. Ein Mammutprojekt, das unzählige Querschnitte durch die Metropole zog - geografisch wie gesellschaftlich.

Auch in seinem gerade erschienenen Romandebüt "Außer Kontrolle" entwirft Heise ein Großstadtpanorama, allerdings nicht im XXL-Format seiner Doku. Auf schlanken 240 Seiten erzählt er von einer einzigen katastrophalen Nacht in Berlin. Knapp zwölf Stunden, in denen ein Durchschnittsmensch zum Polizistenmörder wird, eine an sich harmlose Situation in alle Richtungen hypereskaliert. En passant erzählt Heise mit, wie die Stadt sich verändert, wie die Gentrifizierung um sich greift, wie die Verlierer versuchen zu überleben und die Gewinner hoffen, davon nicht allzu sehr gestört zu werden. Das alles beschreibt er ohne die Moralkeule zu schwingen, dafür mit bösem Witz, feiner Melancholie und einem sicheren Gespür für den Rhythmus der Großstadt.

Autor Volker Heise
Dagmar Morath

Autor Volker Heise

Heise nimmt Berlin als Mikrokosmos unserer Gesellschaft, zeigt die Verwüstungen, die der Kapitalismus anrichtet. Und vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die im Oktober 2008 fast schon apokalyptische Ausmaße angenommen hatte und die in Form von Radio- und TV-Nachrichten in den Roman einsickert: "Kursstürze an der Börse, Bankhäuser taumeln am Abgrund. (...) Raten für Häuser werden nicht bezahlt, Aufträge bei den Werften storniert, Schiffe hängen in Häfen fest, und Kapital verflüchtigt sich, als wäre es austretendes Gas."

Einen Heißluftballon lässt Heise am Anfang seiner Geschichte über die Stadt schweben - er wird sich als eine Art Totenluftschiff entpuppen, das am Ende mit drei neuen Passagieren an Bord ins Nichts davonschwebt: "Nicht in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit, nicht in die Gegenwart."

Jedermann findet die Liebe im Callcenter

Dabei beginnt alles ganz harmlos, ganz alltäglich. Heise fängt wie mit einer Drohnenkamera Bilder aus Berlin ein. Ein ungewöhnlich warmer Oktobertag nähert sich seinem Ende. Menschen sind unterwegs, mit der Bahn oder dem Auto, auf dem Weg nach Hause, ins Restaurant oder zur Nachtschicht. In den Parks wird gegrillt. Obdachlose tragen Trost in Flaschen mit sich herum. Und Jan kauft Verlobungsringe.

Ein unscheinbarer junger Jedermann, der aus der norddeutschen Provinz nach Berlin gekommen war, um zu studieren. Der in der Großstadt verloren gegangen und in einem Callcenter gelandet ist. Und der ausgerechnet dort die Liebe gefunden hat. An diesem Abend will er seine Freundin Nadine ausführen, in ein feines Restaurant, ihr den Antrag machen. Und am Ende der Nacht, so hofft er, werden sich die "Scherben, aus denen sein bisheriges Leben besteht, zu einer Ordnung fügen".

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Volker Heise:
Außer Kontrolle

Rowohlt Berlin, 240 Seiten, 20 Euro

Doch in dieser Nacht wird es kein Happy End geben. Nicht für Jan. Nicht für Nadine. Nicht für Tobias Naujoks, den Sternekoch aus der Chausseestraße, der gegen seine Schulden kaum noch ankochen kann. Nicht für Axel Hentschel, den früheren SEK-Hotshot, der mit über 40 wieder Streife fahren muss. Nicht für den jungen Arzt, der unschuldig ins Kreuzfeuer der Polizei gerät. Für niemanden.

Und wenn es wieder Morgen wird, wenn die Stadt wieder zum Leben erwacht, wird es einfach weitergehen, fast als ob nichts passiert wäre. Die Stadt, heißt es am Ende des Romans, sei "wie ein riesiger Organismus, für den die Menschen nur ein Rohstoff sind".

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insgesamt 2 Beiträge
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guentherzaruba 27.11.2017
1. HR Human Resources
+++++++Human Resources – Definition. Der Begriff Human Resources wird auch als Humankapital, Human Capital oder kurz als HR bezeichnet.+++++ als ich diesen Begriff das erste mal im Arbeitsalltag gehört habe war mir klar :" das waren noch Zeiten als man wenigstens noch eine NUMMER war".... der Schritt nach unten war vollzogen.
Hartsoe 28.11.2017
2. Fast interessant...
...als Buch. Hätte mich sicherlich auch interessiert, aber warum noch lesen, wo offensichtlich der Ausgang der Nacht schon im Text hier steht. Dieses Nacherzählen eines gesamten Buches als Kritik zu verkleiden greift leider, auch unter "Profis" der Literaturkritiker immer mehr um sich.
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