Volker Kutschers neuer Dreißigerjahre-Roman Als es dunkel wurde in Berlin

Der Kommissar Gereon Rath sucht im Berlin der beginnenden Nazizeit nach Tätern und Haltung - bald auch als Prestige-TV-Serie. Als Roman gibt es nun schon den sechsten moralisch-komplexen Fall: "Lunapark".

Lunapark Berlin-Halensee um 1925
picture-alliance / akg-images

Lunapark Berlin-Halensee um 1925


Boxkämpfe, Feuerwerke und Jazzmusik: Der Berliner Lunapark war ein Ort des kollektiven Rauschs, ein Tempel des Vergnügens, eine Feier der Moderne. Alles also, was den Nationalsozialisten gegen den Strich ging - und so schlossen sie kurz nach der Machtergreifung diesen "Schandfleck des Westens", dieses europäische Coney Island.

Mehr als 80 Jahre später gibt der Lunapark dem neuen Kriminalroman von Volker Kutscher seinen Titel. Aus dem Vergnügungspark wird ein düsterer Ort des Verfalls, in dem Kriminelle und Kommunisten Unterschlupf suchen. Ein besseres Bild für eine Zeit, in der ein Land in die Hand von Barbaren fällt, hätte Kutscher nicht finden können.

"Lunapark" ist der sechste Fall für Gereon Rath, Kutschers aus Köln nach Berlin verfrachteten Kommissar. Begonnen hatte Kutscher mit "Der nasse Fisch", und der frühere Lokaljournalist und erfolglose Regionalkrimiautor hatte ziemlich überraschend einen Hit gelandet. Seitdem verkaufen sich die Romane wie damals Eintrittskarten für die Kämpfe von Max Schmeling.

Was als Buch funktioniert, sollte auch als Fernsehserie ein Hit werden. Das hofft Tom Tykwer, der seit Jahren an dem 40-Millionen-Euro-Projekt "Babylon Berlin" arbeitet, dem deutschen Versuch, endlich auch einmal einen Beitrag zum ausgehenden goldenen Serienzeitalter beizusteuern. Ob es klappt, werden wir voraussichtlich im Herbst 2017 wissen, dann soll bei Sky die TV-Version vom "Nassen Fisch" an den Start gehen.

ANZEIGE
Volker Kutscher:
Lunapark

Gereon Raths sechster Fall

Kiepenheuer & Witsch; 560 Seiten; 22,99 Euro

Die Rath-Romane ergeben ein Panorama der Verdunkelung; als Kutschers Kommissar 1929 nach Berlin kommt, war es noch eine schillernde Metropole der Dekadenz, aber auch eine Hauptstadt des Verbrechens. Idealer Nährboden für Kriminalromane also.

Die Handlung von "Lunapark" entspinnt sich fünf Jahre später, in den Monaten vor dem sogenannten Röhm-Putsch, als die Naziführung hochrangige Mitglieder der Sturmabteilung (SA) ermorden ließ und so die Organisation, die immer noch von Revolution sprach, entmachtete. Einen Putsch gegen den Führer hätte die SA geplant, so die Rechtfertigung. "Die Drahtzieher sind bis in höchste SA-Kreise zu finden", lässt Kutscher Reinhard Heydrich, frisch ernannter Leiter des Geheimen Staatspolizeiamts (Gestapa), sagen: "Eine kleine schwule Verschwörung."

Raths Fall - und ein moralisches Dilemma

Doch bevor es zur "Nacht der langen Messer" kommt, hat die SA ein ganz anderes Problem. Irgendjemand bringt ehemalige Verbrecher, Mitglieder der berüchtigten Ringvereine, um die Ecke. Die haben sich inzwischen in einem SA-Sturm organisiert und führen unter diesem Deckmäntelchen weiter ihre kriminellen Geschäfte, Spezialgebiet Entführungen.

Gereon Rath wird mit dem Fall betraut - allerdings nur als Verbindungsmann zwischen Polizei und Gestapa. Der nah am Genreklischee gebaute Polizist - Kettenraucher, Querkopf, Nicht-Parteimitglied - muss mit einem Mann zusammenarbeiten, den Kutscher-Leser bereits kennen: Reinhold Gräf, Raths früherer Untergebener und Saufkumpan, der mit dem Wechsel zur Gestapa auf einen Karrieresprung hofft. Gräf sucht keinen Täter, sondern einen Sündenbock, am liebsten einen Kommunisten.

Wie setzt man sich für das Recht ein, wenn man innerhalb eines Unrechtssystems arbeitet? Während Gräf sich zu einem kalten Karrieristen entwickelt und dafür am Ende über Leichen geht, bekommt Rath zunehmend Probleme, ein richtiges Leben im falschen zu finden. Ein moralisches Dilemma, das Kutscher zusätzlich dadurch verkompliziert, dass Rath in der Schuld des Großkriminellen Marlow steht. Der fordert von dem Kommissar, den Hauptverdächtigen an den SA-Morden, einen seiner Konkurrenten, zu eliminieren.

Autor Volker Kutscher
DPA

Autor Volker Kutscher

Wie Rath zunehmend ins Schlingern gerät, seine Linie verliert, das ist spannend zu beobachten und wird sicherlich auch die folgenden Romane, mindestens zwei weitere soll es geben, tragen. Zumal der Polizist auch zu Hause keine Ruhe findet: Seine Ehefrau Charly sympathisiert mit den Kommunisten und bringt sich immer wieder in Gefahr, Ziehsohn Fritze ist im besten Hitlerjugend-Alter.

Lange Zeit macht es großes Vergnügen, Rath auf der Suche nach einem Mörder und seiner eigenen Haltung durch Berlins Unterwelt zu folgen. Kutscher beweist einiges Geschick darin, historische Zusammenhänge zu vermitteln, ohne zu klingen wie ein Wikipedia-Eintrag. Er ist kein Kulissenschieber, besitzt einen feinen Sinn für Details - die verrauchten Berliner Bierkneipen, die verstohlenen zweiten Hinterhöfe, die Automarken, die Zigarettensorten.

Dennoch: Auf halber Strecke geht Kutscher der erzählerische Atem aus. Die Geschichte kommt immer wieder ins Stocken, und in solchen Momenten wird deutlich, dass seine konzise Sprache nur so lange funktioniert, wie die Handlung zu fesseln weiß. Auf Dauer ist sie ein bisschen zu kunst- und schmucklos, manchmal auch umständlich und floskelhaft. Kutscher scheint nur ein Tempo zu kennen, nur eine Erzähltemperatur; und wenn er etwas betonen möchte, dann greift er zum billigsten aller Stilmittel, dem Ausrufezeichen. Und das so regelmäßig, dass man sich beim Lesen gelegentlich die Ohren zuhalten möchte.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ambulans 14.11.2016
1. schade,
dass ihm (V. K.) inzwischen die luft auszugehen scheint. aber: ich fand eigentlich philip kerrs privatdetektiv "bernie gunther" vor und nach dem 3. reich eh erheblich besser (recherchiert, konzipiert und geschrieben) ...
ambulans 14.11.2016
2. schade,
dass ihm (V. K.) inzwischen die luft auszugehen scheint. aber: ich fand eigentlich philip kerrs privatdetektiv "bernie gunther" vor und nach dem 3. reich eh erheblich besser (recherchiert, konzipiert und geschrieben) ...
rotsog67 14.11.2016
3.
Ok, habe nochmal nachgeschaut die Bezeichnung Gestapa ist korrekt.
JocMet1967 14.11.2016
4. Wenn der SPON mal was verreisst...
... so meine Erfahrung - dann les ich das ERST RECHT!!!
hape2412 15.11.2016
5. Ich finde nicht,
dass Volker Kutscher auf halbem Weg die Puste ausgeht. Seine Figur entwickelt sich über die bisher sechs Romane kontinuierlich - weiter will ich nicht unbedingt sagen. Die Handlung der Bücher und so auch von "Lunapark" ist immer sehr interessant. Wer sich ein wenig mit dieser Epoche der deutschen Geschichte - Ende der Weimarer Republik, Beginn des dritten Reiches - auskennt, findet die historische Korrektheit interessant und immer unterhaltsam. Die Figuren verhalten sich nicht linear und gerade deshalb nie langweilig. Philip Kerrs Bernie Gunther ist historisch nicht korrekt, seine Geschichten wie etwa der Roman über Katyn oder "Böhmisches Blut" etwa sind miserabel recherchiert (Reinhard Heydrich hat menschliche Züge, was völlig irreal ist). Gut finde ich eigentlich nur den Band "Die Adlon-Verschwörung". Es ist ohne jeden Zweifel nicht einfach, eine eigentlich schwere Handlung so aufzubeeiten, dass sie einerseits historisch korrekt, gut geschrieben und vor allen Dingen unterhaltsam ist. Volker Kutscher gelingt dieses Kunststück nach wie vor.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.