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Volkskrankheit Demenz: "Ich habe solche Angst!"

Sie verdächtigte wildfremde Männer, beschimpfte ihre Tochter am Telefon - und vergaß all das umgehend. Da wusste Britta Nagel: Mutter ist krank. SPIEGEL ONLINE präsentiert den ersten von drei Auszügen aus dem Band "Wo bist Du?", der das Leben von Demenzkranken und ihren Angehörigen schildert.

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr der ich bin, sein werde? Peter Handke, "Lied vom Kindsein".

"Möchten Sie, dass ich noch etwas mehr Rouge auftrage?"

"Nein, danke, das reicht."

"Dann hole ich jetzt den Spiegel, damit Sie sehen können, ob Ihnen das Make-up gefällt."


Nora Nagel und ihre Großmutter spielen Kosmetiksalon.

Die alte Dame mit den sorgfältig frisierten Haaren und der Perlenkette sitzt im Wohnzimmer und blickt suchend in ihr Spiegelbild. Nora hat den großen Sessel für sie dicht ans Fenster geschoben. Was früher das Lieblingsspiel der Enkelin war, ist heute die Lieblingsbeschäftigung der Großmutter. Frisieren, schminken - Zuwendung.

Noch eine Stunde, dann wird sie wieder zurückgebracht ins Heim auf die Demenzstation.

Das ausdruckslose Gesicht der alten Dame verzieht sich zu einem kleinen Lächeln, als die Enkelin langsam mit der Bürste durch ihre Haare fährt. Die 83-Jährige genießt es, wenn das junge Mädchen, deren Namen sie immer häufiger nicht weiß, ihr Gesicht und Hände eincremt und dabei leise mit ihr spricht.

Es ist ein inniger Moment, ein Spiel des Vertrauens zwischen der Großmutter und ihrer Enkelin. Momente wie diese sind selten. Es war ein langer Weg bis hierher, bis sich diese Zeremonie der Zuneigung in ihre Beziehung einnisten konnte. Fast hätte die Krankheit das Miteinander von Großmutter und Enkelin zerstört.

Nora geht nicht gern ins Heim. Den langen Gang hinter der schweren Glastür zu betreten, erfordert für das inzwischen vierzehnjährige Mädchen immer noch große Überwindungskraft. Dieser lange Flur, die Willkürlichkeit der Menschen und der Geruch bleiben ihr fremd.

"Wenn ich meine Großmutter dort besuche, rennt immer eine Frau den Gang auf und ab und redet dabei vor sich hin. Ich versuche einen Bogen um sie zu machen, aber auf dem schmalen Gang kann ich ihr nicht entkommen. Sobald sie mich sieht, hält sie mich am Arm fest, blickt mir starr in die Augen und redet irgendetwas auf mich ein, was keinen Sinn ergibt. Eine andere Frau auf der Station bekommt so laute Hustenanfälle, die klingen, als ersticke sie jeden Moment. Eine Dame ruft aus ihrem Zimmer unablässig 'Hallo, hallo'. Und dann ist da noch eine, die mit einem Lappen jeden Stuhl im Gemeinschaftsraum abwischen will. Als ich das erste Mal dort war, konnte ich nicht glauben, dass sich meine Onno unter diesen Leuten wohlfühlt."

Nora hat die Schminksachen eingepackt und holt ihrer Großmutter den Mantel. Der Besuch ist zu Ende. Es war schön. Fast so schön wie früher.

Früher - das war die Zeit, bevor die Demenz ausbrach. Damals lebte Nora mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Düsseldorf, und ihre Großmutter wohnte in Hamburg.

Nora erinnert sich noch gut daran, wie sie damals war. "Mein Bruder und ich haben uns immer sehr auf die Besuche bei ihr gefreut. Wenn wir ankamen, ging sie jedes Mal mit uns in die Buchhandlung in der Nachbarschaft, und wir durften uns ein Buch aussuchen. Auf dem Weg dorthin mussten wir oft auf der Straße anhalten, weil Onno immer wieder von Leuten angesprochen wurde, die sie kannten. Sie wohnte schon viele Jahre in dem Viertel, jeder kannte und mochte sie, weil sie immer so fröhlich war und sich mit jedem gern unterhielt."

Wie die meisten Frauen ihrer Generation war sie Hausfrau und auch nach Geburt und Erwachsenwerden ihrer Tochter nicht berufstätig. Sie lebte ausschließlich für ihre Familie. Bevor die Demenz ausbrach, pflegte sie sieben Jahre lang ihren krebskranken Mann und führte ihrer Mutter, die in der Nachbarschaft wohnte, den Haushalt. Dann starben im Abstand von nur drei Monaten erst der Ehemann und dann die Mutter. So war die noch nicht wirklich alte Frau ihres Lebenssinns beraubt.

Die Besuche in Düsseldorf bei der Familie ihrer Tochter konnten die innere Leere nicht ausfüllen. Doch das ließ sie sich nicht anmerken. Nach außen wirkte die Großmutter fröhlich wie immer. Sie ging mit den Enkeln im Park spazieren, las ihnen vor und sang Kinderlieder. Niemand merkte bei diesen Besuchen, dass längst eine schwere Depression von ihrer Seele Besitz ergriffen hatte. Andere Menschen mit ihren Problemen zu behelligen, entsprach nicht dem Selbstverständnis der eleganten, stets um eine makellose Erscheinung bemühten Frau.

Hoffmann & Campe

Hier finden Sie ein Interview mit den Autorinnen.

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Geschichten aus "Wo bist Du?": Wie eine Fremde

Die Autorinnen
Hoffmann & Campe
Julia Engelbrecht-Schnür, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Fotografin. Sie lebt in Hamburg. Alle Aufnahmen in dem Buch "Wo bist du?" stammen von ihr. Britta Nagel, Jahrgang 1960, lebt als Kulturjournalistin in Hamburg. Sie hat mehrere Architekturbücher veröffentlicht.
Cover von "Wo bist Du?"

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