Rüdiger Schaper über 2500 Jahre Theater Das Benjamin-Button-Prinzip

Der Kritiker Rüdiger Schaper erzählt die Geschichte des Theaters in Biografien - von Aischylos bis Schlingensief. Seine Kernthese: Das Theater verjünge sich im Laufe der Jahrhunderte vom weisen Alten zum verspielten Kind.

Rüdiger Schaper: Von Schlingensief bis Aischylos
Mike Wolff

Rüdiger Schaper: Von Schlingensief bis Aischylos

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Die Theatergeschichte sei ein seltsamer Fall, schreibt Rüdiger Schaper, so seltsam wie der Fall des Benjamin Button, den sich der US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald 1922 ausgedacht und den der Hollywood-Regisseur David Fincher 2008 verfilmt hat: Ein Mann kommt als Greis zur Welt und wird im Laufe seines Lebens immer jünger.

Es ist ein schöner, ein poetischer Vergleich, zu dem der Feuilletonchef des Berliner "Tagesspiegel" greift, um in seinem neuen Buch 2500 Jahre Theatergeschichte auf einen Begriff zu bringen. Denn die Geburt des Theaters, wie wir es kennen, liegt im Dunkeln. Wir wissen um Aischylos, Sophokles, Euripides. Aber sonst wissen wir nicht viel. In der Rückschau wirkt es, als wäre das Theater mit den großen drei plötzlich da gewesen - und von Anfang an voll entwickelt. "Es kommt nicht als Baby auf die Welt", schreibt Schaper. Dafür sei es schon im fünften Jahrhundert vor Christus zu groß, zu klug, zu kräftig, sowohl politisch als auch ästhetisch. "Das Theaterwesen wird bärtig geboren, und es kann sogleich sprechen, lesen, schreiben".

Im Laufe der Jahrhunderte, schreibt Schaper, sei das Theater jedoch nicht weiter gealtert, sondern habe sich verjüngt: bei Aischylos und Sophokles ein weiser Greis, bei Shakespeare und Molière ein verliebter Jugendlicher, heute ein verspieltes Kind. Wo das hinführt? Nun, Benjamin Button verlernt irgendwann das Sprechen, verlernt das Gehen - und stirbt, im Körper eines Säuglings. Aufzuhalten ist die Entwicklung nicht.

"Ein fürchterlicher Kahlschlag"

Doch keine Sorge, diesen Vergleich denkt Schaper nicht zu Ende. Er klagt in seinem Buch zwar immer wieder über den Zustand des Gegenwartstheaters. Darüber, dass viele neue technische und künstlerische Spielzeuge dem Theater über die Jahrhunderte hinweg Reichtum und Formenfülle gegeben, es aber auch arm gemacht hätten, "erdrückt mit Kunst und Kunstfertigkeit und Originalitätswahn". Darüber, dass das Theater keinen Anschluss mehr an seine eigene Biografie habe und in Gegenwärtigkeit ertrinke: "Es hat die Verbindung zu sich selbst verloren". Darüber, dass es kein Grundvertrauen mehr dafür gebe, "dass die Leute vom Theater wissen, was sie tun, warum sie es tun". Darüber, dass die Stoffe und Gesten des Theaters verflachten: "Es weiß sehr viel, verfügt über schier unbegrenzte technische Möglichkeiten und hat wenig zu sagen". Und natürlich darüber, dass es in den vergangenen Jahren "einen fürchterlichen Kahlschlag" erlebt habe: Heiner Müller, Einar Schleef, Pina Bausch, Jürgen Gosch, Christoph Schlingensief, Patrice Chéreau, Dimiter Gotscheff - alle tot.

Im Kern jedoch geht es Schaper nicht darum, eine Schimpfkanonade loszulassen. Er hat kein pessimistisches Buch geschrieben, keinen Verriss des Gegenwartstheaters, sondern eine Hymne auf das Theater an sich. Eine Liebeserklärung. Man liest sie gerne, auch wenn sie hier und da vielleicht etwas verschwurbelt geraten ist, so wie Liebeserklärungen es nun mal oft an sich haben. Schaper lässt sich immer mal wieder von den eigenen Formulierungen davon tragen, gefällt sich in Pathos und arg assoziativen Querverweisen.

Seine Ausgangsüberlegung: Er will über das schreiben, was bleibt, "nach einem halben Leben im Theater". Ganz subjektiv, ganz persönlich. Er will über jene Theatermacher schreiben, "die mich tief bewegt, verändert haben". Ein Best-of einer Kritikerkarriere. Heiner Müller und Robert Wilson packt er dort hinein, Dimiter Gotscheff und Jürgen Gosch, Alain Platel und Marina Abramovic, das Grips-Theater und eine Reise nach Oberammergau.

Über allen aber schwebt der verstorbene Christoph Schlingensief, in dessen späten, vom nahenden Tod gezeichneten Arbeiten der Kritiker Schaper das entdeckt zu haben scheint, was er sonst im Theater vermisst: "Es ist ein Theater im Endstadium und in der Frühphase, ein Eintauchen in die Ursuppe, aus der dies alles einmal entstanden sein muss, als der Opferaltar die einzige Bühne abgab". Aus den Arbeiten Schlingensiefs heraus habe uns etwas angesprungen, "das fremd war und vertraut. Fremd in unserer Gegenwart, vertraut aus der Beschäftigung mit Kunst vergangener Epochen".

"Spektakel" ist eine sehr subjektive Biografie des Theaters, erzählt in Biografien. Ein Erinnerungsbuch an große Momente jener Kunst, die allein im Moment lebt - und in der Erinnerung derer, die in diesen Momenten dabei waren.


Rüdiger Schaper: Spektakel. Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos. Siedler Verlag; 352 Seiten; 24,99 Euro.


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insgesamt 2 Beiträge
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Ballonmütze 07.05.2014
1. Verstehe.
Um bei der Allegorie zu bleiben: Auf jeden Fall steckt das Theater gerade in der Analen Phase. Und ist ein Schreikind dazu.
albert schulz 08.05.2014
2. Flüssig überflüssig ?
Zitat von BallonmützeUm bei der Allegorie zu bleiben: Auf jeden Fall steckt das Theater gerade in der Analen Phase. Und ist ein Schreikind dazu.
Die Wortagglomerationen „pessimistisches Buch“ und „er gefällt sich in arg assoziativen Querverweisen“ sprechen Bände. Kann man von einem Feuilletonisten halbwegs befriedigen-de Deutschkenntnisse erwarten ? Natürlich nicht, ist er doch noch ein Kind. Erwachsen kann er mit in seinem Beruf ohnehin nicht mehr werden. Immerhin wird erwähnt, daß der Autor seherische Fähigkeiten hat, die sich nicht nachvollziehen lassen. Das ist bei Feuilletonisten absolut normal, ja erwünscht. Als Regisseure werden fast nur penetrante Modeerscheinungen erwähnt, allein die Erwäh-nung von Pina Bausch ist ein Graus. Der arme Kritiker mußte eben überall hin, wo jemand hochgemotzt werden sollte im Kulturbetrieb. Ganz offensichtlich ist die Methode immer die gleiche, egal ob es um Malerei oder Musik oder Bücher oder Filme geht. Man braucht den Mist erst gar nicht zu lesen. Christoph Schlingensief war ein ideenreicher Provokateur, ein Narziß, kein ernstzunehmender Regisseur. Wo ist ein Palitzsch, ein Faßbinder, ein Peymann, ein Freytag ? Diese Männer wa-ren überaus penible Handwerker und hatten zudem überaus witzige Ideen. Und sie haben un-gemein viel taktisches Geschick und Gespür bewiesen, sich im Kulturbetrieb zu halten. Und schon ist man bei der Definition von Theater (und Film). Man vergleiche einfach Fellini oder Orson Welles (und viele andere aus jener längst vergangenen Epoche) mit den modernen Filmkünstlern, dem Schlingel Schlingensief etwa oder auch Herzog. Dazwischen liegen Wel-ten, wie zwischen den Schauspielern aus der DDR und der BRD, auch heute noch, oder denen aus der Bochumer Schauspielschule und anderen nichtgenannten Häusern. Die Entwicklung hat wohl weniger mit Kunstfertigkeit zu tun als mit Ökonomie. Bis weit ins 19. Jhd. hatten die Schriftsteller Zeit, wurden nicht getrieben, lebten zumeist von einem aus-kömmlichen Vermögen, Drucken und Schauspiel waren eminent teuer und elitär, der Kreis der Leser und Zuschauer war eng begrenzt, und diese Menschen waren durchaus anspruchs-voll. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bekommt die Ökonomie die Überhand, es geht immer mehr um Masse, und die bekommt man mit Sensationen und Lärm und grellen Farben, vor allem Hektik, Ideologie nicht zu vergessen. Qualität ist nur noch eins von vielen Kriterien. Ruhe, Beschaulichkeit, Nachdenklichkeit sind was für Opas. Und Erkenntnis.
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