"Go Set A Watchman" Wirbel um Harper-Lee-Veröffentlichung

Ist sie doch kein One-Hit-Wonder? Seit Wochen brodeln die Gerüchte um eine Romanveröffentlichung von "Wer die Nachtigall stört"-Autorin Harper Lee - jetzt ist ein Kapitel als Vorabdruck veröffentlicht worden.

Schriftstellerin Harper Lee: Gerüchte und Spekulationen um "neues" Werk
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Schriftstellerin Harper Lee: Gerüchte und Spekulationen um "neues" Werk


Das wohl meist ersehnte Buch dieses Jahres beginnt mit einem Blick aus dem Speisewagen eines Zugs: Harper Lees "Go Set A Watchman" erscheint erst am 14. Juli in den USA und England. Drei Tage später kommt das Werk auch hierzulande unter dem Titel "Gehe hin, stelle einen Wächter" heraus. Jetzt kriegen die Leser schon einen Vorgeschmack: Die britische Tageszeitung "The Guardian" veröffentlichte einen Vorabdruck des ersten Kapitels - als Text und als interaktive Geschichte.

Jahrzehntelang galt Lee als One-Hit-Wonder der Literatur: Die 89-Jährige wurde vor 55 Jahren mit ihrem Roman "To Kill A Mockingbird" ("Wer die Nachtigall stört") weltberühmt, dann zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Heute gilt ihr Roman als eines der bedeutendsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts. Das Buch erhielt den Pulitzerpreis, wurde mehr als 40 Millionen Mal verkauft und in rund 40 Sprachen übersetzt. Die Verfilmung mit Gregory Peck als Atticus Finch wurde mit drei Oscars ausgezeichnet.

Im Februar dann die Überraschung: Ein Manuskript aus den Fünfzigerjahren war aufgetaucht - "Go Set A Watchman", ein Buch, das Lee noch vor ihrem Weltbestseller geschrieben hatte.

Lange ist ein Buch nicht mehr mit so viel Spannung erwartet worden: US-amerikanische Buchläden und Kulturhäuser haben ihre Öffnungszeiten verlängert; Partys, Lesungen und Diskussionsveranstaltungen sind geplant. Rund zwei Millionen Exemplare hat der Verlag HarperCollins in Druck gegeben. Kein anderes Buch ist in diesem Jahr auf der US-Seite von Amazon häufiger vorbestellt worden.

Einige bekannte Figuren aus ihrem Bestseller tauchen auch in "Go Set A Watchman" auf: Zum Beispiel Louise "Scout" Finch. In "To Kill A Mockingbird" wird aus der Sicht der siebenjährigen Scout der Rassenhass im Süden der USA geschildert. In "Go Set A Watchman" blickt Scout als Erwachsene auf ihre Kindheit zurück. Mehr Informationen hielt der Verlag bisher zurück. Doch schon das erste Kapitel zeigt - es wird viel passieren: Auf den ersten Seiten wird Scout wild geküsst und lehnt einen Heiratsantrag ab.

Die Entdeckungsgeschichte um "Go Set a Watchman" ist höchst umstritten: Laut Verlag soll Lees Anwältin das Manuskript im Herbst 2014 gefunden haben. Vergangene Woche berichtete allerdings die "New York Times", das Manuskript sei bereits im Oktober 2011 entdeckt worden. Unklar also, ob der Roman tatsächlich verlorengegangen und plötzlich wieder aufgetaucht ist - oder ob die Autorin nicht etwa eine frühere Veröffentlichung verhindern wollte.

Freunde und Bekannte von Lee haben zudem Bedenken geäußert: Der Gesundheitszustand der Autorin lasse eine Entscheidung für oder wider eine Veröffentlichung von "Got Set A Watchman" gar nicht zu. Sogar eine Untersuchung wurde in die Wege geleitet: Nach einem anonymen Hinweis untersuchte der Bundesstaat Alabama, ob die Autorin ausgenutzt oder manipuliert wurde - ein Vergehen konnte aber nicht festgestellt werden.

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  • Harper Lee:
    Gehe hin, stelle einen Wächter

    Übersetzung: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

    Deutsche Verlags-Anstalt; 320 Seiten; 19,99 Euro

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hkn/dpa

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insgesamt 2 Beiträge
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AliceAyres 10.07.2015
1.
Unabhängig von den nicht ganz geklärten Umständen der Veröffentlichung finde ich es großartig, was der Guardian daraus macht. Da werden mal nicht nur Sport-Großereignisse oder aktuelle Krisen von einem Live-Ticker begleitet, sondern die Publikation eines literarischen Textes. Auch optisch ist das Ganze sehr liebevoll aufbereitet. Nun kann man geteilter Meinung sein, ob man aus allem einen Hype machen muss, aber immerhin wird hier mal ein inhaltlicher Kontrapunkt gesetzt, indem ein kulturelles Ereignis bewusst in den Mittelpunkt gerückt wird, das vielleicht nicht so im Fokus der Öffentlichkeit steht. Es ist zwar schön, wenn man – wie auf SPON – Klicks generierende Live-Berichterstattung zum Dschungelcamp oder zum Eurovision Song Contest hat, aber ab und an etwas mehr Klasse wäre auch wünschenswert.
fuffel 10.07.2015
2. schon
aber was hat diese ganze PR mit dem Text zu tun? Für mich ist das wie ein schönes Grundstück zu entdecken und sich danach mit Maklern und Notaren herumzuschlagen. Dies schaft doch keinen Mehrwert. Lieblose Agenten, die ihre kapitalistische Phantasien, wie einen Schirm über die eigentliche, langsame, Schönheit der austerbenden Gattung des Geschichtenerzählens legen. Parasiten, käme mir in den Sinn. Wer bedarf bei "Wie man eine Spottdrossel tötet" die Krücke einer Vermittlung? Das ist ja nun nicht Zettel's Traum oder Ulysses. Der Text steht sehr viel solider da, als jegliche Metaebene. Einfach mal Lesen. Und der ausgebreiteten Landschaft, eines wachen, mitfühlenden Geistes folgen. Niemand kann mehr dazu beitragen, als die Autorin selbst
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