Von Ulrich Baron, Daniel Haas und Sibylle Mulot
Paul Beatty: "Slumberland"
(Übersetzt von Robin Detje, Blumenbar, 319 Seiten, 19,90 Euro)
Neonazis mit einer Vorliebe für Soul, schwarze DJs, die Nazi-Liedgut samplen: Wo gibt's denn so was? In "Slumberland", dem aktuellen Roman von Paul Beatty. Der Autor schickt einen schwarzen Musikkenner von Los Angeles ins Westberlin der Vorwendezeit.
Dort wird er "Jukebox-Sommelier" in der legendären, titelgebenden Pinte, kredenzt seinem bierseligen Publikum erlesene Popmusik und sucht ansonsten nach einem sagenumwobenen Freejazzer, der sich in der Grenzstadt versteckt hält. Mit ihm will er den perfekten Beat kreieren, eine Agenda, die Beatty für einen furiosen Mix aus popmusikalischen Exkursen und Einlassungen zur deutschen und amerikanischen Geschichte nutzt.
So assoziativ und intellektuell verwegen hat noch kein Roman über HipHop, Soul und Jazz räsoniert und diese Formen an historische Diskurse angeschlossen. Ein wilder Prosamix mit der Verve des Bebop und dem Groove des Soul.
Daniel Haas
Benoit Landais / Hanspeter Born: "Die verschwundene Katze"
(Echtzeit Verlag, 198 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 27 Euro)
Schöne Gelegenheit, sich über die Feiertage mit Kunst zu beschäftigen und heftig zu streiten. Echt oder falsch? Es geht um Van Goghs letztes Bild, den hinreißenden "Jardin de Daubigny", von dem es nur eine Version geben dürfte (unmittelbar nach Vollendung erschoss sich der Maler), aber zwei in Malstil, Ausstrahlung und Details recht unterschiedliche Fassungen vorliegen.
War hier wieder Van Goghs Freund, der erfolglose Maler und vielfache Fälscher Emile Schuffenecker am Werk? Und: Was sehen wir eigentlich, wenn wir einen Van Gogh betrachten? Was ist in diesem diffizilen Werkzusammenhang Authentizität?
Das Buch erschien zur Basler Van-Gogh-Ausstellung. Es erklärte die Basler Version des "Jardin" für gefälscht und das andere, früher in deutschem Besitz und heute in Hiroshima befindliche Bild für echt. Stich ins Wespennest! Sibylle Mulot
Michael Maar: "Proust Pharao"
(Berenberg Verlag, 80 Seiten, 19 Euro)
Michael Maar hat ein wunderbares Talent, den Autoren, die er liebt, auf die Schliche zu kommen, sei es Thomas Mann, Nabokov oder Proust. Es gelingt ihm, ihre tiefsten Lebensgeheimnisse zu ergründen, die sie in ihren Werken ebenso dringlich offenlegen wollen wie verhüllen müssen.
Bei Proust widmet sich Maar hauptsächlich den Verwerfungen, die aus der Notwendigkeit entstehen, begehrte männliche Personen konsequent in Frauen zu verwandeln - aus Rücksicht auf Angehörige (und auf die damalige Gesetzeslage). Wie zum Beispiel die "Zofe der Madame Putbus" - jenes auffallend stämmige Dienstmädchen mit einer Vorliebe für Autos, Glücksspiel, Wein und Pferderennen, den "typischen Interessen eines jungen Mädchens um 1900 eben", wie Maar ironisch anmerkt.
Elegant geschrieben, schön illustriert, ein Bändchen mit hohem Erkenntniswert.
Sibylle Mulot
Johann Friedrich Naumann: "Die Vögel Mitteleuropas"
(Eine Auswahl herausgegeben und mit einem Essay von Arnulf Conradi. Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, 520 Seiten mit zahlreichen vierfarbigen Abbildungen, 79 Euro)
Neben dem Amerikaner John James Audubon und dem Engländer John Gould zählte Johann Friedrich Naumann (1780-1857) zu den Vogelkundlern des 19. Jahrhunderts, die außergewöhnliches Beobachtungs- und Darstellungstalent zugleich besaßen. Die reich illustrierte Auswahl aus seinem zwölfbändigen Werk wird nicht nur Ornithologen begeistern, sondern präsentiert ein faszinierendes Kapitel der Kulturgeschichte, in dem sich empirische Wissenschaft, exakte Illustration und Buchkunst vereinten.
Schön, dass es noch gewichtige Bücher wie dieses gibt, deren handwerkliche Machart man beim Blättern in seinen teils auf festem Bilderdruck-, teils auf geschmeidigem Dünndruckpapier gedruckten Seiten erspüren und auch erlauschen kann. Ulrich Baron
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