Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Zwei Debütanten, erstklassige Texte: Peter Henning freut sich über Romane von Zora del Buono und Gerbrand Bakker. Und SPIEGEL-ONLINE-Kritikerin Sibylle Mulot entdeckt einen Dogma-Film zwischen Buchdeckeln.


Zora del Buono: "Canitz' Verlangen"
(Marebuchverlag, 160 Seiten, 18 Euro)

Immer wieder diese Vorfreude bei einem Debüt: Man hofft auf einen neuen, gewagten Ton. Und wird dann oft mit verzagter Musterschülerprosa abgespeist. Dass sich das Weiterhoffen dennoch lohnt, beweisen Texte wie Zora del Bunos Romanerstling "Canitz' Verlangen". Denn da regiert weder in Leipziger Schreibseminaren antrainiertes tiefsinniges Geraune noch pseudo-schnoddriges Geplauder.

Entrollt wird die Geschichte des schwulen Literaturexperten Hubert Canitz, der eines Morgens, nachdem er einen einschlägigen Berliner Club verlässt, am Ufer der Spree eine Frauenleiche entdeckt. Fasziniert vom Anblick der Toten alarmiert er nicht etwa die Polizei, sondern gibt sich vielmehr seinen blühenden Phantasien hin.

Geradezu manisch beginnt er über Wasserleichen in Literatur. Kunst und Geschichte zu forschen, in Kunst und Geschichte. Bis er über diesen Umweg auf ein dunkles Geheimnis innerhalb seiner Familiengeschichte stößt.

Zora del Buono, das zeigt ihr erster Roman, ist eine Erzählerin, die weiß, wie man aus Sätzen Funken schlägt. So, als habe die geborene Zürcherin bei Größen der US-Literatur wie Andre Dubus oder Tobias Wolff gelernt. An deren Prosa darf sie sich jedenfalls durchaus messen lassen. Peter Henning

Orhan Pamuk: "Das Museum der Unschuld"
(Hanser Verlag, 650 Seiten, 24,90 Euro)

Vom Erinnerungswert der kleinen Dinge erzählt der neue Roman des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk. Denn kleine, scheinbar unbedeutende Gegenstände sind es, die Kemal, der Protagonist des Romans, wiederholt aus der Wohnung seiner einst großen Liebe Füsun entwendet.

Seit Füsun einen anderen Mann geheiratet hat, sieht sich Kemal um das Glück seines Lebens gebracht. Und ein Zurück, daran lässt die einstige Geliebte keinen Zweifel, ist ausgeschlossen. So bleiben Kemal nur die geraubten Fetische, aus denen er sein Museum der Unschuld zusammenfügt.

Mit "Das Museum der Unschuld" ist Pamuk nicht nur das aufschlussreiche Porträt einer türkischen Gesellschaftsschicht Mitte der siebziger Jahre geglückt, sondern eine Deutung von deren Selbstverständnis zwischen westlicher Freizügigkeit und osmanischer Tradition. Sein Buch ist auch eine Geschichte darüber, was es heißt, ein emotionales Doppelleben führen zu müssen, um nicht an den eigenen, unerwidert gebliebenen Gefühlen zugrunde zu gehen. Peter Henning

Jonas T. Bengtsson: "Aminas Briefe"
(Tropen Verlag, 240 Seiten, 22,90 Euro)

Ein Dogma-Film zwischen Buchdeckeln: Der sensible Janus - repräsentativ für eine luxusverwahrloste Jugend - wurde als Schüler schizophren und kam in die Psychiatrie. Nach über vier Jahren soll er wieder entlassen werden. Seine einzige Hoffnung ist die türkisch-kurdische Mitschülerin Amina, die ihm all die Jahre schöne Briefe schrieb, über ihren nicht-verwahrlosten und gerade äußerst repressiven Alltag.

Einen Augenblick lang hofft man, ausgerechnet Janus könne einen Ausgleich herstellen, eine tragfähige Brücke zum unberechenbar-gewaltbereiten Migrantenmilieu. Aber seine Empfindsamkeit hebt die Aggressivität der anderen Seite nicht etwa auf. Sondern umgekehrt. Gewaltbereit ist er, allein gelassen, selbst auch.

Auf der Suche nach der verschwundenen Amina gerät er in eine wüste Privatfehde, bei der sich alle Beteiligten ins Unrecht setzen. Das hinterlässt einen traurigen und schalen Nachgeschmack. Die Sprache des 32-jährigen dänischen Autors ist besonders klar, knapp und wesentlich; vielleicht, laut Dogma, zu unverwackelt. Sibylle Mulot

Gerbrand Bakker: "Oben ist es still"
(Suhrkamp Verlag. 316 Seiten, 19,80 Euro)

Biografien sind zarte Organismen, sie lassen sich leicht bedrohen. Für Helmer van Wonderen ist der Tod seines Zwillingsbruders Henk so eine Verstörung. Und als der Vater bettlägerig wird, macht Helmer schließlich große Inventur: er verfrachtet den Alten kurzerhand ins Obergeschoss, streicht die Türen und Wände des Hofs neu an - und stellt die Stoppuhr seines Lebens noch einmal auf Null.

Alles könnte so schön sein, flatterte ihm nicht eines Tages ein Brief von Riet ins Haus. Sie war mit seinem Bruder zusammen, kurz bevor der ums Leben kam. Unsicher, ja unwirsch versucht Helmer zunächst den Brief zu ignorieren. Bis ihn ein zweiter erreicht – und die Vergangenheit neu aufersteht.

"Oben ist es still" heißt das in Holland viel gerühmte Debüt, von dessen karger Rhetorik eine geheimnisvolle Stille ausgeht. So werden wir Zeuge von Helmers Versuch, die Vergangenheit neu zu ordnen. Es ist ein großes Vergnügen, lesender Komplize dieser Aufräumarbeiten zu sein. Peter Henning

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