Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Böse Mädchen kommen überall hin. In ein unheimliches Camp zum Beispiel, wie in Julia Zanges gelungenem Debütroman. Jenny Hoch gruselte sich angenehm. Und Sibylle Mulot erlebte mit einem neu übersetzten Don Quijote herrliche Abenteuer.


Julia Zange: "Die Anstalt der besseren Mädchen"
(Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, 15 Euro)

"Klein, blond und problematisch" - so sind die Mädchen, die den angehenden Arzt Malte magisch anziehen. Loretta ist so ein Typ. Kindlich, hyperkritisch und ein klarer Fall für den Psychiater. Die beiden markenbewussten, hedonistischen Großstädter zeugen ein Kind - Marla - und die Probleme beginnen.

Mit dem Roman "Die Anstalt der besseren Mädchen" legt Julia Zange, 25, ein eigenwilliges Debüt vor. Sie schickt ihre Protagonistin und deren Tochter in ein umheimliches Mädchencamp, aus dem Männer ausgeschlossen sind und in dem seltsame Rituale befolgt werden. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob diese utopische Welt der psychotischen Vorstellungskraft einer Borderline-Patientin entspringt oder ob sie - innerhalb der Fiktion des Romans - tatsächlich existiert.

Wer den Eindruck hat, es gäbe auf dem Buchmarkt nur noch Autoren, die einen gefälligen Neorealismus pflegen, dem sei dieses Buch empfohlen. Es ist nach Gunther Geltingers "Mensch Engel" bereits das zweite Debüt dieser Saison, das dieser Falle souverän entgeht. Jenny Hoch

Miguel de Cervantes Saavedra: "Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha"
(Neu übersetzt und herausgegeben von Susanne Lange,
Hanser Verlag 2008, 2 Bände, 696 + 792 Seiten, 68 Euro)

Manchmal bekommt man am Wochenende ein Buch geschenkt und stellt nach zwei Tagen fest, dass man Hunderte von Seiten gelesen hat. Einfach so. Von Don Quijote zum Beispiel, dem bekanntesten aller ungelesenen Bücher. Wer kam über Lesehäppchen je hinaus? Auf mich wirkten sie wie Schutzimpfungen: zu manieriert das Ganze, zu altväterisch, zu forsch-komisch.

Die Neuübersetzung von Susanne Lange ist dies alles nicht. Also nicht altväterisch, nicht manieristisch, nicht umständlich, nicht zwangskomisch - einfach schön. Flüssig, differenziert. Der Text beginnt zu strahlen.

Ihren Ansatz erklärt sie im Nachwort: Für seine Zeitgenossen schrieb Cervantes zu Beginn des 17. Jahrhunderts modern, aktuell und postmodern-verspielt zugleich. Diesen Zustand gilt es in jeder Epoche wieder einzufangen. Kein Retro-Kostüm, keine programmatisch eitlen Faxen. Die Personen sprechen überdies alle ihre eigene abgestufte Sprache. Das ist harte historische Arbeit.

Der Ritter von der traurigen Gestalt für uns heute erlöst? Was für ein Vergnügen! Sibylle Mulot

Karl-Heinz Ott: "Ob wir wollen oder nicht"
(Hoffmann & Campe, 256 Seiten, 19, 95 Euro)

Karl-Heinz Ott, „Ob wir wollen oder nicht“. Hoffmann & Campe, 256 Seiten, 19 Euro 95

Karl-Heinz Ott, „Ob wir wollen oder nicht“. Hoffmann & Campe, 256 Seiten, 19 Euro 95

Nein, bitte kein Thomas Bernhard light aus der Feder nachgeborener Epigonen mehr, keine nachgestellten Satzungetüme in der Manier des einst genialischen Menschenhassers aus Österreich. Und so fragt man sich bei der Lektüre des neuen, dritten und leider unsäglich langatmigen Romans von Karl-Heinz Ott, 51, denn auch, was in dessen Schöpfer gefahren ist, uns mit derartiger Secondhand-Ware zu plagen?

Eine mögliche Antwort könnte lauten, dass derartige Texte von Schriftstellern aussehen, die distanzlos ihren Vorbildern erliegen. Denn bis auf eine mehr als bescheidene Fabel hat Ott nichts als Wortgeklingel zu bieten. Kein Leben, keine Bewegung, keine Inspiration. Ödnis, wohin das Leserauge blickt!

So möchte man denn auch schon nach wenigen Seiten nichts mehr hören von der Not des womöglich zu Unrecht Inhaftierten, um den sich hier alles dreht, nichts wissen von dessen verkrachter 68er-Biografie. Diese Art von Literaturbetriebsliteratur, wie sie Otts Roman "Ob wir wollen oder nicht" präsentiert, vergellt einem jeden Spass am Lesen.

Was hatte ein solches Prosamonstrum eigentlich auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu suchen? Peter Henning

Manfred Krug: "Schweinegezadder. Schöne Geschichten"
(Ullstein Verlag, 116 Seiten, 18 Euro)

Manfred Krug, „Schweinegezadder. Schöne Geschichten“. Ullstein Verlag, 116 Seiten, 18 Euro

Manfred Krug, „Schweinegezadder. Schöne Geschichten“. Ullstein Verlag, 116 Seiten, 18 Euro

Als "Schöne Geschichten" hat der Ullstein-Verlag das etikettiert, was der Schauspieler Manfred Krug jetzt unter dem Titel "Schweinegezadder" zwischen zwei Buchdeckeln versammelt hat. Es handelt sich dabei um neun mehr oder weniger kurze Prosastücke, die ihrem Charakter nach wohl eher als erzählerische Bagatellen zu bezeichnen sind. Belanglose, in Umgangssprache verpackte Erinnerungsbilder aus Krugs Zeit im Osten.

Krug, dem mit dem Band "Mein schönes Leben" seinerzeit eine teilweise betörende Schilderung seiner Kindheit und Ost-Jugend gelang, fischt, was die vorliegenden Prosastücke angeht, ziemlich im Trüben. Kaum einmal entwickelt sich so etwas wie Dramaturgie, von stringentem, packendem Erzählen ganz zu schweigen.

Hier gefällt sich einer in der Attitüde des hemmungslosen Drauflosfabulierers, der Harmloses zum Besten gibt. Unterm Strich: Plunder für Ostalgiker – Prosagezadder auf Volkshochschulniveau. Peter Henning

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