Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Endlich ein exzentrisches Porträt-Buch, das den Narren dieser Welt huldigt!, freut sich Sibylle Mulot über Ulrich Holbeins "Narratorium". Ulrich Baron schwelgt in türkischen Heldensagen, und Jenny Hoch lässt sich gefangen nehmen von Murathan Mungans Endzeitvision "Tschador".


Ulrich Holbein: "Narratorium. 255 Lebensbilder"
(Ammann Verlag, 2008, 1008 Seiten, 39,90 Euro)

Nasruddin Hodscha, der große türkische "Erzschelm, Eseltreiber, Prediger, Querulant, Blasphemiker, Sexmolch", führte ein Leben voller Possen. Nach über 700 Jahren in seiner Heimat ist er immer noch quicklebendig. Man möge ihn aber nicht den "anatolischen Till Eulenspiegel" nennen, warnt Narren-Experte Holbein stirnrunzelnd. Narr ist nicht gleich Narr. Der norddeutsche Till wirke neben dem Mann mit dem großen Turban "arg grobgeschnitzt, unberedt, unsubtil und leider auch asexuell".

Ulrich Holbein, Schriftsteller, Geistmensch, Gelehrter, Wortkünstler und Schreibexzentriker, hat in seinem "Narratorium" Leben und Taten von 255 Gestalten eingefangen, höchst subjektiv, stilistisch in höchster Gangart, alphabetisch geordnet und bunt bebildert. Vom 7. vorchristlichen Jahrhundert an bis heute. Wahnsinn! Narren sind wir alle. Ob richtig verrückt oder nur besessen, genial oder nur verschroben, charismatisch oder nur Ehrgeiz mit Spleen - nie war ein Coffee-Table-Book vergnüglicher. Mit Religionsstiftern, Dichtern, Wüstlingen, Gurus, Sufisten, Päpsten, Scharlatanen, Mystikern, Sektengründern - und Dieter Bohlen.

Nicht jeder schaffte die Aufnahmeprüfung. Jesus ist drin, Mohammed nicht; Josef Ratzinger gleich zweimal, einmal als Kardinal, einmal als Papst. Echte Fiktive wie Pippi Langstrumpf, Oskar Matzerath, Soldat Schwejk und Holly Golightly sind auch dabei. Aber die größte Gruppe bilden die Künstler und Philosophen, von Orpheus und Empedokles bis zu Handke, Sloterdijk, Henscheid, Achternbusch, Woody Allen, Ginka Steinwachs, Nina Hagen ...

Irgendwann stößt man in diesem narrativen Riesenmeer auf ein Stück Familiengeschichte. Unter "B" wird ein gewisser "Heinz-Otto Bohnlich" besonders liebevoll porträtiert, als Spaßmacher, Sprücheklopfer, Kellerbastler, Ingenieur, Nervensäge, Miniaturgenie: Holbeins Vater. Denn auch Ulrich Holbein wurde nicht sofort als "Uliversum Unwiederholbein" in diese Welt geboren, wie er uns in seinem Selbstporträt (unter "U") verrät, sondern zunächst einmal ordentlich als Heinz-Ulrich Bohnlich, 1953 in Kassel. Als Narrator unsterblich. Sibylle Mulot

"Das Buch des Dede Korkut"
(Aus dem Türkischen übersetzt und herausgegeben von Hendrik Boeschoten. Reclam, 301 Seiten, 19,90 Euro)

Türkische Heldensagen? Bevor es eine Türkei gab, gab es das Osmanische Reich und davor nomadische Turkvölker, die aus den Steppen Zentralasiens bis nach Anatolien drängten. In den Erzählungen und Gesängen des weisen Barden Dede Korkut sind diese "Oghusen" noch unterwegs – und immer zu neuen Heldentaten bereit.

Zum Islam haben sie sich erst oberflächlich bekehrt und dem Alkohol noch nicht abgeschworen, was ihren Kampfesmut wider die "Ungläubigen" nur befördert. Da wirft der unvergleichliche Kasan den König Schökli vom Pferd und schlägt ihm das Haupt ab, und Kijan Seldschüks Sohn Deli Dundar drischt auf den Schwarzen Fürsten ein. Nicht weniger heldenhaft sind die Frauen, die Fürstentöchter - "aber viel vernünftiger und zäher als die Herren mit ihrem teilweise etwas pubertär anmutendem Gebaren", meint der Herausgeber.

Also ein Epos von bleibender Aktualität, das zudem auch noch einen Strang der türkischen Geschichte sichtbar macht, der in den Neuerscheinungen dieses Herbstes zu kurz kommt. Ulrich Baron

Güzin Kar: "Ich dich auch. Ein Episodenroman für Paarungsgestörte"
(Diana Verlag, 190 Seiten, 7,95 Euro)

Güzin Kar: "Leben in Hormonie. Paarungskatastrophen für Fortgeschrittene."
(Kein & Aber Verlag, 160 Seiten, 14,90 Euro)

Güzin Kar ist weiblich, witzig, selbstironisch. Mit fünf kam sie aus der Türkei in die Schweiz und studierte nach angemessener Akklimatisierung im schwäbischen Ludwigsburg. Sie dreht Filme und schreibt für eine Schweizer Zeitung Kolumnen, aus denen sie Romane macht.

Hier ihr Personal: die schamlos hingebungsvolle dicke Fatma (einmal wollte sie einen evangelischen Theologen heiraten und gab vor, die Luther-Bibel ins Türkische zu übersetzen); der nette, extrem faule Gastarbeiter Riccardo; die arbeitslose, alles-immer-ausbügelnde Filmemacherin, ihr Onkel Zülfü und ihre Tante Hülya; die mannstolle Freundin Heidi; sowie Annerösli, Quartiergeberin und Antreiberin des Riccardo.

Mit diesem anheimelnden Großstadtpersonal gelang Kar im ersten Band eine Sensation: "Ich dich auch" (soeben als Taschenbuch erschienen) ist komisch, gewagt, originell. Im neuen Band ("Leben in Hormonie") haben sich Spaß-Faktor und Substanz schon etwas abgenutzt - wenn aber komisch, dann immer noch sehr. Sibylle Mulot

Murathan Mungan: "Tschador"
(Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Blumenbar Verlag, 128 Seiten, 17,90 Euro)

Murathan Mungans schmales Buch "Tschador" ist ein Heimkehrerroman in der Tradition des orientalischen Märchens. Voller Poesie, voller Pathos - und, so paradox das klingen mag, voller beklemmender Agonie. Sein Held Akhbar durchwandert seine namenlose, vom Krieg zerstörte Heimat auf der Suche nach den Frauen, die ihm früher nahestanden: seine Mutter, seine Schwester, seine Freundin. Doch statt der geliebten Menschen findet er nichts als Angst, Unterdrückung und lautlos umherhuschende weibliche Wesen, versteckt unter "Stoffzelten mit Sichtgittern".

Nur mühsam gelingt es Akhbar, sich inmitten der trostlosen Wüstenei zu der die "Soldaten des Islam" sein Land gemacht haben, an die Orte seiner Kindheit zu erinnern. Jetzt, in der Gegenwart, wird ihm klar, dass mit dem Verschwinden der Weiblichkeit unter unförmigen Burkas "die Hälfte des Lebens weg war".

Als Leser sollte man sich nicht beirren lassen von dem ungewohnt hochfahrenden Ton des 1955 in Istanbul geborenen Autors. Denn was sich hinter diesen manchmal arg überschwänglich dräuenden Sätzen verbirgt, ist eine politische Endzeitvision, ein hellsichtiges Statement zur Zukunft der Türkei - falls islamistische Kräfte weiter an Einfluss gewinnen sollten. Jenny Hoch

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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