Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Heinz Strunks Roman "Die Zunge Europas" ist zum Lachen und Weinen zugleich, stellt Jenny Hoch fest. Ulrich Baron schwelgt in Juan Rulfos hitzigem "Pedro Páramo" und bewundert Sarah Kirschs "Sommerhütchen". Sibylle Mulot geht mit Erling Jepsen ins Gericht.


Heinz Strunk: "Die Zunge Europas"
(Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro)

Sobald er Ausdrücke wie "Bleier und Ratzefummel" benutzt, beömmeln sich Heinz-Strunk-Fans: Waren wir früher, in den Achtzigern, nicht herrlich uncool? Unbeholfen? Provinziell? Inzwischen ist der Hamburger Humorist zusammen mit seinen Lesern älter geworden, und liefert nach seinem gefeierten Jugendroman "Fleisch ist mein Gemüse" mit "Die Zunge Europas" nun den passenden Schmunzelschmöker für die höheren Semester - zumindest auf den ersten Blick.

Dessen Held Markus Erdmann ist 34, drittklassiger Gagschreiber und notorischer Beziehungsneurotiker. Seine Akne ist verheilt, aber dafür bringt er jetzt zu viele Kilos auf die Waage. Damit hat er sehr zu kämpfen, ist doch "sein einziger Wunsch: mit nacktem Oberkörper Holz hacken, ohne dass es scheiße aussieht."

Strunk schildert sieben relativ ereignislose Tage aus dem Leben dieses desolaten Verlierers zwischen Großelternbesuch in der "Käfersiedlung" und einer Zufallsbekanntschaft auf der Reeperbahn. Aus dem Wettbewerb der Jungen und Schönen ist Markus längst ausgeschieden, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich endlos mäandernde Gedanken über die Rede- und Essensgewohnheiten seiner Mitmenschen, ihren Musikgeschmack, sowie seine unselige Rolle in diesem Überlebenszirkus zu machen.

"Error! Der ganze Mensch ist eine Fehlermeldung" heißt es einmal, und plötzlich wird deutlich, dass "Die Zunge Europas" trotz aller Strunkschen Blödeleien keine Lachnummer, sondern ein im Grunde trostloses und zutiefst pessimistisches Buch ist. Die großzügig über jede Seite verteilten Pointensalven dienen nur dazu, diese verzweifelte Lebensbeichte erträglich zu machen. Doch das Konzept funktioniert: Selten lagen Lachen und Leiden näher beieinander. Jenny Hoch

Juan Rulfo: "Pedro Páramo"
(Neu aus dem Spanischen übersetzt von Dagmar Ploetz, Hanser Verlag, 176 Seiten, 17,90 Euro)

"Ein Dorf, das nach frisch vergossenem Honig riecht", soll Comala einmal gewesen sein. "Weiß liegt es da und beleuchtet die Erde bei Nacht", hatte seine Mutter ihm vorgeschwärmt. Doch als der Erzähler nach ihrem Tod dorthinreist, ist Comala erstickt, erstorben, leer und traurig - ein Geisterdorf, in dem körperlose Stimmen wispern und die Gespenster längst beerdigter Menschen umgehen.

Schatten und Echos von Schatten lauern dort, erzählen von seinem Vater, dem selbstherrlichen Großgrundbesitzer Pedro Páramo, und von dem, was er ihnen angetan hat. Er kam aus dem Nichts und "wuchs wie Unkraut", heißt es über diesen Tyrannen - und niemand war ihm gewachsen. Aus ihren Gräbern heraus berichten seine ruhelosen Opfer von grausamen Rachefeldzügen, von Vergewaltigungen und Morden - und von Pedro Páramos Liebe zu Susana San Juan, die im Wahnsinn endete.

Schon 1955 und lange bevor Gabriel García Márquez sein Macondo auf die literarische Landkarte setzte, bündelte der Mexikaner Juan Rulfo (1918-1986) hier die Traditionen der lateinamerikanischen Literatur wie in einem Brennglas. "Pedro Páramo" blieb sein einziger Roman, aber dessen Wirkung hält unvermindert an.

Die Neuübersetzung von Dagmar Ploetz lädt jetzt zur Wieder- und Neuentdeckung dieses Jahrhundertwerks ein. Erotik und Tod, Magie und Realismus verbinden sich hier in einer Erzählung von mythischer Pracht. Sie gleicht einem hitzigen Fiebertraum, in dem sich Szenen von quälender Klarheit mit Phantasmagorien mischen, um sich am Ende als Spukbilder einer grausamen Wirklichkeit zu entlarven. Rätselhafte und traurige Stimmen raunen von unerhörten Dingen. Die Zeit scheint rückwärts zu laufen, macht irritierende Sprünge. Schon fiebert man mit. Ulrich Baron

Erling Jepsen: "Die Kunst, im Chor zu weinen"
(Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Suhrkamp nova, 288 Seiten, 12,90 Euro)

Jepsens zweiter Roman "Dreck am Stecken" ist bereits auf Deutsch erschienen - jetzt wird sein Debüt von 2002 nachgereicht. Jepsens Romane spielen in Südjütland, aber diesmal ist es kein Polizist, der sein Bestes tut und Unheil anrichtet, sondern der elfjährige Allan, der mit seiner Familie samstags gerne singt und weint.

Vater Milchmann, Mutter halbe Deutsche, Schwester meschugge, älterer Bruder schon aus dem Haus. Die Fiktion der Kinderperspektive fängt vieles stimmig ein: Haus, Garten, Kaninchen, Allans hilflose Liebe zum skurrilen Vater, das seltsame Dorf, kindliches Irren. Aber die krasseren Effekte, Mord, Totschlag, Missbrauch der Schwester durch den Vater, Ausbruch ihrer Psychose - das schafft dieses Genre mit all seinen running gags nicht wirklich überzeugend.

Macht nichts. Heute wird gern "köstlicher schwarzer Humor" attestiert, wo es sich um Ratlosigkeit handelt, oder "Spiel mit Stereotypen" und "Parodie", wenn es, streng genommen, Flucht vor der poetischen Fiktion und dem eigenen literarischen Talent ist. Sibylle Mulot

Sarah Kirsch: "Sommerhütchen"
(Mit Zeichnungen von Dieter Goltzsche. Steidl Verlag, 160 Seiten, 18 Euro)

Seit langem hält sich die Dichterin Sarah Kirsch in ihrem Haus an der Eider aus dem Literaturbetrieb heraus. Ab und zu kommt ein schmaler Tagebuch-Band aus dem flachen Land unterm hohen Himmel Schleswig-Holsteins – mit Notizen über Katzen und Schwalben, Wind und Wolken, Musik, Holunderduft und Geruch alter Rosen.

Jedes Buch ersetzt einen Landurlaub, hilft Abstand zu gewinnen vom Getöse des eigenen Alltags. Jedes Mal nimmt man sich vor, pro Tag nur ein Stück zu lesen. Immer wird man diesem Vorsatz untreu, um der Kirsch durchs Jahr zu folgen und auf einsamen Spaziergängen zur Nachtzeit: "Hing ein Stückerl Mond quer über den Himmel, ich kam bis zu den Schwanenblumen. Niemand außer meiner hat Schwanenblumen." Der großen Welt fast abhanden gekommen, schreibt sie vom simplen Leben in ihrer kleinen Welt, die sie mit der Katze Emily, einer Hornissenkönigin und einem unwilligen Laptop teilt.

Manchmal erinnert ihr Minimalismus an japanische Skizzen. Dann wieder klingen Schnodderigkeiten an, die sie aus der "Halftown" Ost-Berlin mitgebracht hat: "Bei ,Der Kommissar’ gestern bin ich injeschlafen. Keene Ahnung, wer die Anhalterin umgebracht hat." Schön, dies zu lesen. Schön, das nicht wissen zu wollen. Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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