Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Als einarmiger Pianist wurde Ludwig Wittgensteins Bruder Paul berühmt, Sibylle Mulot ist von Lea Singers "Konzert für die linke Hand" sehr angetan. Jenny Hoch geht mit Miriam Toews und den "Fliegenden Trautmans" auf einen Road Trip und Ulrich Baron schmunzelt über David Sedaris' "Schöner wird's nicht".


Lea Singer: "Konzert für die linke Hand"
(Hoffmann und Campe, 464 Seiten, 22 Euro)

Wie unterschiedlich Ruhm und Nachruhm sein können! Vor seinem Tod war Ludwig Wittgenstein nur Insidern bekannt, dann stieg er zur Philosophie-Ikone des 20. Jahrhunderts auf. Umgekehrt genoss sein Bruder Paul zu Lebzeiten Weltruhm (als "einarmiger Pianist"), und geriet anschließend in Vergessenheit. Wie auch immer: die ganze Familie Wittgenstein verdient unser Interesse. Gleich zwei Autoren haben sie jetzt zum Thema ihrer neuen Bücher gemacht, Alexander Waugh mit einer Biografie ("The House of Wittgenstein: A Family at War", Bloomsbury Publ. Inc., London, 384 Seiten), und Lea Singer in ihrem jüngsten Roman - materialreich, recherchiert, informativ, Annäherung und Überblick zugleich.

Lea Singer schreibt ganz aus der Sicht von Paul, dem zweitjüngsten der acht Geschwister. Ludwig war der Jüngste. Über ihren Köpfen tobte das Drama der begabten Familie. Nacheinander begingen alle drei älteren Brüder Selbstmord. Vater Karl, vitaler Supermann, schaffte weiterhin Reichtümer und Hochkultur herbei, als wäre nichts gewesen. Mutter Poldi floh in die Musik; die Töchter versuchten auszugleichen, hypernervös und speziell auch sie. Paul brachte es mit 26 Jahren gegen den Willen des Vaters zum Pianisten. Ein Jahr später verlor er im Ersten Weltkrieg den rechten Arm.

Wie ein Märchen beschreibt Singer die Geschichte des unbeirrbaren Paul. Musste man etwas verlieren, um etwas zu werden? Ludwig, der aus diesem Grund sein Erbe ausschlug, geistert in Singers Roman nur als Nebenfigur herum. Über ihn war schließlich immer wesentlich mehr bekannt. Überhaupt spielt sie sehr geschickt mit Wissen und Nichtwissen der Leser, scheut auch die Karikatur nicht.

Pauls Lebensweg wird spannend, fundiert und etwas schmökerhaft erzählt. Sein Reichtum, sein Charakter, seine Aufträge an namhafte Komponisten für "Konzerte für die linke Hand" (hinterher zerstritt er sich meist mit ihnen), sein Wunsch, um seiner selbst willen geliebt zu werden, die Konflikte mit der Familie, sein spätes Glück. Mit dieser Romanbiografie schließt Lea Singer, Fachfrau für Kulturgeschichte und Musik, eine Lücke. Sibylle Mulot

Miriam Toews: "Die fliegenden Trautmans"
(Aus dem Englischen von Christiane Buchner, Berlin Verlag, 272 Seiten, 18 Euro)

Depression, Selbstmordgedanken, desorientierte Kinder, Liebeskummer - das sind alles weiß Gott keine fidelen Themen. Dass der Roman "Die fliegenden Trautmans" trotzdem sehr unterhaltsam und sogar lustig ist, ohne dabei oberflächlich zu sein, liegt an der unbeschwerten Erzählkunst der Kanadierin Miriam Toews.

Salopp, umgangssprachlich und mit Gespür für Situationskomik erzählt sie die Geschichte der 28-jährigen Hattie, die ihr Pariser Bohème-Leben aufgibt, um sich daheim in Kanada um die Kinder ihrer Schwester Min zu kümmern, weil diese schwer depressiv in eine Klinik eingeliefert wird. Von ihrer Ersatz-Mutterrolle überfordert, beschließt Hattie, zusammen mit dem 15-jährigen schwer pubertierenden Logan und der 11-jährigen völlig überdrehten Thebes gen USA aufzubrechen, um den verschollenen Vater der Kinder zu finden.

In einem alten Van machen sie sich auf einen Road Trip, der sie nicht nur äußerlich ihrem Ziel näher bringt, sondern auch innerlich eng zusammenschweißt. Denn die drei beginnen auf den langen Fahrten zwischen schäbigen Motels und merkwürdigen Begegnungen, miteinander zu reden. Erst stockend und auf Umwegen, später im Vertrauen darauf, dass sich die Wahrheit sowieso hinter den Worten verbirgt.

Nach ihrem autobiografischen Roman "Ein komplizierter Akt der Liebe", in dem sie ihre Jugend in einer Mennonitengemeinde verarbeitete und der Provinzsatire "Kleinstadtknatsch" ist mit "Die fliegenden Trautmans" das dritte Buch von Miriam Toews auf deutsch erschienen. Alle drei zeigen: Auch über die Grenzen ihres großen, menschenleeren Landes Kanada hinaus, hat diese Autorin viel zu erzählen. Jenny Hoch

David Sedaris: "Schöner wird's nicht"
(Aus dem Amerikanischen von Georg Deggerich, Karl Blessing Verlag, 320 Seiten, 19,95 Euro)

"Eff iff im Gebüff", habe die alte Schreckschraube Helen ihm zugenuschelt. Nur eine Minute später habe er den Pflanzenkübel vor dem Haus durchwühlt: "Ich stieß auf eine Bierflasche, ein Stück Pizza voller Ameisen und zuletzt auf das Gebiss, das den Sturz aus dem fünften Stock wundersamerweise heil überstanden hatte."

Bei David Sedaris offenbart selbst das literarisch überstrapazierte Leben in New York noch neue, skurrile, schreiend komische Seiten. Das tut das Leben überall, wo Sedaris auftaucht. Ob als Putzkraft, als Helfer in der Gerichtsmedizin oder als einziger Gesprächspartner eines normannischen Kinderschänders - der 1956 in den USA geborene Radiokommentator und Schriftsteller hat einen Sinn für die schrägen, einsturzgefährdeten Seiten des Daseins.

Wie verfährt man als Flugpassagier mit einem Hustendrops, der einem in den Schritt der schlafenden Sitznachbarin geflogen ist? Wo bekommt man ein echtes Skelett her, das der liebe Lebensgefährte sich zu Weihnachten wünscht?

Und was macht man mit feinen Leuten, die sich unfein ausdrücken? Sedaris macht sich Notizen darüber und Gedanken. Das ist komisch und erhellend zugleich: "Scheiße" sei "das Tofu des Fluchens und kann vom Sprecher in jeder beliebigen Kombination gebraucht werden."

Und über Geschmack lässt sich nicht streiten, wie der Fall von Helens Gebiff im Gebüff zeigt: "Sie schob das Gebiss ungewaschen zurück in den Mund, und es war, als hätte man neue Batterien in ein besonders fieses Spielzeug eingelegt." Ulrich Baron

Lesereise: 12. November Hannover, 13.11. Leipzig, 14. 11. Berlin, 17.11. Zürich. Informationen auf der Verlags-Webseite.

Yrsa Sigurðardóttir: "Das glühende Grab"
(Deutsch von Tina Flecken. Fischer Taschenbuch, 365 Seiten, 8,95 Euro)

Dass auf Island gleichzeitig Banken und Kriminalromane boomten, hätte einem zu denken geben sollen. Inzwischen wissen wir, dass beide Leichen im Keller haben. Nur sind manche besser versteckt als andere. Das muss auch der Mörder geglaubt haben, der 1973 bei einem Vulkanausbruch auf den Westmännerinseln drei Männerleichen im Keller der Familie Magnússon deponiert hat.

Pech für Markús Magnússon, dass sich Archäologen über sein verschüttetes Elternhaus hergemacht haben. Doppeltes Pech, weil er die Ausgrabung verhindern wollte und deshalb der Hauptverdächtige ist. Dreifaches Pech, weil sich in einer Kiste, die er unbedingt bergen wollte, weitere Leichenteile finden. Damit hat die Rechtsanwältin Dóra Guðmundsdóttir, die von der Unschuld ihres Klienten überzeugt ist, ihren dritten Fall.

Wie schon in "Das letzte Ritual" und in "Das gefrorene Licht" (beide als Fischer-Taschenbuch erschienen) erweist sich die 1963 geborene Yrsa Sigurðardóttir als kriminalistisches Naturtalent. Während sich ihre Heldin zum Glutkern eines alten Falls durchtastet, erzählt der Roman auch von Fischersöhnen, die Betriebswirte und Investoren wurden – und von Dóras deutschem Freund Matthias, der im Jahre 2007 noch erwägt, nach Island zu ziehen, um dort einen tollen Bankjob zu übernehmen.

Da ist man am Ende doppelt gespannt, wie es weitergehen wird. Beim nächsten Fall darf man sich wohl auf eine Überraschung gefasst machen. Denn wie heißt es über Dóra? "Nichts langweilte sie mehr als Gespräche über Finanzen." Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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