Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Der Herr der U-Bahnringe heißt Dmitry Glukhovsky und sein Fantasy-Roman "Metro 2033" hat Ulrich Baron in Hochspannung versetzt. Jenny Hoch durchlebte mit Joe Dunthornes "Ich, Oliver Tate" noch einmal die Pubertät und Sibylle Mulot ist ganz vernarrt in Rudi Palla.


Dmitry Glukhovsky: "Metro 2033"
(Aus dem Russischen von David Drevs. Heyne-Taschenbuch 53298, 783 Seiten, 14 Euro)

Nach dem großen Erfolg von Sergej Lukianenkos russischem Fantasy-Epos "Wächter der Nacht" (2004) folgt mit Dmitry Glukhovskys "Metro 2033" jetzt der Herr der U-Bahnringe. Mit diesem Buch erwirbt man die Netzkarte für eine postmoderne Unterwelt.

Nach einem Atomkrieg haben sich die Überlebenden in die Tunnel und Stationen des riesigen Moskauer Metro-Netzes geflüchtet. Während die verstrahlte Erdoberfläche zum Jagdrevier monströser Mutanten geworden ist, sind die Tunnelmenschen in Fraktionen zerfallen. Es gibt das Handelsimperium der Hanse, arme Schlucker, Faschisten und Kommunisten, gebildete Brahmanen und kannibalische Wilde, die dem technikfeindlichen Kult des "Großen Wurms" huldigen.

Von den Kannibalen einmal abgesehen, ernährt man sich vor allem von Pilzen, aus denen man hier auch den in Russland unentbehrlichen Tee herstellt. Zum Teetrinken jedoch bleibt dem jugendlichen Helden Artjom wenig Zeit, weil seine Heimatstation von unheimlichen Invasoren attackiert wird. So bricht er zu einer Odyssee durch die Unterwelt auf, wo die Sirenen und Monstren einer modernen Mythologie auf ihn lauern, und wo jede Station eine dramatische Wende bereithalten kann.

Auch wenn man die Blaupause solcher Geschichten kennt, gelingt es dem 1979 in Moskau geborenen Dmitry Glukhovsky, bekannte Fantasy-Muster originell und spannend zu variieren. Zudem entführt der von David Drevs kongenial übersetzte Roman nicht nach Mittelerde, sondern in eine Welt, deren ursprünglichen Plan man in jeder Moskauer Metrostation betrachten könnte. Das ist das ideale Buch, um an langen Winterwochenenden abzutauchen und die Phantasie von der Leine zu lassen. Ulrich Baron

Joe Dunthorne: "Ich, Oliver Tate"
(Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt, Rowohlt, 384 Seiten, 19,90 Euro)

Der englische Originaltitel von Joe Dunthornes sehr, sehr komischem Debütroman lautet "Submarine", was den Gemütszustand der pupertätsgeschüttelten Hauptfigur viel besser trifft als der etwas lahme deutsche Titel "Ich, Oliver Tate". Denn in der Tat ist der 15-jährige Oliver Tate wie ein U-Boot abgetaucht in einem Meer aus Hormonen und Körperflüssigkeiten. Er lebt in seiner eigenen verwirrenden Teenager-Welt, der er mit Tagebuch-Einträgen und einem Faible für abgefahrene Fremdwörter Herr zu werden versucht.

Irgendwie hat ja auch alles im Leben des behütet aufwachsenden Einzelkindes mit Sex zu tun: Seine Eltern, das hat Oliver verdeckt ermittelt, haben schon seit mindestens zwei Monaten nicht mehr miteinander geschlafen. Dafür ist seine Mutter nahe dran, sich von einem in die Jahre gekommenen Hippie-"Schwachmaten" verführen zu lassen. Oliver hat sich fest vorgenommen, dies zu verhindern und gleichzeitig seine eigene Jungfräulichkeit vor seinem 16. Geburtstag zu verlieren. Das Liebesmahl, das er zu diesem Zweck für sich und seine Freundin zubereitet, dient ihm als Trockenübung: "Ich übe mich darin, das Hack zu brustgroßen Knödeln zu formen, was nicht zuletzt Jordana zugute kommen wird".

Was ist zum Thema Erwachsenwerden nicht schon alles geschrieben worden! Doch der walisische Autor Dunthorne begegnet dieser schwierigen Lebensphase mit so viel Witz und so wenigen Berührungsängsten, dass es ein zu Herzen gehendes Vergnügen ist, den verschrobenen Gedankengängen seines altklugen Helden bis in die letzten abstrusen Details zu folgen. Jenny Hoch

Rudi Palla: "Kurze Lebensläufe der Narren"
(Zsolnay Verlag, 178 Seiten, 14,90 Euro)

Nach Alexander Capus' "Himmelsstürmer" und Ulrich Holbeins "Narratorium" hier nun ein drittes Buch, das sich der ehrwürdigen und unterhaltsamen Tradition der Narrenbeschreibung widmet. "Narren", vornehmer "Exzentriker", sind Leute, die kreativ-unbehelligt in jener offenen Psychiatrie herumspazieren, die man das "Leben" nennt, belächelt von den einen, bewundert von den anderen. Manchmal so fanatisch verehrt, dass man von einer ansteckenden Narrenschaft ausgehen möchte (vornehm: Ko-Exzentrikertum).

Rudi Pallas Sammlung mit dem hinreißenden Titelbild zweier tanzender Narren holt uns vierundzwanzig berühmte und unbekannte Fälle vor Augen, Ikonen wie Florence Foster Jenkins, die mutig kreischende Mörderin des Hohen C, oder Erich Rosenthal, den Cowboy von Reinickendorf, aber auch einen echten afrikanischen Staatspräsidenten. (Wie, nur einen? Palla entschuldigt sich quasi dafür, nennt in der Einleitung noch ein paar mehr, aber diesen, den Präsidenten von Gambia, behandelt er exemplarisch: Seine Exzellenz heilen nämlich Aids öffentlich mit Kräutern, aber nur donnerstags.)

Vierundzwanzig Narren - der reinste Adventskalender. Darin solche Schmuck-Exzentriker wie der Kaiser von Amerika, der in seiner hübschen Phantasie-Uniform täglich die Straßen von San Francisco entlang marschierte, beim Volk so beliebt wie ein echter Kaiser (zu seiner Beerdigung kamen 10.000, nach anderen Quellen 30.000 Leute). Oder der Wiener Hobby-Historiker Flatzelsteiner, der klammheimlich die sterblichen Überreste von Kronprinz Rudolfs letzter Geliebter Mary Vetsera ausbuddelte, um endlich Näheres zu erfahren. Oder der in den Adelsstand erhobene Verbesserer des Maschinengewehrs, Hiram Maxim, ein Millionär der Toten.

Die Narren auf dem Titelbild übrigens, die auf den ersten Blick an Stan Laurel und einen schwer abgemagerten Oliver Hardy erinnern, wurden während einer Bunkerparty im Zweiten Weltkrieg aufgenommen. Manchmal sind es die Umstände, die zum Narren machen. Sibylle Mulot

Doris Lessing: "Alfred und Emily"
(Aus dem Englischen von Barbara Christ. Hoffmann und Campe, 303 Seiten, 19,95 Euro)

Der späte literarische Liebesdienst einer Tochter für ihre Eltern. Die 1919 geborene Doris Lessing entwirft deren Leben zunächst so, als habe es weder deren Ehe noch den Ersten Weltkrieg gegeben. Auf dessen Schlachtfeldern hatte ihr Vater Alfred ein Bein verloren und war mit Lessings Mutter Emily nach Rhodesien ausgewandert, wo beide ihre Lebensträume auf einer Farm beerdigen mussten.

In jener Alternativwelt dagegen geht Alfreds Wunsch, Farmer in England zu werden, in Erfüllung, während Emily ihre Unabhängigkeit erstreitet und sich als Gründerin von Reformschulen hervortut. Das reine Glück ist auch das nicht, doch Doris Lessing hat jene Leiden getilgt, die sie während ihrer Kindheit miterlitten hat.

Erst im zweiten Teil erfährt man, wie es wirklich war, und damit rundet sich dieses Buch der Literaturnobelpreisträgerin zu einer intimen Erzählung, die gleichwohl die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in sich einschließt.

Wunderbar ist allein schon der seitenlange Diskurs über den Wandel der edwardianischen Eßgewohnheiten, über den Verlust jener Fülle von Rinderschmalz, Braten, Koteletts, Nieren, Scones und Pudding, die manches Leben auf so angenehme Weise verkürzen half. Und über die Litschis, Orangen, Zitronen, Grapefruit, die einst vor der Küchentür wuchsen.

Was Lessing hier beschreibt, ist nicht allein das Verschwinden von Kalorienbomben und kostenlosen Vitaminspendern. Es ist der Verlust von etwas, was man für selbstverständlich gehalten hatte. Der Verlust eines naiven - oft wohl auch selbstsüchtigen – bürgerlichen Urvertrauens, das mit der Welt von gestern abhanden gekommen ist: "Das gibt es alles nicht mehr." Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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