Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Sex, Mord, das Grauen und das Sterben: Ziemlich drastische Themen, die die Bücher der Woche behandeln. Die Literaturkritiker von SPIEGEL ONLINE waren eben tapfer - aber auch amüsiert und bestens unterhalten.


M+M (Marc Weis/Martin de Mattia, Hrsg.): "Pie Bible"
(Verlag für Moderne Kunst, 39 Euro)

Zur Erinnerung: "American Pie", das war dieser herrlich verblödelte Sommerhit des Jahres 1999 über vier sexuell unterversorgte Teenager, die beschließen, sich bis zum Abschlussball ihrer lästigen Jungfräulichkeit zu entledigen. Weil dies aber nun mal am besten mit einer für sie fremden Spezies namens Frau funktioniert, kommt es zu hochkomischen Szenen, in denen der richtige Gebrauch von Herrenmagazinen sowie die Zweckentfremdung eines warmen Apfelkuchens eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Eher am Rande geht es außerdem um ein mysteriöses Buch, das zu lesen und fortzuführen jeweils ein Ausgewählter jedes Jahrgangs die Ehre hat. Darin werden Tricks und Tipps zur Anbahnung und Ausführung der heiß ersehnten körperlichen Liebe weitergegeben, was zwar für den Fortgang des Films schnell unerheblich wird, aber für zwei Münchner Künstler ein Quell der Inspiration darstellte.

Marc Weiss und Martin de Mattia beschlossen, dieses pubertäre Geheimwerk der erotischen Selbstfindung als gedrucktes Kunstwerk Realität werden zu lassen. Heraus kam die "Pie Bible", eine Art Heilige Schrift der Sexualaufklärung, in der insgesamt 57 Künstler ihre Erfahrungen zum Thema offenbaren.

Bekannte Namen wie Jonathan Meese, Tobias Rehberger, Atelier van Lieshout oder Tobias Zielony sind ebenso darunter wie eine Reihe von Newcomern. Zwischen zwei artigen kunstledernen Buchdeckeln mit Goldprägung finden sich ihre oft ziemlich unartigen Arbeiten in bester Faksimile-Manier gedruckt.

Pornografisches ist dabei und Anrührendes, Versponnenes und Technisches. Je nach Temperament und Affinität wurde gezeichnet, collagiert oder geschrieben. Oft extrem explizit und pubertär, manchmal hintergründig und voller Ironie. Besonders hübsch: Die Arbeiten werden anonym präsentiert, erst am Ende des Buches kann man mit Hilfe einer handschriftlichen Teilnehmerliste die jeweiligen Urheber zuordnen. Und so ist die "Pie Bible" eine originelle Annäherung an ein ewiges Thema: Sex. Jenny Hoch


Edgar Allan Poe: "Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket"
(Übersetzt von Hans Schmid. Herausgegeben von Hans Schmid und Michael Farin. Marebuchverlag, 525 Seiten, 39,90 Euro)

Schiffbruch, Meuterei, Kannibalismus, wandelnde Leichen, heimtückische Wilde, eine gespenstische Schwarz-Weiß-Welt im Südpolarmeer und ein Katarakt, auf den man dort zutreibt – die Geschichte des Arthur Gordon Pym enthielt 1838 so ziemlich alles, was sich zeitgenössische Leser wünschen konnte. Nur leider keinen Schluss, der erklärt hätte, wie der Erzähler schließlich heimgekehrt war. Entsprechend mager waren seinerzeit die Verkaufszahlen dieses Klassikers.

Folgt man den ausführlichen Kommentaren der Herausgeber, so erfährt man, dass sich Poe mit der Arbeit an diesem Werk selbst auf eine Reise ins Ungewisse gemacht hatte, die der seines Helden durchaus gleichkam.

Als tollkühne Irrfahrt erscheint der "Pym" deshalb auch in poetischer Hinsicht: Ausgiebig plünderte Poe einschlägige Reisebeschreibungen, ließ seinen Erzähler ein Notsegel an einem Mast befestigen, der gerade über Bord gegangen war, und schickte ihn auf Decks, die sein Schiff nicht haben konnte.

Je fragwürdiger und widersprüchlicher solche erzählerischen Realien werden, desto stärker tritt das Abgründige dieses Werks hervor, über dem nicht das Herz der Finsternis schlägt, sondern eine "verhüllte menschliche Gestalt" wacht, "in ihren Ausmaßen viel größer als irgendjemand, der unter den Menschen wohnt. Und die Farbe der Haut der Gestalt hatte die vollkommene Weiße des Schnees."

Zu seinem 200. Geburtstag am 19. Januar haben Hans Schmid und Michael Farin dem grandiosen Erzähler, Lyriker und Essayisten Poe eine Ausgabe von einer Qualität beschert, von der zu Lebzeiten wohl nie zu träumen gewagt hätte.
Ulrich Baron

Helen Garner: "Das Zimmer"
(Aus dem Englischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza. Berlin Verlag, 176 Seiten, 18 Euro)

Einen Todkranken begleiten, der sterben will - darüber schrieb Wolfgang Prosinger in "Tanner geht". Eine Todkranke begleiten, die nicht sterben will, darüber schreibt die 66-jährige australische Autorin Helen Garner - über die Krebskrankheit einer alleinstehenden Freundin.

Wir erleben die Erzählerin, wie sie das Gästezimmer herrichtet. Sie tut es fürsorglich, aufwändig, vorausschauend, freundlich, aber nicht zu freundlich. Mit einem Büschel "mir unbekannter Kräuter, die ich in der Nähe des Schuppens gefunden hatte" als I-Tüpfelchen.

Die Kranke kommt, in viel schlechterem Zustand, als gedacht. Ihre ganze Hoffnung ruht auf einer alternativen Therapie, die sie noch kränker macht. Die Erzählerin verpackt ihr Entsetzen in die geschliffenen Sätze ihres Romanberichts, mit fast irritierender Glätte. Man liest neugierig, hastig, die Form setzt wenig Widerstand entgegen, und bemerkt, dass die Erzählerin von einem Affekt offenbar ganz besonders beherrscht wird: dem gegen Kurpfuscherei, letzte Heiler, betrügerische Institute, gegen unbegründete Hoffnung allgemein! Vom Mitleid erschöpft (auch Wärme, Einfühlung, Zuneigung und Geben sind keine unbegrenzten Güter), richtet sie ihre Empörung bald gegen die Todkranke selbst.

Nun muss man heute diesen seelischen Pflegenotstand längst nicht mehr in dem Umfang verschweigen wie noch zu Freuds Zeiten. Trotzdem mutig von Garner, diese noch immer unpopulären Gefühlsreaktionen in den Vordergrund zu stellen. Allerdings gerät mit dieser gewählten Perspektive die Kranke wiederum so sehr in die Objektrolle, dass man Mitleid bekommt und sich beklommen fragt: Ginge es eventuell auch anders? Und falls ja, wie lange? Erst zum Schluss weicht die Überforderung von der Erzählerin, als ein ganzes Kollektiv die Freundin beim Sterben begleitet.

Die erlesene Ästhetik des Titelbilds jedenfalls will nach der Lektüre nicht mehr so recht passen. Geht es um Schöner Wohnen, mit Streifentulpen? Oder um die ruppigen, uns unbekannten Kräuter in der Nähe des Schuppens? Sibylle Mulot


Åsa Larsson: "Bis dein Zorn sich legt"
(Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs. Bertelsmann, 348 Seiten, 19,95 Euro)

In Ländern, wo jeder Kälteeinbruch zum Medienereignis und jede Schneeflocke zum Star wird, erscheinen Gegenden, wo der Winter noch etwas Selbstverständliches ist, als besonders exotisch. Noch spannender erscheint das Überleben in der Kälte, wenn es nicht allen gelingt.

"Ich erinnere mich, wie ich gestorben bin", so beginnt der vierte und jüngste Kriminalroman der 1966 in Uppsala geborenen und im nordschwedischen Kiruna aufgewachsenen Åsa Larsson. Im Mittelpunkt steht wieder die Staatsanwältin Rebecka Martinsson, die noch immer zwischen der Liebe zu ihrer lappländischen Heimat und einer Liebe in Stockholm hin- und hergerissen ist.

Gestorben ist hier eine junge Frau. Gewaltsam gestorben, weil sie sich gemeinsam mit ihrem Freund den falschen See zum Eistauchen ausgesucht hatte. Bei ihren Ermittlungen trifft Rebecka auf einen Familienclan, der dort seit dem Zweiten Weltkrieg ein finsteres Geheimnis hütet. Und auf ein bedrohliches Brüderpaar, das keine Skrupel zu kennen scheint.

Dass dabei auch eine Tote mitredet, ist seit Åsa Larssons Debüt "Sonnensturm" (2004) nichts Ungewöhnliches. Das Milieu der schwedischen Freikirchen ist der Autorin gut vertraut, und ein religiöser Unterton schwingt auch in diesem Roman mit, dessen Titel auf das Buch Hiob und einen alttestamentlichen Zorn verweist.

Was die Romane der Åsa Larsson nicht nur spannend, sondern auch so anziehend macht, ist ihr Sinn für das Eigensinnige der Gestalten, für die einsamen Alten, die rebellischen Jungen, die Opfer, die sich zu Tätern machen lassen. Und für das Leben im Norden, wo die Kälte alltäglich und der Lauf der Natur spürbar ist. Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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