Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Ein Glanzlicht des Frühjahrs: Rawi Hages Beiruter Bürgerkriegs-Roman "Als ob es kein Morgen gäbe". Außerdem in "Vorgelesen": Mit "Tod einer Untröstlichen" hat David Rieff seiner Mutter Susan Sontag ein sensibles Denkmal gesetzt. Und ein Krimi von den Shetland-Inseln.


Rawi Hage: "Als ob es kein Morgen gäbe"
(Aus dem Englischen von Gregor Hens. DuMont, 256 Seiten, 19,95 Euro)

"Die ganze Welt ist so", denkt Bassam: "Man sieht immer von einer Seite hinüber auf die andere. Städte belauern sich, Freunde und Feinde belauern sich mit starrenden Waffen." Man lebt hier, so lange es geht, als ob es kein Morgen gäbe.

Bassams Stadt heißt Beirut - das Bürgerkriegs-Beirut der achtziger Jahre. Hier belauern Christen und Muslime einander. Hier fallen Granaten und Bomben. Hier machen Milizen den Krieg zum Geschäft. Hier werden Kurden und Palästinenser abgeschlachtet. Dann kommen Bulldozer und räumen auf.

Bassams Freund heißt George und wird De Niro genannt. Zwischen Ruinen und Blutlachen haben die beiden als Kinder Patronen und Granathülsen gesammelt. Bald sind sie Halbwüchsige, Halb- und Vollwaise. Auf Georges Motorrad und mit seiner Pistole bewaffnet rasen sie durch die nächtliche Stadt, jagen nach ihrem Anteil am Leben.

Bassams Feind heißt George und wird De Niro genannt. Eines Tages hat er sich der christlichen Miliz angeschlossen, hat sein Motorrad stehen gelassen und sich größeren Zielen zugewandt. Während George zur kokainbetriebenen Kampfmaschine mutiert, verstrickt sich auch Bassam in Geschäfte, die das Pulverfass Beirut explodieren lassen. Als er fliehen will, ist es für einen der beiden schon zu spät.

Der 1964 in Beirut geborene Rawi Hage erzählt die Geschichte von den Freunden, die zu Feinden werden, in einem kontrast- und bilderreichen Stil, der nicht von ungefähr an die mediterranen Szenen eines Camus erinnert. Wie dessen "Fremden" scheint auch Hages Held selbst der Tod seiner Mutter gleichgültig zu sein, bis im dritten Teil des Buchs das Ende dieser Tragödie aus der Retrospektive geschildert wird. Inhaltlich und formal ein literarisches Glanzlicht dieses Frühjahrs. Ulrich Baron

David Rieff: "Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag" (Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Hanser Verlag, 160 Seiten, 17,90 Euro)

Nein, es geht nicht um "die letzten Tage von Susan Sontag", wie der deutsche Untertitel behauptet. David Rieff, Susan Sontags einziges Kind, Journalist, Nahost-Reporter, 56 Jahre - sie hatte ihn schon mit 19 Jahren zur Welt gebracht - schrieb ein Buch, das sich mit Sontags gesamten Leben befasst, mit ihrem langjährigen Kampf ums Überleben während dreier Krebserkrankungen, mit ihrem monatelangen Sterben im Jahr 2004.

Der englische Titel lautet denn auch: "Swimming in a sea of death. A son's memoir". Eines Sohnes Bericht. Und der handelt von Sontags freudiger Lebensgier und atemloser Erwartungshaltung, in welcher Vergänglichkeit gar keinen Platz hatte, wie auch von ihrer radikalen Einstellung zur Krankheit; vom Triumph ihres zweimaligen Überlebens, und ihrer Negation des Todes. Vom Verhalten ihrer Ärzte damals und heute (was macht einen "guten" Arzt aus, was einen schlechten) und vom Dilemma des Angehörigen, der letztlich nicht anders konnte, als der glühenden Wahrheitssucherin den Ernst ihres Zustands konsequent zu verschleiern.

Ein Buch, das man langsam liest, dafür mehrmals. Es ist auch ein Bericht darüber, wie ein Sohn seine Mutter nach ihrem Tod anhand ihrer Tagebücher neu entdeckt. "Die Grundeinstellung meiner Mutter war immer auf Erhöhung gerichtet", heißt es an einer Stelle - dies war bekannt.

Aber: "Fast ständig lag sie im Kampf mit der Depression. Seit ich nach ihrem Tod ihre Tagebücher lese, erstaunt mich vor allem die Tiefe ihrer Verzweiflung ..." - das ist neu. Der Bericht schließt die unglückliche Kindheit dieser 'Primadonna assoluta intellettuale' mit ein, wie man sie auf dem Höhepunkt ihres Lebens scherzhaft genannt hat, ihr lebenslang empfundenes Außenseitertum, ihr komplexes Wesen.

Ein nachdenklicher Text, grüblerisch-gründlich um immer dieselben Themen kreisend - so diskret wie eine beschlagene Fensterscheibe, und so enthüllend wie die kleinen blankgeriebenen Gucklöcher darin. Rührende Geste: Aus eigenem Antrieb ließ der Sohn die Mutter nicht in den USA, sondern im Pariser Friedhof Montparnasse zur letzten Ruhe betten, bei ihresgleichen im alten Europa. Wo sonst. Sibylle Mulot

Ann Cleeves: "Im kalten Licht des Frühlings"
(Aus dem Englischen von Anja Schünemann. Wunderlich, 430 Seiten, 19,90 Euro)

Über die Silbermünzen ist die Doktorandin Hattie sogar noch glücklicher als über die menschlichen Knochen, die der Boden des alten Bauernhofs preisgegeben hat. Aber lange kann sich die junge Archäologin nicht über diese Funde freuen, mit denen sie eine im wahrsten Sinne verschüttete Kaufmannstradition auf den Shetland-Inseln nachzuweisen hoffte. Ein Mörder tut alles, um zu verhindern, dass hier in alten Geschichten gegraben wird.

Für den Detective Jimmy Perez bringt dieser Fall nicht nur ein abwechslungsreiches Island Hopping, sondern auch eine Reise in eine nähere Vergangenheit mit sich, als zwischen den Inseln und den von Deutschen besetzten Norwegen ein intensiver, aber geheimer Bootsverkehr stattfand. Den Lesern stellt sich dabei die Frage, die sich bei solchen eng begrenzten Schauplätzen immer stellt: Liegt die Lösung dieses Falls auf dem kleinen 1030-Einwohner-Eiland Whalsay oder sollte man doch lieber das Vorleben von Hatties Doktorvater genauer unter die Lupe nehmen …

Doch "Im kalten Licht des Frühlings" gehört zu jenen Krimis, die man nicht nur wegen spannender Fälle, sondern auch wegen ihrer Atmosphäre und ihres Lokalkolorits gern liest. Es ist schon der dritte Band einer vierbändigen Krimi-Reihe, die die britische Schriftstellerin Ann Cleeves auf der zu Schottland gehörenden Inselgruppe angesiedelt hat. Wer also nach dem Frühjahr auch gleich noch lange Sommertage oder Winternächte auf den Shetlands genießen will, kann dies mit "Der längste Tag" und "Die Nacht der Raben" (beide als Rowohlt-Taschenbuch) tun. Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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