Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Wie Krimiautor Håkan Östlundh Inseln in Abgründe verwandelt. Wie sich Arno Schmidt ein Bild von der Welt machte. Und warum Manhattan immer noch eine "Love Story" wert ist: Spannende neue Werke, besprochen von Ulrich Baron und Sibylle Mulot.


Håkan Östlundh: "Gotland" (Kriminalroman. Aus dem Schwedischen von Katrin Frey. Piper Nordiska, 345 Seiten, 14,95 Euro)

Inseln haben nicht nur in der Kriminalliteratur etwas besonders Schicksalsträchtiges. Auf einer kleinen Insel verbrachten Agatha Christies "zehn kleine Negerlein" ihr letztes Wochenende. Auf einer sehr viel größeren, dem schwedischen Gotland, werden zwei Mitglieder der wohlhabenden Familie Traneus abgeschlachtet. Und auf einem winzigen Eiland unweit davon kommt es am Ende zum Showdown.

Während die Polizei ermittelt, tastet sich der Erzähler bis in die Nähe des Mörders vor, der bald in mehr als einer Beziehung hart am Abgrund steht: "Der Kopf seines Vaters stieg aus einem Erdloch auf und starrte ihn mit leeren Augenhöhlen an. Die Augäpfel waren von Würmern und Insekten gefressen worden. Die weiße Haut roch nach Bratwurst."

Hinter der eigentlichen Krimihandlung werden hier andere, sehr viel ältere Konflikte sichtbar. Die Geschichte von einem selbstherrlichen, brutalen Ehemann und Vater, der zum Glück für alle lange abwesend war - und zu deren Unglück eines Tages heimkehrt. Die Geschichte einer jungen Frau, die ihrer Insel, aber nicht ihrer Familie entkommen ist.

Und die Geschichte von der Inszenierung eines glücklichen Familienlebens auf einem Segler namens "Abenteuer". Die aber ist so brüchig wie die weißen, von der Sonne gebleichten Vogelknochen auf jener kleinen Insel, deren Besuch stets der Höhepunkt dieser Segeltouren war. Ulrich Baron

Benjamin Markovits: "Manhattan Love Story"
(Roman. Aus dem Englischen von Christa Krüger. Insel Verlag, 276 Seiten, 19,80 Euro)

Zuerst erfahren wir, wie Amy Bostick tickt, eine junge Lehrerin, liiert mit einem reichen Jung-Juristen, den sie ständig als viel attraktiver einschätzt als sich selbst. In einer Welt, in der alles gemessen, verglichen und auf Normen bezogen wird, muss sie damit zurechtkommen, dass ihr Selbstwertgefühl täglich schwankt. Ihr Freund liebt sie, oder spielt er doch Spielchen?

Dann setzt Autor Markovits sein psychologisches Sezierbesteck bei Howard Peasbody an, einem älteren Lehrer mit Einsamkeitsbedürfnis und jungem Freund. Danach kommt Stu Englander an die Reihe, Englischlehrer, verheiratet, der sich in die Schülerin Rachel verliebt. Und schließlich Rachel selbst, ein braves reiches Mädchen mit sterbendem Vater, das ein völlig anderes Leben führt.

Die "Manhattan Love Story", gut geschriebene Lebensbilder von vier unterschiedlichen Individuen, Milieu-erhellend, glaubwürdig. Eine magisch-fiktionale Verbindung wie in Michael Cunninghams legendären "Die Stunden" strebt Markovits nicht an, er ist härter, moderner: Gemeinsam ist ihnen nur die Nichtgemeinsamkeit, es sind Monaden. Die absichtlich gesetzten Querverbindungen reichen nicht an die untergründige Spannung der "Stunden" heran.

Das Erzählte aber schon! Auch Markovits' Stil flirrt, baut Welten, enthüllt einen Strom psychologischer Erkenntnisse und Einsichten. Besser, man nimmt den Roman sofort als das, was er ist: vier lange Erzählungen.

Denn sonst? Wer sich etwa gleich zu Beginn in Amy Bosticks Geschichte verliebt, leidet. Sie bricht auf Seite 58 ab, obwohl man sich da intensiv auf einen ganzen Bostick-Roman freut. Die weiteren Lebensbilder (Peasbody, Englander und Rachel) sind deutlich stärker in sich gerundet. Soll man nun einem Autor ausgerechnet seine Qualität verübeln? Dass er so gut, so spannend und vielseitig schreibt? Sibylle Mulot

"SchwarzWeißAufnahme. Fotografien von Arno und Alice Schmidt aus drei Jahrzehnten"
(Herausgegeben von Janos Frecot. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag, 127 Seiten, 49,90 Euro)

Alice fotografiert Arno. Arno Alice: Alice mit Katze. Alice mit Kaktusblüte. Arno liebt Landschaften, menschenleer. Heidewege, Wiesen, Nebel. Kühe in Halbtrauer, also schwarzweiß. Mondschein und Nacht, wenn nicht nur Katzen grau sind.

Arno Schmidt (1914-1979) zählt zu den wenigen Schriftstellern, die es aufs Titelblatt des SPIEGEL brachten. Das war am 13. Mai vor 50 Jahren. Doch er hasste die Öffentlichkeit. Galt als "Solipsist in der Heide", und nur wenige seiner Leser wussten, dass er einen Solipsismus für zwei betrieben hatte, in den ihm seine Frau Alice willig und selbstverleugnend gefolgt war.

Über das karge Leben der beiden in der Nachkriegszeit hat die posthume Publikation der Tagebücher von Alice Schmidt inzwischen vieles nachgetragen. Geld war knapp, aber dennoch leistete sich Arno Schmidt im November 1950 eine Rollfilmkamera der Marke Bonafix.

So kann man nun sehen, wie die beiden einander und wie sie beide die Welt sahen: Klare Linien, fein komponierte Stillleben, Wald- und Heidelandschaften voller zarter Grauabstufungen. Seelandschaft mit Arno, aber ohne die Pocahontas, mit der er in den fünfziger Jahren einen Literaturskandal auslöste. Einmal gar, man glaubt es kaum: der sonst so gestrenge Dichter lachend.

Was man in diesem Band nicht findet, sind zeittypische Szenen ehelichen Glücks vor Adriakulisse. Hier herrscht ein strenges Entweder-Oder. Entweder Alice fotografiert Arno. Oder Arno Alice. Oder Landschaften, Gärten und Straßen. Nur dem Selbstauslöser gelingt es, die beiden gemeinsam abzulichten. Und einem Trick. Was Arno Schmidt 1941 schon einmal getan hat, wiederholt er 20 Jahre später - bannt ihre beiden Schatten mit ins Bild.

"Was werde ich sein?", so fragte sich einst ein japanischer Schwertmeister: "Knochen auf der Heide", gab er sich selbst zur Antwort. Schatten auf der Heide, ergänzt dieser strenge, schöne Bildband. Ulrich Baron

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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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