Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Ein afroamerikanischer Simplicissimus: In Zeiten von Obama eine höchst spannende Figur. Ulrich Baron entdeckte sie in einem Buch von Langston Hughes. Und Sibylle Mulot gruselte sich bei der raffinierten Bosheit der Autorin Tina Uebel.


Langston Hughes: "Simpel spricht sich aus"
(Roman. Aus dem Amerikanischen von Evelyn Steinthaler, Milena Verlag, 248 Seiten, 19,90 Euro)

Wie Jess Semple zum Namen Simpel gekommen ist, sollte man in seiner Anwesenheit lieber nicht erörtern: "Fakt is, wenn ich wild werd, bin ich dem Herrgott sein gewaltigster Nigger", gesteht er seinem treuen Zuhörer: "Das is mein indianisches Blut!" Aber weil Simpel ein "farbiger Indianer" ist, lebt er in Harlem und nicht in einem Reservat.

Der lachende Autor Langston Hughes (1902 - 1967) hat auch seinen Romanfiguren eine subversiven Humor vererbt
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Der lachende Autor Langston Hughes (1902 - 1967) hat auch seinen Romanfiguren eine subversiven Humor vererbt

Manchmal träumt er von daheim im Süden, wo er im Frühling ein Sandwich einpacken und sich "den ganzen Tag ans Flussufer setzn und nur träumen und fischen und fischen und träumen" würde. Vorher hätte er dort ein Schild aufgestellt: "Lynchen verboten." Harlem nämlich ist nicht das Traumviertel, aber so ziemlich der einzige Fleck, wo er als schwarzer Kneipenphilosoph vor der Rassendiskriminierung sicher ist.

Mit Simpel, der "zu allem unter der Sonne eine Meinung" kundtut, hat der afroamerikanische Schriftsteller Langston Hughes (1902-1967) in den vierziger Jahren einen tragikomischen Helden geschaffen, der ein wenig wie Don Quixote und Sancho Pansa, Simplicissimus und Schwejk und doch ganz einzigartig ist.

Was hätte der alte Simpel wohl gesagt, wenn er noch hätte erleben können, wie ein afroamerikanischer Präsident und ein schwarzer Harvard-Professor im Garten des Weißen Hauses mit einem weißen Polizisten Bier trinken? "Nich von meinen Steuergeldern", wahrscheinlich, und die Folgen kann man sich ausmalen: "Dann hab ich gespürt, wie jemand zur Tür rausgeflogen is. Das war ich." Ulrich Baron

Tina Uebel: "Die Wahrheit über Frankie" (Roman. C. H. Beck Verlag, 310 Seiten, 19,90 Euro)

Weder leicht noch lustig zu lesen: der Annäherungsversuch an ein charismatisches Monster namens Frankie. Frankie ist kein Josef Fritzl. Er ist jung und sperrte seine Opfer nicht hermetisch ein. Sie folgten ihm auch so aufs Wort.

Freiwillig? Nein, manipuliert, eingeschüchtert, leichtgläubig und als Opfer ihrer eigenen Sinnsuche. Das zeigen die "Verhörprotokolle" der drei "geretteten" Exstudenten Christoph, Judith und Emma, als Opferaussagen gegeneinander geschnitten. Frankie hatte sie mit einer blöden Geheimdienstgeschichte geködert, ließ sie untertauchen, erpresste von ihren Eltern immer mehr Geld, machte sie total abhängig.

Es dauert quälend lang, bis bei zwei der Geretteten die Erkenntnis dämmert, man sei einem Betrüger aufgesessen (oder einem Verrückten?).

Wie entsetzlich: weit und breit kein echter Geheimauftrag. Nur zerstörte Liebe, zerstörtes Leben, Grausamkeit, Verrat an sich selbst und allen anderen - außer natürlich an Frankie! Und das zehn volle Jahre lang.

Ein solcher Fall hat sich in Großbritannien zugetragen. Tina Uebel transponiert ihn erfolgreich in bundesrepublikanische Verhältnisse.

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Der Geheimdienst-Faktor bleibt dabei grundsätzlich sehr vage, nur zeichenhaft. Als hätten die Opfer ebenso gut auf einen Sektenguru, einen Verschwörungstheoretiker oder einen Terroristenführer hereinfallen können. Wirklich? Ein Modellversuch in Sachen Naivität. Ein quälendes, interessantes Buch. Sibylle Mulot

Marcel Feige: "Trieb"
(Thriller. Goldmann Taschenbuch, 671 Seiten, 8,95 Euro)

Das frühe Ende eines Karrierepolitikers, der Mord an einem Fabrikanten in einem Berliner Luxushotel, eine tote Prostituierte, Geschäfte mit Gammelfleisch und ein paar kleine Jungen, verloren im Großstadtdschungel - aus dem neuen Thriller von Marcel Feige ließe sich gleich ein ganzer Stapel "Tatort"-Drehbücher" machen.

Nur langsam zeigt sich das Muster, das diese Handlungsstränge schließlich zusammenführen wird. Da ist es für zwei Männer, ein Kind und eine Mutter bereits zu spät.

Während ein Kommissar und ein Journalist auf ihre Weise an scheinbar ganz unabhängigen Fällen arbeiten, irrt der kleine Tabori durch die Stadt. Er hat sich aus Albanien nach Berlin durchgeschlagen, träumt vom Geldverdienen, scheint sich aus einem Kinderbuch in einen Thriller verirrt zu haben.

Er ahnt nicht, dass es für alles einen Markt gibt: für Hamburger, PlayStations, CDs - und für kleine Jungs. Eines Tages spricht ihn ein freundlicher Mann an und nimmt ihn in eine Wohnung mit, die zunächst wie ein Kinderparadies anmutet.

Er sei bei Sachbuchrecherchen auf die Szene der Pädophilenkreise gestoßen, sagt Marcel Feige, auf das perfide System von Zuwendung und Abhängigkeit, mit denen sich Gruppen lieber Onkels minderjährige Ausreißer gefügig machen. Natürlich wollen sie "nur das Beste" für ihre Schützlinge, weshalb sie diese nach Beginn der Pubertät in die Stricherszene abschieben.

Der 1971 geborene Marcel Feige hat sich dieses Themas mit der Besessenheit eines James Ellroy angenommen, die es braucht, um so gewichtige Stoffmassen zu bewältigen. Ulrich Baron



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