Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Ein Buch über Schlaflose kann aufgeweckt, ein Krimi über Nebelstürme klarsichtig sein. Und die sprachlosen Opfer einer Kulturrevolution kommen zu Wort, wenn ein literarischer Meister ihnen seine Stimme leiht.

Ein Albtraum, dieser Schlafentzug: Darsteller Christian Bale in "Der Maschinist"
DEFD

Ein Albtraum, dieser Schlafentzug: Darsteller Christian Bale in "Der Maschinist"

Von Ulrich Baron und Daniel Haas


Haruki Murakami: "Schlaf"
(Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Mit Illustrationen von Kat Menschik, Dumont, 79 Seiten, 14,95 Euro)

Wenn in der Literatur nicht mehr geschlafen wird, bewegt man sich schnell im Reich des Phantastischen, in den Sphären der Angst und Gewalt. Man denke an Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder", in dem ein Mann beschließt, sich durch Schlafentzug selbst zu töten. In Stephen Kings "Schlaflos" erlangt der Held aufgrund andauernder Wachheit übersinnliche Wahrnehmungskräfte, die helfen, das Böse zu besiegen.

In Haruki Murakamis Erzählung wird die Realität des Schlaflosen nicht monströs, auch wenn die Hauptfigur 17 Tage nicht geschlafen hat. Tagsüber führt sie das aufgeräumte Leben einer Zahnarztgattin, die für den Ehemann kocht und das Kind zur Schule bringt. Nachts liest sie Tolstois "Anna Karenina" oder fährt mit dem Auto durch die Stadt.

Murakami erzählt von einer Parallelwelt, die sich von unserer eigentlich nicht unterscheidet. Die Schlaflose ist nicht erschöpft, sie hat keine Visionen, wird nicht verrückt. Aber in den Nachtstunden, befreit von den Zwängen der Physiologie, erlangt sie eine unerhörte Unabhängigkeit. Ein Mensch, der die Wehrlosigkeit des Schlafes nicht mehr kennt, ist unheimlich. Sein Blick wird nie müde, er kann uns betrachten - und wer weiß, vielleicht auf eine Weise erkennen, die uns selbst erschüttern müsste.

Unaufgeregt und leise kommt dieser Text daher, aber seine Stille ist verstörend. Die expressiven, albtraumhaften Illustrationen der Berliner Zeichnerin Kat Menschik hätte es gar nicht gebraucht. So kunstvoll sie sind, sie stören. Denn dieser "Schlaf" kennt keine Halluzinationen, sondern nur die Vision eines freien Lebens jenseits der Ansprüche des Alltags. Ein Text, der Bedürfnisse weckt, gerade bei uns Tag- und Zweckmenschen. Daniel Haas

Liao Yiwu: "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser"
(Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder, S. Fischer, 539 Seiten, 22,95 Euro)

Nachdem die damals fünfjährige Yang Sixian ihren toten Papa und Onkel gesehen hatte, habe sie fürchterliche Angst bekommen: "Das waren nicht mehr dieselben, die uns aus dem Alltag vertraut waren. Sie waren blutverschmiert, sie hatten Löcher in der Brust, größer als eine Suppenschale, vor allem die Gesichter sahen aus wie zersprungene Glas, alles voller Risse."

Was sich Yang Sixian mit traumatischer Klarheit ins Gedächtnis gebrannt hat - maoistische Bodenreform und Terror gegen "Grundbesitzer" - war keine schreckliche Ausnahme, sondern zynisch organisierte Regel. Im Gespräch mit dem 1958 geborenen Dichter und Dissidenten Liao Yiwu berichtet ein professioneller Leichenschminker, selbst er habe Mühe gehabt, Opfern der selbstzerfleischenden Kulturrevolution ihr menschliches Antlitz zurückzugeben.

Was offiziell verboten blieb, ist Liao Yiwu in Interviews mit Chinas Außenseitern gelungen. Er hat zum Schweigen Verurteilten eine Stimme gegeben. Seine Interviews haben ihren Weg nicht per Tonband, sondern aus dem Gedächtnis heraus aufs Papier und aus China herausgefunden. Er hat seinen Gewährsleuten so im doppelten Sinn zur Sprache verholfen, indem er ihnen mit seiner eigenen entgegengekommen ist.

Zur Frankfurter Buchmesse durfte Liao nicht reisen. So spricht sein Buch für ihn und sagt mehr, als sich dort live sagen ließe. Man könnte es auch - wär's nicht schon Titel der Jugenderinnerungen eines Elias Canetti - "Die gerettete Zunge" nennen. Ulrich Baron

Johan Theorin: "Nebelsturm"
(Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps. Piper Nordiska, 447 Seiten, 19,95 Euro)

Die Konstellation altes Haus, junge Familie und Gespenster der Vergangenheit erfreut sich in der Spannungsliteratur größter Beliebtheit, denn sie lädt zum Erzählen geradezu ein. Zum Erzählen über den Erfolg in der Stadt, den Überdruss daran und von der Sehnsucht nach dem Land, das leider nie so friedlich ist, wie erhofft. Weil der Hof Åludden mit seinen großen Nebengebäuden auch noch an einem einsamen Strand der schwedischen Insel Öland steht, in der Nähe zweier alter Leuchttürme und in winterlichen Nebelstürmen versunken, scheint er förmlich darauf zu lauern, dass etwas Schreckliches geschieht.

Tatsächlich sind die glücklichen Jahre des jungen Paares, das sich dort mit seinen Kindern einrichten will, bald vorbei. Der Tod von Joakim Westens Frau Katrine wird zunächst als tragischer Unfall zu den Akten gelegt, aber ihre Stimme scheint zwischen den alten Mauern fortzuleben. Und nicht nur ihre Stimme, sondern die Stimmen vieler, die dort am Land und auf dem Meer ums Leben gekommen sind.

Doch "Nebelsturm" ist keine Gespenstergeschichte. Neben dem Raunen aus der Vergangenheit gibt es hier auch die Gegenwart des Schwedenkrimis: Drogentod in der Großstadt, dem Joakims Schwester zum Opfer gefallen ist; Drogen und Kleinkriminalität auch in der Provinz, wo abgelegene Höfe und Sommerhäuser leichte Beute versprechen. Starker Stoff. Ulrich Baron



insgesamt 1302 Beiträge
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BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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