Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Die Erforschung des Zellinneren: Da bleibt der Laie außen vor. Es sei denn, er liest das verständliche Werk von Bernhard Kegel. Rolf Bauerdick entdeckt kosmische Komik in einem Dorfdrama aus der Sputnik-Ära. Und bei Linus Reichlin legt sich ein Ermittler mit dem Schicksal an.

Schon faszinierend, welche Signalwirkung der Sputnik bis heute hat - auch literarisch
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Schon faszinierend, welche Signalwirkung der Sputnik bis heute hat - auch literarisch

Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot


Rolf Bauerdick: "Wie die Madonna auf den Mond kam"
(DVA, 520 Seiten, 22,95 Euro)

Erst der Sputnik-Schock von 1957 hat das osteuropäische Bergdorf Baia Luna aus seinem Dämmerschlaf gerissen. Dem Großvater des Erzählers und seinem Freund, dem Zigeuner Dimitru Gabor, kommt das von den Dorfkommunisten bejubelte Piepen aus der Erdumlaufbahn allerdings verdächtig vor. Wollen die Russen da oben nach Gott suchen? Nach der Mutter Gottes womöglich? Schließlich soll Maria ja als einziger Mensch komplett in den Himmel gekommen sein.

Die Komik des burlesken Dorfdramas wird dunkel grundiert, als der 15-jährige Erzähler Pavel auf das Geheimnis seiner Lehrerin stößt. Die ist spurlos verschwunden, und verschwunden ist wenig später auch die Leiche des alten Pfarrers, der brutal ermordet wurde.

Von der Kapelle auf dem Mondberg wird auch noch die Madonnenstatue geraubt. Die Zwangskollektivierung steht bevor, und nach dem Besuch eines zynischen Offiziers der "Sekurität" herrscht nackte Angst im Dorf.

Das Sputnik-Jahr wird so zum Angelpunkt einer Handlung, die von der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart eines Landes reicht, zu dem Rumänien das Vorbild geliefert hat. Und weil Rolf Bauerdick ein geborener Erzähler ist, nimmt der grimmige Realismus seiner Geschichte ihr nichts von ihrer Magie und ihrem Humor. Ulrich Baron

Linus Reichlin: "Der Assistent der Sterne"
(Galiani Berlin, 381 Seiten, 19,95 Euro)

Als Ex-Inspektor Hannes Jensen von einer Island-Reise ins belgische Brügge zurückkehrt, erzählt ihm seine schwangere Geliebte Annick von den Sorgen ihrer Haushälterin. Ein afrikanischer Wahrsager habe prophezeit, dass ihre einzige Tochter von einem Mann ermordet werde, der ein Mal am Hals trage.

Der Hobby-Physiker Jensen glaubt nicht an Wahrsagerei, doch er hat aus Island eine Bisswunde mitgebracht; Folge eines Seitensprunges mit der Assistentin seines Gastgebers. Wird sich die Prophezeiung bestätigen?

In seinem zweiten Jensen-Roman stellt Linus Reichlin, 52, die gewohnte Krimi-Welt auf den Kopf. Der Ermittler rückt in die Rolle des Täters; zeitweilig scheint es so, als würde sich ausgerechnet der Skeptiker Jensen zum Erfüllungsgehilfen einer wild gewordenen Schicksalslogik machen und dabei Leben und Liebe verspielen.

Das ergibt eine ebenso spannende wie irritierende Gratwanderung hart am Rande des Unglaublichen. Doch Krimifreunde können beruhigt sein: Einen richtigen Mord gibt es auch noch. Ulrich Baron

Bernhard Kegel: "Epigenetik - Wie Erfahrungen vererbt werden"
(Dumont, 368 Seiten, 19,95 Euro)

Das menschliche Genom entschlüsselt, aber nicht enträtselt: ein komplizierter Schaltplan ohne Gebrauchsanweisung. Wo sind sie, die Gene für unsere Zivilisationskrankheiten? Wieso erkrankt von eineiigen Zwillingen manchmal nur der eine an Krebs, Diabetes, Depression? Und können umweltbedingte Veränderungen, anders als bisher angenommen, ohne Mutation vererbt werden?

Das "epigenetische" Zeitalter hat begonnen - die Suche, was "nach" (epi) der Genetik kommt, also Mechanismen, die die DNA zwar nicht mutieren, aber anders reagieren und wirken lassen, und dies auch noch im Erbgang.

Warum lebten Enkel wesentlich länger, wenn ihre Großeltern väterlicherseits zwischen neun und zwölf Jahren gehungert hatten? Und starben deutlich früher, diabetisch und herzkreislaufkrank, falls Opa und Oma sich in diesem Zeitraum zu voll gestopft hatten?

Ließen sich menschliche Keimdrüsen also zu bestimmten Zeiten von der Umwelt so nachhaltig beeindrucken, dass sie Reaktionen auf Nachkommen vererbten?

Bernhard Kegel widmet sich in seinem Buch in bekannt flüssigem, elegantem Stil der schwierigen Aufgabe, die längst noch nicht abgeschlossenen Forschungen zum Zellinnern so durchsichtig zu machen, dass auch Laien sie verstehen.
Sibylle Mulot

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