Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Die Liebe ist bedroht: vom Leistungsdenken, der Gier nach mehr. Sibylle Mulot hat die eigentlich abgestandene These in einem erfrischenden Essay wiederentdeckt. Ulrich Baron entdeckt einen Science-Fiction-Großmeister neu und staunt über eine Krimi-Groteske.

Szene aus dem Film "Intimacy": Bindungslosigkeit, Instant-Sex - die Geißeln unserer Zeit?
DEFD

Szene aus dem Film "Intimacy": Bindungslosigkeit, Instant-Sex - die Geißeln unserer Zeit?


Sven Hillenkamp: "Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit"
(Klett-Cotta, 312 Seiten, 22,90 Euro)

Bei zu viel Vergnügen hört der Spaß auf, lernten wir schon in den frühen Achtzigern von Neil Postman ("Wir amüsieren uns zu Tode"). In den Neunzigern liebten dann alle plötzlich viel zu viel. Passend hierzu, könnte man meinen, ruft Hillenkamp nun "das Ende der Liebe" aus - wäre da nicht der Untertitel "im Zeitalter unendlicher Freiheit".

Die Liebe ist nämlich tatsächlich mausetot, aber nicht durch zu viel Liebe, sondern durch zu viel Freiheit, Wahlmöglichkeit und Leistungsdenken: Wir optimieren uns zu Tode. Wir versinken vor Scham in den Boden, wenn wir nicht in jedem Augenblick all unsere Potentiale vervollkommnen, den besten, kreativsten Partner finden, an dem wir wachsen können, um dann mit dem nächsten noch weiter zu wachsen.

Das unbegrenzte Wachstumsdenken hat den sakrosankten Bezirk der Liebe erreicht und zerstört. In ewiger Suche rotieren die Menschen nun aneinander vorbei, stürzen sich allenfalls in seriellen Instant-Sex, und hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, da warten bekanntlich Scharen von Noch-Viel-Besseren auf uns.

"Roman-Essay" wurde das interessante Buch genannt. Es ist eigentlich ein Pamphlet. Es greift einen Teilaspekt der Gesellschaft heraus, verallgemeinert ihn, erklärt ihn zur Fehlentwicklung des Jahrhunderts, hebt den Zeigefinger und mahnt zur Umkehr. Hillenkamp tut dies in stilistisch hochstehender Weise. Er gurrt und schmeichelt, wo Andere dröhnen; tanzt, wo Andere trampeln. Ist eher mitleidig als empört, analytisch statt plakativ - und dabei überaus poetisch. Sibylle Mulot

Philip K. Dick: "Unterwegs in einem kleinen Land"
(Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, 377 Seiten, 22 Euro)

Längst haben Filme wie "Total Recall" und "Minority Report" bewiesen, dass Philip K(indred) Dick einer der originellsten Science-Fiction-Autoren war. Der 1928 in Chicago geborene Schriftsteller starb 1982, kurz bevor die Kinoversion seines Romans "Do Androids Dream of Electric Sheep?" als "The Blade Runner" die Kassen füllte. Noch immer ist aber kaum bekannt, dass Dick in seinen frühen Jahren auch sehr lesenswerte Gegenwartsliteratur geschrieben hat.

"Unterwegs in einem kleinen Land" porträtiert zwei junge Paare, die einander im Los Angeles der frühen fünfziger Jahre näherkommen, als es für ihre Ehen gut ist. Roger und Virginia Lindahl versuchen, ihren Sohn Gregg vor den häuslichen Reibereien zu bewahren, aber ausgerechnet ihre Besuche in einem ländlichen Internat bringen sie mit Liz und Chic Bonner zusammen.

Die Geschichte erscheint bald wie ein Gegenstück zu John Updikes frühen Romanen. Während Updikes Held "Rabbit" als Autohändler den Aufstieg des amerikanischen Mittelstandes erlebte, verkauft und repariert Roger Lindahl Fernseher - und ruiniert seine Ehe, als er mit der naiv anmutenden Liz eine wilde Affäre beginnt.

Dick zeichnet ein spannungsreiches Bild von der Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit in Kalifornien und zeigt Menschen, die ihr Glück bei allem Erfolg verfehlen. Und wenn Liz mitten im Gespräch manchmal seltsame Aussetzer hat und Roger einem Summen in der Gegensprechanlage lauscht, scheint auch der Absprung in jene phantastischen Welten nicht mehr fern zu sein, wo Androiden von elektrischen Schafen träumen. Ulrich Baron

Martin von Arndt: "Der Tod ist ein Postmann mit Hut"
(Klöpfer & Meyer, 206 Seiten, 17,90 Euro)

Es beginnt als Groteske, doch am Ende hat der 1968 geborene Martin von Arndt eine ganze menschliche Komödie unter den Hut dieses schmalen Romans gebracht. Zunächst gibt es da, wie bei der Entstehung eines jeden Buchs, eine Reihe leerer Blätter. Die werden dem Ich-Erzähler Julio Monat für Monat per Einschreiben ohne Absender zugesandt.

Ist das ein Scherz? Eine Drohung? Eine Aufforderung, aus seinem Leben mehr zu machen, nicht als Musiker, der seinen Unterhalt mit Soundtracks für chinesische Imbisse verdient, zu verkommen? Zu Beginn des Romans sind die Figuren fast holzschnittartig, gewinnen aber an Gewicht und Tiefe, als der kolossale, pensionierte Chefinspekteur Koloman sich des Falls annimmt. Bald zeigt sich die Seelenverwandtschaft zweier einsamer Männer, von denen der ältere nicht mehr lange zu leben hat.

Von Arndt mischt die Elemente des Kriminalromans zu einem neuen Spiel, in dem Mord und Totschlag nur am Rande, im Protokoll eines alten Falls, vorkommen. Der Tod ereilt Koloman mit Sicherheit, doch die Stunde ist ungewiss, und man darf deshalb nicht zu früh aufgeben. Kurz vor seinem Ende bringt es der schon um Atem ringende Amateur-Jazzer auf den Punkt: "In Wien hat mir mein Musiklehrer andauernd gesagt: 'Kolo, spiel' die Posaun', als ob's um dein Leben ging.' Und ich hab gespielt um mein Leben. Dass ich dabei verloren hab - no, was tut's!"
Ulrich Baron

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