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Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Soldat in Ungarn 1945: Sándor Márais Novelle lässt den zeitlichen Abstand schmelzenZur Großansicht
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Soldat in Ungarn 1945: Sándor Márais Novelle lässt den zeitlichen Abstand schmelzen

Eine Novelle über die "Befreiung" Ungarns im Zweiten Weltkrieg versetzt Sibylle Mulot in die Vierziger zurück. Ulrich Baron beschäftigt sich mit Toten: der verstorbenen Weltsprache Latein und der Leichensuche unter Wasser.

Sándor Márai: "Befreiung"
(Aus dem Ungarischen von Christina Kunze. Piper Verlag, 194 Seiten, 16,95 Euro)

Das Schicksal habe ihm die Hand geführt, meinte Márai. Wie sonst hätte er so kurz nach der dramatischen Befreiung Ungarns im Jahr 1945 einen so geschliffenen, in sich ruhenden, hochgradig lesbaren Text verfassen können? Eine lange Novelle, die (fast) alle unerhörten Begebenheiten bündelt.

Erzsébet, eine wohlerzogene Studentin, sitzt mit falschen Papieren im Luftschutzkeller, den sie unter Lebensgefahr verlässt, um für ihren Vater ein neues Versteck zu finden. Dieser, ein charaktervoller Gelehrter, wird von Deutschen und Ungarn gleichermaßen gejagt. So durchquert sie nachts das belagerte Budapest noch einmal und kehrt erst, als ihre Aufgabe gelöst ist, zu den Schicksalsgenossen in den Keller zurück: den Bekannten, Fremden, Rätselhaften, Bedrohten, Anständigen, Gemeinen. Erzsébets Blickwinkel ist kultiviert, verständnisvoll und humanistisch. Sie vertritt, wie ihr Vater, das bürgerlich-vornehme Ungarn. Die Front rückt näher - was wird die Befreiung durch die Russen bringen?

Im Moment der Flucht zögert Erzsébet plötzlich, sie bleibt. Das Finale ist reich an Überraschungen - und an Leerstellen. Die größte davon ist die endlich erreichte Freiheit selbst. Im September 1945, als Márai den Schlusspunkt unter dieses Werk setzte, war noch nicht abzusehen, ob sich auf Dauer etwas entwickeln würde, das diesen Namen verdiente.

Wenige Jahre später kehrte Márai der Heimat enttäuscht den Rücken, das Manuskript der "Befreiung" blieb in einer Truhe liegen. Erst vor zehn Jahren wurde der Text in Ungarn, jetzt erstmals auch auf Deutsch veröffentlicht. Márais intensive Sprache bringt den zeitlichen Abstand umstandslos zum Schmelzen und redet so direkt zu uns, als habe die Weltgeschichte niemals Umwege gemacht. Sibylle Mulot

Jürgen Leonhardt: "Latein. Geschichte einer Weltsprache"
(C. H. Beck, 339 Seiten, 24,90 Euro)

"Wozu noch Lateinunterricht?", hat sich schon mancher Schüler seufzend gefragt. "Es gibt doch Übersetzungen!" Aber von allen "toten" Sprachen ist Latein die lebendigste. Jürgen Leonhardt, Latinistik-Professor in Tübingen, verdeutlicht das zu Beginn seiner Sprachgeschichte anhand frappierender Zahlen: Was an antiker lateinischer Literatur überliefert ist, hätte Platz in "etwa 500 Bänden zu je 500 Seiten". Was nach dem Ende der Antike in dieser Sprache geschrieben wurde, würde sogar fünf Millionen davon füllen - das Zehntausendfache dessen, was Cäsar, Cicero & Co uns bescherte haben.

Gerade das Ende seiner natürlichen Entwicklung als gesprochene Muttersprache hat Latein zur fixierten Weltsprache werden lassen, in der Philosophen und Staatsmänner, Theologen, Juristen, Naturkundler und Mediziner über staatliche, nationale und zeitliche Grenzen hinweg bis ins 19. Jahrhundert hinein bevorzugt kommunizierten. Bis 1600 und in einigen Ländern Europas sogar bis 1700 habe die lateinische Literaturproduktion die nationalsprachliche übertroffen, schreibt Leonhardt. Doch der lateinische Teil von Literatur-, Sprach und Wissenschaftsgeschichte komme mangels Übersetzungen häufig zu kurz oder fehle ganz.

In Leonhardts ebenso anspruchvollem wie anschaulichem Buch gibt es nicht nur viel Erstaunliches zu entdecken. Hier zeigen sich auch bemerkenswerte Anknüpfungspunkte an die Neuzeit, in der das Latein von den Nationalsprachen verdrängt wurde und das Englische sich zur neuen Weltsprache entwickelt. Ulrich Baron

Mo Hayder: "Haut"
(Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Goldmann, 384 Seiten, 19,95 Euro)

Dass Mo Hayders Thriller und deren finstere Gestalten buchstäblich unter die Haut gehen, hat sie schon mit Büchern wie "Der Vogelmann" (2002) und "Die Sekte" (2007) bewiesen. Doch zunächst geht es hier mit der Polizeitaucherin Flea Marley unter Wasser. Sie leitet eine Spezialeinheit zur Leichensuche, und was eignete sich besser zum Selbstmord oder zur Beseitigung von Mordopfern als die überfluteten Steinbrüche von Somerset? Doch als Flea auf der Suche nach einer vermissten Frau dort die zulässige Tauchtiefe überschreitet, begegnet ihr etwas ganz anderes. Oder ist das nur ein Produkt des Tiefenrauschs?

Während die Gesuchte bald an einem anderen Ort gefunden wird und alles auf deren Selbstmord deutet, muss Flea beim Blick in ihren übel riechenden Kofferraum feststellen, dass sie einer anderen Vermissten schon seit Tagen sehr nahe war. Es bleibt zudem nicht bei dem einen angeblichen Selbstmordopfer und der unheimlichen Begegnung in der Tiefe. Auch Fleas Kollege Inspector Jack Cafferty sieht sich in einen Fall verstrickt, dessen Unheber nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint.

Rund um die titelgebende Mordserie, die am Ende durchaus konventionell aufgeklärt wird, schafft Mo Hayder so wieder eine unheimliche Zwielichtzone, in der beide auf sich allein gestellt sind. Ganz allein sind sie freilich nicht, doch auf die Gesellschaft, die Mo Hayder ihnen verpasst hat, würde man im richtigen Leben liebend gern verzichten. Ulrich Baron

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