Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Hinterhältige Typen kriegen was auf den Hinterkopf - jedenfalls in Pete Dexters düsterem Krimi "God's Pocket". Fleißige Ghostpainter kriegen irgendwann die Wut - und bekennen Farbe. Und ein afrikanischer Ballkünstler schildert seine Jugend als runde, aber auch kantige Geschichte.

In höchste literarische Höhen zielen die zeitkritischen Krimis von Pete Dexter
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In höchste literarische Höhen zielen die zeitkritischen Krimis von Pete Dexter

Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot


Samantha Peale: "Die amerikanische Malerin Emma Dial"
(Aus dem amerikanischen Englisch von Robin Detje. Berlin Verlag, 304 Seiten, 22 Euro)

"Früher waren Hunde rudelweise durch die Straßen um mein Atelier gestreift. Ich wusste noch, wie ich ihre Schatten durch Regen und Dunkelheit hatte trotten sehen, wie sie innehielten, um an Mülltonnen und toten Vögeln zu schnuppern und sie dann vollzupissen."

Ja, früher. Inzwischen geht Malakademie-Absolventin Emma Dial nicht mehr in ihr eigenes Atelier. Sie malt für den amerikanischen Mega-Künstler Michael Freiburg in dessen Werkstatt, überträgt seine kleinen Fotocollage-Modelle in monatelanger Arbeit auf Riesenleinwände, was in der Tat ganz toll aussieht und ihr pro Bild 20.000 Dollar einbringt. Diese Leinwände werden dann direkt vom Gerüst herunter, auf dem sie steht und pinselt, für Hunderttausende Dollars von Galeristen, Liebhabern und Sammlern begeistert aufgekauft - jedes Mal ein "echter neuer Freiburg".

Anfangs hatte sie ihren Job als Assistentin plus Geliebte des weltberühmten Künstlers gemocht. Aber nach sieben Jahren? Wozu Galeristen, Sammler, andere Künstler kennen lernen, wenn sie selbst nur Ghostpainter ist? Sie möchte zeigen, was sie kann - nur, was kann sie noch? Glaubt irgendjemand an sie?

Peales Romandebüt verströmt den Charme des rebellierenden Hundchens: Eigensinnig, ängstlich, verdrossen beißt sich ein Underdog namens Emma durch Glanz und Elend des Assistententums. Die Autorin weiß, wovon sie spricht: Sie selbst hat sieben Jahre lang als Assistentin von Jeff Koons gedient. Sibylle Mulot

Samson Kambalu: "Jive Talker"
(Aus dem Englischen von Marlies Ruß. Unionsverlag, 349 Seiten, 19,90 Euro)

So jung und optimistisch wie in diesem Buch klingen Stimmen aus Afrika selten, doch schon seine Mutter habe den Erzähler ja für etwas Besonderes gehalten: "Immerhin war ich zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen, war als Baby mehrfach aus dem Bett gefallen und mit drei beinahe in einem Brunnen ertrunken."

Doch der 1975 in Malawi als Sohn eines afrikanischen Hilfsarztes und Nietzsche-Verehrers geborene Samson Kambalu litt auch an Spulwürmern und Malaria, las auf dem Klo Nietzsche und ließ sich von einem löwengesichtigen Leprakranken durchkitzeln, bis sein liebstes T-Shirt voller Blut- und Eiterflecke war.

Kambalu, einer der bekanntesten Konzeptkünstler Malawis (berühmt sind seine "Holy Balls"), erzählt sein Leben: rasend komisch in vielen Kinderszenen, jäh ins Tragische wechselnd, wenn es um Gewalt und Krankheit, um den Aids-Tod seiner Mutter geht. Und um den seines Vaters. Der hatte sich von Nietzsche ebenso inspirieren lassen wie von seinem Lieblingsbier Carlsberg Brown, das er auch "Jive" nannte.

"Ich bin Multimillionär" sollen die letzten Worte dieses "Jive Talkers" gewesen sein, und was Inspiriertheit angeht, übertrifft Kambalu seinen Vater noch. Nicht bloß Millionen, die ganze Welt will er mit diesem Buch um- und verschlingen. Es sprüht vor Wortwitz, und selbst Tränen sind hier Tropfen, in denen sich die Welt widerspiegelt. Ulrich Baron

Pete Dexter: "God's Pocket"
(Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, 368 Seiten, 22 Euro)

Irgendjemand hatte es ja tun müssen. Leon Hubbard war einfach ein mieser kleiner Typ. Hinterhältig. Und am Hinterkopf hat es ihn dann auch erwischt. Auf seiner Baustelle will keiner etwas gesehen haben. Niemand trauert dort um den Arbeitskollegen.

Nur Leons Mutter ist untröstlich. Wie eine Welle in einem trüben Tümpel breitet sich um sie herum im Viertel God's Pocket die Gewissheit aus, dass Leon ein prima Kerl gewesen sein muss, ein Kriegsheld gar. Und dass es kein Unfall war, in diesem Jahr, als ein Mahagonisarg in Philadelphia 2800 Dollar kostet. Viel Geld für Leons Stiefvater Mickey, der seins im Fleischhandel verdient und bei Pferderennen verliert. Bald gärt es überall, zumal sich ein Zeitungskolumnist der Geschichte annimmt und zwei Mafiaschläger, die den Fall auf ihre Art klären sollen, als Krüppel enden.

Hat sich der 1943 in Michigan geborene Pete Dexter schon mit "Train" und "Paris Trout" auch in Deutschland als Erneuerer des Roman noir vorgestellt, so ist dieses 1983 in den USA erschienene Debüt sein Meisterwerk. "God's Pocket" ist die Geschichte einer Eskalation, die sich wie eine zähe schwarze Woge ausbreitet, vor der einen niemand schützen kann. Ulrich Baron



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