Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Kein Witz: Es gibt Liebeslyrik, über die man lachen kann! Gar nicht komisch: die Geschichte der Blekingegade-Bande, dem dänischen Pendant der RAF. Politisch prägnant: eine Familienrecherche mit düsterer Pointe.

Ein Händchen für lyrische Momente - dazu gehört auch ein passendes Gedicht!
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Ein Händchen für lyrische Momente - dazu gehört auch ein passendes Gedicht!


Christian Maintz (Hrsg.): "Komische Liebesgedichte"

Wir kennen den Liebeskummer, die Liebesmüh, aber nicht die Liebesheiterkeit. Wie soll also eine Anthologie komischer Lyrik zum Thema Liebe gelingen? Indem man sich auf jene modernen Dichter konzentriert, die Eros mit einer Lachträne im Auge begegnen.

160 komische deutsche Liebesgedichte hat Christian Maintz ausgewählt, die Sammlung flattert nun passend zu den lauen Lüftchen auf den Schreibtisch. Aber eigentlich gehört sie in die Westentasche, in den Picknickkorb, sollte Pflichtutensil sein fürs romantische Outfit.

Denn wie schön lässt sich aus dieser poetischen Liebesschau zitieren: Komisch-Verspieltes gibt es, Melancholisch-Hintersinniges, Deftiges und Heftiges. Beim Schmökern begreift man, wie reich sie tatsächlich ist, die Tradition komischer Lyriker in deutscher Sprache. Heinrich Heine, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, später Robert Gernhardt, F.W. Bernstein, Ror Wolf. Neben solchen Klassikern lassen sich auch aktuelle jüngere Autoren entdecken: Fritz Eckenga, Thomas Gsella, Reinhard Umbach, Klaus Cäsar Zehrer.

Und wie klingt das dann? Zehrer zum Beispiel fragt: "Was von diesen zwei ist schöner:/Die Liebe oder Chicken Döner?" Allein für die Diskussion dieses Problems lohnt sich der Kauf des Buchs. Oder Eckhard Henscheids versauter "Charlottens Brief": "Spitz die Wetzlarer Karotte/Wartet Dein - mmmh Bussi!/Lotte!" Wer hätte gedacht, dass man Werthers Angebetete auf Viagra setzen kann?

Zärtlich und weniger postmodern geht es natürlich auch. Kurt Schwitters: "Meine süße Puppe/Mir ist alles schnuppe/Wenn ich meine Schnauze/Auf die Deine bautze." Frühlingsliteratur wie gesagt. Musik zum Aufblühen. Daniel Haas

Buchtipp

Christian Maintz:
Komische Liebesgedichte

Kein & Aber; 176 Seiten; 16,90 Euro.



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Eva Züchner: "Der verschwundene Journalist. Eine deutsche Geschichte"

Töchter rekonstruieren das Leben ihrer früh verstorbenen Väter, von denen sie lange Zeit fast nichts wussten: "Meines Vaters Land" von Wibke Bruhns ist noch in bester Erinnerung. Die Historikerin Eva Züchner, Jahrgang 1942, nähert sich ihrem Vater, dem Journalisten Gerhart Weise, genauso eindrucksvoll und ergreifend, allerdings mit anderen Mitteln.

Der damals 32-jährige Weise wurde im September 1945 in Berlin von der russischen Geheimpolizei abgeholt und kam nie wieder. Es blieben Fotos, die unendliche Trauer der Mutter - und deren verklärende Einschätzung, die die Tochter übernahm. Der Frühverstorbene sei ein "leiser introvertierter Intellektueller" gewesen, war niemals Parteimitglied, schrieb Feuilletons und ein Buch über einen U-Boot-Kapitän.

Gegen den Schock, in diesem Vater einen Journalisten zu entdecken, der sich in den Dienst der Nazipresse gestellt und für Goebbels' Propagandaministerium gearbeitet hatte, wappnet sich Züchner mit einer fast übermenschlichen Objektivität. Nüchtern und streng befragt sie den unbekannten jungen Mann, dessen Texte sie in den Archiven fand: Was für ein Mensch bist du gewesen?

Paradoxerweise wirkt gerade diese Nüchternheit wie eine Nährlösung, in der sich das Bild eines widersprüchlichen Charakters besonders komplex entfalten kann. Die Arbeit der Tochter gibt Auskunft über eine Persönlichkeit, wie sie zu allen Zeiten vorkommt, hier aber in eine spezielle Zeit geriet, die als kollektives Wahnsystem in diesem Ausmaß zum Glück historisch blieb. Hochinformativ, eine Meisterleistung der Recherche - mit einer detektivischen Auflösung zum Schluss. Sibylle Mulot

Buchtipp

Eva Züchner:
Der verschwundene Journalist
Eine deutsche Geschichte.

Berlin Verlag; 288 Seiten; 24,70 Euro.



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Peter Øvig Knudsen: "Der innere Kreis. Eine Kriminalgeschichte"

Der schwerverletzte Mann, den die dänische Polizei am 2. Mai 1989 aus den Trümmern seines Wagens barg, ließ sich kaum identifizieren. Den Bildern in seinen Papieren sah er nicht mehr ähnlich, und jeder Ausweis trug einen anderen Namen. Eine Telefonrechnung und ein Schlüsselbund führten die Ermittler schließlich zu einer Wohnung in der Kopenhagener Blekingegade 2 und zu einem der spektakulärsten Waffenfunde der dänischen Kriminalgeschichte.

Die Blekingegade-Bande war das dänische Pendant zur RAF, und der 1961 geborene Peter Øvig Knudsen zählt zu ihren besten Kennern. "Der innere Kreis" liefert eine beklemmende Milieustudie aus dem konspirativen Leben mit falschen Identitäten, geheimen Treffen und routinemäßiger Beschaffungskriminalität.

Knudsen zeigt, wie sich ein dogmatischer Kommunismus mit den Jugendprotesten der sechziger Jahre verband. Wie sich Aktivisten gegenüber ihren Familien, Freunden und Arbeitskollegen abkapselten und einem fatalen Freund-Freund-Schema folgten: Dieselben Menschen, die in palästinensischen Freischärlerlagern die internationale Solidarität gefeiert hatten, scheuten in ihrer Heimat nicht davor zurück, eine wehrlose Geldbotin niederzuknüppeln und einen Polizisten zu erschießen.

Deutlich wird aber auch, wie stark selbst die friedliche Gesellschaft Dänemarks von Militanz und Geheimdiensten durchdrungen war. Ulrich Baron

Buchtipp

Peter Øvig Knudsen:
Der innere Kreis
Die Blekingegade-Bande. Eine Kriminalgeschichte.

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg.

Osburg Verlag; 461 Seiten; 22,90 Euro.

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