Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Man muss Tolstoi nicht lieben, um die Romane der Tolstaja zu lesen. Im Gegenteil. Man muss auch nicht verreisen, um große Reiseliteratur wie Ibn Battuta zu schreiben. Und man muss schon ziemlich furchtlos sein, um sich bei Warren Fahys Science-Thriller nicht zu gruseln.

Dichterehepaar Leo und Sofja Tolstoi: Produktiver Ehezwist
Getty Images

Dichterehepaar Leo und Sofja Tolstoi: Produktiver Ehezwist

Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot


Sofja Tolstaja: "Lied ohne Worte"

Lew Tolstoi und seine Frau führten bekanntlich einen äußerst produktiven Ehekrieg: 13 Kinder, Tolstois Werke, Sofjas Tagebücher: Nun gibt es auch hierzulande die Romane aus ihrer Feder. Lange waren sie in den Archiven verschollen, die Autorin scheute vor einer Veröffentlichung zurück.

Hier die Entstehungsgeschichte: Tolstoi hatte, nach "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina", sehr zum Leidwesen seiner Frau, die diese Werke begeistert x-mal ins Reine übertrug, Neuland betreten. Ausgerechnet über die eigene Ehe schrieb er mit "Kreutzersonate" ein virtuos-bösartiges Werk, so schockierend einseitig und gehässig, dass seine Frau beschloss, literarisch darauf zu antworten.

Für ihren ersten Roman "Eine Frage der Schuld" (entstanden 1893, in Russland erst 1994 publiziert, deutsch 2008, soeben auch als Taschenbuch erschienen) wählte sie die Form des poetischen Realismus. Unter glatter Oberfläche konnte sie ihre Schuld-Retourkutschen ganz zivilisiert unterbringen, harmlos und zugleich vernichtend. Das liest sich noch heute fulminant.

Im zweiten Roman, "Lied ohne Worte", (entstanden 1895, als Weltpremiere jetzt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung publiziert) geht es viel ruhiger zu. Nicht mehr das große Ganze ihrer Ehegeschichte wird verhandelt; der Gatte ist zum Gartenliebhaber geschrumpft, die Heldin Sascha zur Empfindsamen, die sich nach dem Tod ihrer Mutter in die trostspendende Musik eines befreundeten Komponisten verliebt, später in ihn selbst. Anders als die tugendhafte Heldin Anna im ersten Roman wäre Sascha zum Ehebruch sogar bereit gewesen, aber leider: Der angebetete Komponist war schwul.

In starken Momenten erinnert diese Sascha ein wenig an Effi Briest. Die erzählerische Meisterschaft der Tolstaja ist in beiden Romanen stupend. Sie können für sich selbst stehen, man würde sie auch ohne biografischen Treibsatz lesen. Sibylle Mulot

Buchtipp

Sofja Tolstaja:

Lied ohne Worte

Manesse Verlag; 251 Seiten; 19,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Ibn Battuta: "Die Wunder des Morgenlandes"

Bedenkliches erfährt der arabische Reisende tief im Innern Afrikas: "Ein vertrauenswürdiger Mann aus der Gruppe der Schwarzen, ein Mekkapilger, versicherte mir, dass die Ungläubigen in manchen Teilen dieses Landes Menschen essen." Aber - so beruhigt ihn sein Gewährsmann - "nur schwarze. Die weißen, so behaupten sie, schadeten der Gesundheit, da sie noch nicht ganz reif seien". Da reist Ibn Battuta weiter, über Timbuktu und Ägypten zurück in die Heimat, um endlich in der Residenzstadt Fes seinen Wanderstock fortzulegen.

Die Reisebeschreibungen dieses "Marco Polo des Orients" zählen zum literarischen Weltkulturerbe: Marokko und Mekka, Schwarzes und Kaspisches Meer, Indischer Ozean und Malediven bilden unter anderem die Stationen seiner Erzählungen aus dem 14. Jahrhundert. Vieles, was er zu berichten wusste, hätte auch der Feder Sindbad des Seefahrers entstammen können.

Was aber sagte dazu "Muhammad ibn Fath Allah ibn Mahmud al-Bailuni, der Arme, welcher des allesbesitzenden Gottes Vergebung bedarf" und der drei Jahrhunderte später die gekürzte Fassung erstellt hat, die dieser deutschen Ausgabe zugrunde liegt? "Dies ist eine Auswahl aus einer Auswahl." Das ist fein formuliert, denn der Übersetzer und Herausgeber Ralf Elger zeigt in seinem Nachwort, dass Ibn Battuta wohl eher durch Bibliotheken als durch ferne Länder gereist ist. Das ändert nichts an dem Reiz dieser Geschichte, die umreißt, was die Muslime Nordafrikas damals über den Rest der Welt wussten. Ulrich Baron

Buchtipp

Ibn Battuta:

Die Wunder des Morgenlandes
Reisen durch Afrika und Asien.

Verlag C.H. Beck; 255 Seiten; 24,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Warren Fahy: "Biosphere"

Eine einsame Insel im Südpazifik und ein britischer Segler Ende des 18. Jahrhunderts. Man will Frischwasser aufnehmen, doch dann schnappt die Insel mit Tausenden von Mäulern zu. Und wird fortan gemieden, bis das Team der populären Fernsehshow "SeaLife" sich der Küste nähert. Für die Bestien von Henders Island ist das ein gefundenes Fressen.

Doch bei ihnen handelt es sich nicht um Aliens aus dem All oder wiedererweckte Dinosaurier, sondern um die Ausgeburten einer wild gewordenen Parallel-Evolution. "Henders-Ratten" und "Spiger" heißen die Chimären aus Spinnen, Krebsen, Gottesanbeterinnen und Tigern. Und Warren Fahy malt liebevoll aus, was deren Krallen und Kiefer aus den Besuchern von draußen machen können.

"Biosphere" schlägt also ein weiteres Kapitel in der unendlichen Geschichte möglicher Monstrositäten auf und spart den Umweg übers Weltall. Nur die grundlegende Frage, auf welcher Basis sich elefantengroße Raubheuschrecken entwickeln könnten, da es auf der Insel weder Grünpflanzen noch Vegetarier gibt, wird nicht befriedigend beantwortet.

In einem früheren Leben aber war Warren Fahy Wirtschaftsanalyst. So mag man seine erschröckliche Geschichte auch als Gleichnis für ein aus dem Ruder gelaufenes Offshore-Banking und dessen nimmersatte Kreaturen lesen. Ulrich Baron

Buchtipp

Warren Fahy:

Biosphere
Rowohlt Taschenbuch Verlag; 495 Seiten; 9,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.