Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Gespenster! Alle nackt! Ulrich Baron besucht in Buenos Aires einen Rohbau, in dem es spukt - und lässt sich anschließend von einer Kindheit in Neapel verzaubern. Sibylle Mulot erfährt, warum Jesus eigentlich ein Hund ist.

Filmszene aus "Hui Buh": Gespenster können auch leistungsstarke Weinkühler sein
Constantin Film

Filmszene aus "Hui Buh": Gespenster können auch leistungsstarke Weinkühler sein


César Aira: "Gespenster"
(Aus dem argentinischen Spanisch von Klaus Laabs)

Am Sylvestermorgen wird es im Rohbau eines Appartementhauses in Buenos Aires noch einmal richtig lebendig. Zu Arbeitern und Handwerkern gesellen sich künftige Bewohner, um sich über den aktuellen Stand zu informieren. Dann wird noch gegrillt, und danach hat die Familie des chilenischen Nachtwächters das sechsstöckige Haus für sich. Freilich nicht ganz, denn außer den Verwandten, die man zur Feier des Jahreswechsels erwartet, gibt es dort Scharen nackter Gespenster, die der Baustaub sichtbar gemacht hat.

Wirklich zu denken geben die unverkennbar männlichen Spukgestalten aber nur der halbwüchsigen Patri. Ihre jüngeren Geschwister interessieren sich eher für Spielzeug, und das trinkfreudige Familienoberhaupt nutzt die Gespenster als unkonventionelle, aber leistungsstarke Weinkühler. Während die Familienfeier langsam in Schwung kommt, erhält Patri die Einladung zu einem Geisterfest und den Hinweis: "Du wirst natürlich tot sein müssen".

Der 1949 geborene César Aira vollführt einen grotesken literarischen Hochseilakt zwischen Realismus und Phantastik, der die alltäglichen Selbstverständlichkeiten urbanen argentinischen Lebens surreal erscheinen lässt. Die Vorstellung, dabei die Seiten zu wechseln, hat etwas Verführerisches, doch Patri droht ein Absturz, als sie beschließt, der "Einladung von außerhalb des Lebens" zu folgen. Ulrich Baron

Buchtipp

César Aira:
Gespenster

Ullstein Verlag; 168 Seiten; 18 Euro.

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Bernhard Lang: "Jesus der Hund. Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers"

Hinter dem scheinbar provokanten Titel verbirgt sich die grundsolide Studie eines Religionswissenschaftlers über die enge Beziehung des historischen Jesus zur Weltanschauung der griechischen (und jüdischen) Kyniker. Die machten aus ihrem Schimpfnamen "Hund" (gr. kyon) ihren Ehrentitel - anarchische Einzelgänger, besitzlose, bedürfnislose Wanderprediger. Der heute Berühmteste: Diogenes im Fass, der dem Großen Alexander auf die Frage "Kann ich dir einen Wunsch erfüllen?" zuraunzte: "Geh mir aus der Sonne."

Als philosophische Schule sind die Kyniker heute nicht mehr sehr bekannt, ihre breite Wirkung auf die damaligen Massen ist aber unbestritten. Ihre Bettelmönch-Tracht mit Wanderstab und Reisesack wurde häufig abgebildet, ihre besondere Art zu sprechen (gleichnishaft, rhetorisch geschickt) hat sich in vielen Legenden erhalten. Selbstbewusst und hartnäckig sahen sie sich als Weltberater, Seelsorger und Schlichter. Ihre vermeintlichen Respektlosigkeiten (in Wirklichkeit hielten sie nur alle Menschen für gleich, sogar Männer und Frauen) erregten jede Menge Ärger zu ihren Lebzeiten. War ihre leibliche Lästigkeit aber einmal dahin, tat man sich mit der Lehre schon leichter...

Ihre immense Wirkung auf Jesus (man kann von Identifikation sprechen) hat dafür gesorgt, dass sich der Kynismus unter neuem Etikett bis heute erhielt. Auch wachsende Anerkennung, Machtgier, Prunk- und Herrschsucht der christlichen Kirche hat die "verborgene kynische Glut", das Menschenfreundlich-Subversive, nicht auslöschen können. Sibylle Mulot

Buchtipp

Bernhard Lang:
Jesus der Hund
Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers.

C.H. Beck; 239 Seiten; 12,95 Euro.

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Erri de Luca: "Der Tag vor dem Glück"
(Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki)

Durch einen Zufall entdeckt ein Waisenjunge einen Zugang in die Unterwelt Neapels. Statt des erhofften Schatzes findet der Ich-Erzähler dort Bücher, die ein vor den Nazis versteckter Jude zurückgelassen hat. Bücher werden ihn fortan begleiten, während er unter dem Schutz seines väterlichen Mentors Don Gaetano aufwächst.

Don Gaetano ist Hausmeister und Weltweiser. Beim Aufstand der Neapolitaner gegen die deutschen Truppen hat er 1943 eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Entwicklungsroman und Zeitgeschichte verbinden sich so in einem ebenso poetischen wie herben Porträt von Erri de Lucas Heimatstadt. Im Jahre 1950 in Neapel geboren, ging er später als Arbeiter nach Rom, lernte als Autodidakt mehrere Sprachen, begann mit vierzig zu schreiben und wurde 2010 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.

Scheint de Luca die Brutalität der Nachkriegszeit zunächst abzumildern, so drängt sie sich seinem Erzähler mit zunehmendem Alter auf. Ein Vater prügelt seinen Sohn zu Tode. Er selbst gerät durch seine Liebe zu einem autistischen Mädchen in einen fatalen Konflikt mit dem Nachwuchs der Camorra. Am Ende gehört auch er zu den Kindern Neapels, die ohne Rückfahrkarte in die Welt aufbrechen. Und er schreibt über seine Jugend am Fuße des Vesuvs - wie schön sie trotz allem war und wie kurz und wie schnell vorbei. Da möchte man diese zauberhafte Geschichte gleich noch ein zweites Mal lesen. Ulrich Baron

Buchtipp

Erri de Luca:
Der Tag vor dem Glück

Graf Verlag; 172 Seiten; 16,95 Euro.

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insgesamt 1302 Beiträge
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Seite 1
BerSie, 13.08.2008
1. Gegen den Tag
Ob lesende Hund, sprechende Kugelblitze, oder das Michelson-Morley-Experiment... seltsam ist die Faszination des neuen Pynchon, der mich immer mehr in den Bann zieht! PS Wär ja schön, wenn hier auch Sachbuchbesprechungen toleriert würden!
joachim durrang 13.08.2008
2. bücher
ich lese hauptsächlich meine eigenen texte
kurzundknapp, 13.08.2008
3.
Zitat von joachim durrangich lese hauptsächlich meine eigenen texte
Wow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
BerSie, 13.08.2008
4.
Zitat von kurzundknappWow, besser als Goethe, Shakespeare und Benn? Glückwunsch....
Was der wohl textet, wenn keiner zukuckt?:-)
Muffin Man, 13.08.2008
5.
Unter den Neuerscheinungen sind es in letzter Zeit nur zweie gewesen, die meine Neugier soweit geweckt habe, das Portemonnaie zu zücken: Muriel Barberys "Die Eleganz des Igels (http://www.dtv.de/eleganz_des_igels/index.html)", eine möglicherweise interessante Gegenüberstellung zweier Außenseiterpositionen, ich hab's allerdings wegen eines höheren Stapels älterer Bücher, die ich noch vorher lesen will, kaum angerührt... und Cornelius Medveis "Mr. Thundermug (http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=22701)", dessen Story allerdings ziemlich simpel ist - naja, DAS ist's ja auch, was Lesepublikum und Lektoren verlangen...
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