Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Hässlich-schöne Natur: Bibel des Grauens

Von

Haarige Tierchen: Die Wunderkammer der Biologie Fotos
Matthes & Seitz/ Judith Schalansky & Pauline Altmann

Spinnen, Reptilien und auch Viren sind Wunderwerke der Natur. Caspar Henderson widmet ihnen einen prächtig illustrierten Band: "Wahre Monster", die aussehen wie mittelalterliche Dämonenfratzen.

An einem sonnigen Sommernachmittag saß der britische Journalist Caspar Henderson mit seiner Frau in einem Park. Er las das Buch "Einhorn, Sphinx und Salamander" des argentinischen Autors Jorge Luis Borges. Darüber schlief er ein und träumte: So ein Buch will ich auch schreiben!

Vier Jahre ist das her, nun erscheint sein Werk auf Deutsch - und tatsächlich: Es ist gelungen. Auch wenn er fast das Gegenteil seines Vorbildes gemacht hat. Während Borges in seinem "Buch der imaginären Wesen" 1957 Ausgeburten der Fantasie besingt, darunter doppelköpfige Schlangen, Engel und Dämonen, beschränkt sich Henderson strikt auf Fakten. In alphabetischer Reihenfolge schreibt er über Tiere wie Axolotl, Yetikrabbe oder Zebrabärbling. Doch die Fakten muten oft fantastischer an als jede Fiktion. "Wahre Monster" ist ein Kompendium des Staunens, eine literarische Wunderkammer der Biologie.

Illustriert ist das Buch mit poetisch verschnörkelten Zeichnungen zu jedem Kapitel. "Das ist inspiriert von mittelalterlichen Bibeln", sagt Caspar Henderson. Er sitzt im "Turl Street Kitchen", einem seiner Lieblingscafés in Oxford und rührt in einer Tasse Tee. "Ich wollte ein Kompendium schreiben, aber herausgekommen ist ein Mindbendium", sagt er: Ein Hirnverdreher.

SPIEGEL ONLINE
Das Axolotl zum Beispiel wirke zwar "beunruhigend menschlich" mit seinem "erstarrten Lächeln", ist aber ein Salamander. Denen sagte der Kirchenvater Augustinus nach, dass sie im Feuer überleben können, er sah das als erbauliche Allegorie für das ewige Leben. Augustinus lag falsch, Salamander vertragen kein Feuer. "Aber die Wirklichkeit ist noch viel wundersamer als die alten Mythen", schwärmt Henderson: "Der Axolotl und andere Schwanzlurche sowie Molche sind vermutlich die einzigen Wirbeltiere, denen nach Amputation voll funktionstüchtige Arme oder Beine nachwachsen."

Der Zebrabärbling wiederum gilt als ideales Labortier: Unter einem Lichtmikroskop können Forscher an seinen Embryonen binnen weniger Stunden beobachten, wie sich aus einer einzigen Zelle ein kleines Wesen mit Zentralnervensystem und Rückgrat formt.

Die Aufklärung habe religiöse Mythen entlarvt und mit ihrer "Intellektualisierung und Rationalisierung" die Welt entzaubert, behauptete einst der Soziologe Max Weber. "Das Gegenteil ist der Fall", sagt Henderson: "Die Wirklichkeit ist voller Wunder, man muss nur genau hinsehen!"

Seit ein paar Jahren schreiben die sogenannten Neuen Atheisten Religionen nieder, um ein rationales Weltbild zu propagieren, allen voran Richard Dawkins, einst Biologe an der Oxford University. In der Universitätsstadt wuchert derzeit eine Fülle neuer Atheismusvarianten wie in einem Evolutionslabor des Unglaubens.

In der ältesten Kirche der Stadt predigt sogar ein anglikanischer Pfarrer, der behauptet, dass viele Schäfchen in seiner Gemeinde gar nicht an Gott glaubten, sondern als "Christliche Atheisten" nur wegen der Smells and Bells am Sonntag herkommen - wegen des Weihrauchdufts und Glockengeläuts. Christliche Atheisten gingen nur aus Gewohnheit in die Kirche, glauben aber weder an eine unsterbliche Seele noch an einen personifizierten Gott.

Auch Henderson wurde religiös erzogen. Er ging auf eine Londoner Privatschule, unweit der Westminster Abbey. "Jeden Morgen gab es Hymnen und eine Predigt", sagt Henderson. Doch heute fühle er sich eher inspiriert von Buddhismus, Humanismus und vor allem von der Ökologie.

SPIEGEL ONLINE
Geblieben ist ihm der hohe Ton eines Predigers, etwa wenn er sein Staunen über die Wunder der Tierwelt als "eine Form des Gebets" beschreibt: Tierliebe statt Gottesandacht.

Henderson entwirft eine sanftere, behutsamere Form des Atheismus, der verglichen mit Polemikern wie Richard Dawkins ("Der Gotteswahn") oder Christopher Hitchens ("Wie Religion die Welt vergiftet") weniger schäumt und mehr staunt.

Wissenschaft, Philosophie - und Pointen

Religion wird oft mit Respekt gegenüber altehrwürdigen Traditionen assoziiert. Doch für Henderson sind Religionen jung im Vergleich zur uralten, tief emotionalen Verbindung mit der Tierwelt: eine Tradition, die mindestens 30.000 Jahre zurückreicht bis zu den Höhlenmalereien von Chauvet in Südfrankreich.

Zwischen all den tierischen Monstern ist auch ein Kapitel über den Homo Sapiens versteckt. Ist er das lachende Tier, das sprechende Tier, "das einzige Tier, das scharfe Chilisauce mag?", fragt Henderson. Für ihn ist der Mensch das musikalische Tier, das wie der mythische Held Orpheus durch sein Singen die Tierwelt in seinen Bann zieht - um sich selbst in ihr zu erkennen.

Die deutsche Ausgabe wurde betreut von der Buchgestalterin Judith Schalansky, deren Bücher "Atlas der abgelegenen Inseln" und "Der Hals der Giraffe" von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurden. Das Layout ist klarer als im Original, aber leider fehlen ein paar informative Bilder: das Axolotl etwa, mit seinen lidlosen Knopfaugen und dem gefrorenen Dauerlächeln.

Zudem hat die Synthese aus Wissenschaft, Moralphilosophie und Pointen ihre Tücken. Manchmal verliert sich Henderson in Assoziationslabyrinthen. Vier Jahre habe der Schreibprozess gedauert, schreibt er, so mühsam sei das gewesen wie der Bau eines hinduistischen Tempelwagens: "Ein riesiger Holzturm auf Rädern, geschmückt mit mehreren Dächern, Dekoration, Bildern, Flaggen, Räucherstäbchen."

Überschwänglich feiert Henderson das Erhebende, Wahre und Schöne der Evolution. Selbst Herpes und Grippe sind für ihn inspirierende Wunderwerke: Rund ein Zehntel des menschlichen Erbguts sei einst von Viren eingeschleust worden. Sogar die Evolution der Gebärmutter sei bei Säugetieren von einem endogenen Retrovirus mit angestoßen worden, schreibt er. Und zitiert einen Biologenwitz: "Ohne Viren würde der Mensch immer noch Eier legen."

Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Respekt vor Traditionen...
iceland62 02.11.2014
Religion wird oft mit Respekt gegenüber altehrwürdigen Traditionen assoziiert... Das ist richtig und das ist das Absurde daran, wenn es um (den möglicherweise real existierenden) Gott geht. Es wird so getan, als ob Gott traditionelles Kulturgut sei, als ob es nur eine Kultur und eine Tradition auf dieser Welt gäbe. Es ist so, wie mit einem Nachbarn über den schon lange Zeit Gerüchte im Umlauf sind, die wieder und wieder (teilweise auch mit dem ergänzenden Satz: "Das kannst du mir glauben!") weitererzählt werden. Sobald man darauf hinweist, dass das, was über den Nachbarn erzählt wird, doch wohl kaum redlicherweise im Geschichtsunterricht erzählt werden dürfe, damit die Schüler keine falschen Vorstellungen vom Nachbarn erhalten, wird einem Kulturvergessenheit vorgeworfen. Manchmal wird von den Geschichtenerzählern auch darauf hingewiesen, dass sie selbst wüssten, dass die Geschichten über den Nachbarn "im historischen Sinne" nicht wahr seien, aber man erzähle ja schließlich "höhere Wahrheiten" über den Nachbarn. Und wenn Menschen über höhere Wahrheiten sprechen, dann gehts um Ideologie, nicht um Tatsachen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige

Testen Sie Ihr Wissen!
Hintergrund
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren...
Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die fr die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: