Coming-of-Age-Roman Der dichtende Zivi und lauter schönste Sätze

Bei der "SZ" betreut er das "Streiflicht", nun hat Hilmar Klute seinen ersten Roman veröffentlicht. Darin schickt er einen jungen Dichter in einen Strudel köstlicher und fein ausformulierter Verwirrungen.

Zivildienstleistender in Seniorenheim (Symbolbild)
DPA

Zivildienstleistender in Seniorenheim (Symbolbild)


"Herrn Fischer zog ich jeden Abend ein sogenanntes Urinarkondom über seinen riesigen Penis, der zwischen seinen dünnen Beinen lag wie ein gestrandeter toter Fisch": Der junge Volker Winterberg arbeitet als Zivildienstleistender in einem Pflegeheim im Ruhrgebiet. Seine berufliche Zukunft sieht er aber woanders: Winterberg möchte Lyriker werden. Seine Bemühungen führen rasch zu vielversprechenden Ergebnissen: Er wird nach Berlin zu einem Treffen von Jungliteraten eingeladen, wo er nicht nur seine Gedichte vortragen, sondern auch in den Dialog mit Gesinnungsgenossen treten soll.

Diese Rahmenhandlung wird von Hilmar Klute fein gefüllt. Geschickt verwebt der Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", der bisher noch keinen Roman, wohl aber die Ringelnatz-Biografie "War einmal ein Bumerang" und einen kleinen Band über seinen Hund Winston verfasste, drei Geschichten seines Ich-Erzählers zu einer. Einmal eine Paris-Reise: Ein wilder, atemloser Ritt, angetrieben von wenig Geld, aber viel Verve; sie führt sogar an einem Frauenbein vorbei, das leblos aus einem Auto hängt. Dann der Alltag als Zivi im Ruhrgebiet, die Eigenarten der Alten, aber auch jene der Kollegen und der Versuch, sich selbst so etwas wie einen Alltag aufzubauen.

Hilmar Klute
Jan Konitzki

Hilmar Klute

Das alles mündet schließlich in Winterbergs Tagen in Berlin. Er freundet sich dort mit seinem Kurs-Kollegen Thomas an und beginnt eine zarte, weniger von Leidenschaft als von Neugierde angetriebene Affäre mit Katja, dem Mädchen aus Jever, das von den Berliner Festspielen den Auftrag hat ist, die jungen Dichter durch Berlins Tage und Nächte zu leiten.

Handpüppchen aus dem Literaturbetrieb

Wichtiger als all das ist aber Volker Winterbergs Liebe zu den Worten. Es ist nicht nur so, dass Figuren aus dem Literaturbetrieb in diesem Buch als Referenzkreis des Protagonisten auftauchen. Dass sie zitiert, diskutiert, bewundert, ausgeleuchtet werden. Klute schiebt sie in die Handlung wie kleine Handpüppchen auf die Bühne eines Puppentheaters.

Die gesamte Gruppe 47 dient Volker Winterberg als Tagtraummaterial. Nicolas Born lebt als Echo in Geschichten aus der Berliner Traditionskneipe "Zwiebelfisch" weiter - für den Bochumer Lyriker Hugo Ernst Käufer hingegen darf Winterberg immerhin Fahrdienste verrichten. Heiner Müller spaziert in der Akademie der Künste durchs Bild, Erich Fried bekommt für seine "platten, kitschigen und verlogenen Liebesgedichte" einige Male eine saftige Verbal-Watsch'n verpasst.

Am Ende lernen wir noch alles über Heimito von Doderers Schreibtisch: "Er sah genauso aus wie mein Sperrmülltischchen, er stand auch vor einem geöffneten Fenster. Aber hinter Doderers Schreibplatz lag nicht die Stiepeler Straße; es tat sich dort ein gewaltiges Alpenpanorama auf; der Text floss dem Gebirge entgegen und das Gebirge echote ihn zurück".

Welches ist der schönste Satz?

Und manchmal hat man den Eindruck, Klute schickt auch noch ein paar freundliche Grüße an die Kollegen aus der Gegenwart. Wenn er seine Protagonisten im "Schwarzen Café" am Fenster sitzen und Cappuccino trinken lässt, muss man an Sven Regener denken, das 24 Stunden geöffnete Lokal in der Charlottenburger Kantstraße ist einer der wenigen Orte außerhalb Kreuzbergs, die auf dem Ausgeh-Atlas seines Ensembles liegen. Und als einmal im Auto ein Leonard-Cohen-Band läuft, wirkt das wie ein zartes Winken Richtung Gerhard Henschel, dessen Dauer-Protagonist Martin Schlosser es sich in Cohens traurigen Liedern lange Zeit ganz gemütlich eingerichtet hatte.

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Hilmar Klute:
Was dann nachher so schön fliegt

Galiani Berlin, 368 Seiten, 22 Euro

"Was dann nachher so schön fliegt" ist ein Glücksfall. Ein Coming-Of-Age-Roman, ein literarisches Roadmovie, das uns mitten ins Sprachland führt und dort ebenso kunstvolle wie andauernde Verbeugungen vor der Schönheit des Wortes vollzieht. Klute kann das, weil er ein Instinktschreiber ist. Er weiß, wann ein Bild schief hängt. Er kennt genau das Maß an Zierrat, das man auf einen Satz schichten kann, bevor dieser zusammenbricht.

Schwer zu sagen, was der schönste Satz in diesem Buch ist, es gibt so einige Kandidaten für eine entsprechende Auszeichnung, von einem Autor, der in der "Süddeutschen Zeitung" die Seite-eins-Glosse "Streiflicht" betreut, eine Wechselausstellung meistens schöner Sätze, erwartet man ja auch derlei Bemühungen. Vielleicht folgender: "Ein geküsster Mensch bleibt verdutzter und irgendwie versiegelt zurück, wenn man ihn verlässt." Im Text versickert der Satz ein bisschen, dabei hat er es verdient, in eine Vitrine gestellt zu werden. Was für ein wunderbares Buch!

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