Short Storys von Lucia Berlin Das Leben - ohne jede Beschönigung

Wo jedes Wort zählt: Der Band "Was wirst du tun, wenn du gehst" sammelt Geschichten der großen amerikanischen Short-Story-Autorin Lucia Berlin.

Autorin Lucia Berlin
Literary Estate of Lucia Berlin

Autorin Lucia Berlin


"Eine Geschichte muss wahr sein!" hat sie einmal gesagt, "sonst interessiert sie mich nicht!" Was sie mit wahr meine, hat ihre amerikanische Kollegin Lydia Davis, die mit einem glühenden Hinweis auf Lucia Berlins Stories im Intellektuellenblatt "The New Yorker" einst maßgeblich zu deren Neu-Entdeckung in den USA beitrug, sie daraufhin gefragt. "Ganz einfach!" habe Lucia Berlin ihr geantwortet: "Sie muss in dem Sinn wahr sein, als sie eine 'innere' Wahrheit in sich trägt, die jedermann auf die eine oder andere Weise berührt!"

Das klingt einfach, und ist doch so kompliziert. Keiner wusste das besser als die 2004 im Alter von 68 Jahren an ihrem letzten Wohnort Marina del Rey im County Los Angeles verstorbene Lucia Berlin. Zeit ihres Lebens schrieb sie Short Storys, am Ende 76 an der Zahl. Geschichten, die ihr den Ruf einer modernen Klassikerin der Kleinen Form eintrugen - und sie neben legendäre Short-Story-Größen wie Raymond Carver, Richard Yates und John Cheever stellten.

Mit ihrer 2016 erschienenen Sammlung "Was ich sonst noch verpasst habe" wurde Lucia Berlin auch bei uns bekannt. Nun sind unter dem Titel "Was wirst du tun, wenn du gehst" weitere Storys von ihr in einer abermals feinen deutschen Übertragung der Schriftstellerin Antje Rávic Strubel erschienen. Und wer Freude daran hat, wie eine Autorin mit knappen, wohl gesetzten Worten ganze Leben zu umreißen vermag, der sollte diese Storys lesen.

Denn sie lösen auf beeindruckende Weise ein, was Raymond Carver, der wahrscheinlich einflussreichste amerikanische Kurzgeschichtenautor nach Hemingway, einst formulierte: "In einer Short Story zählt jedes Wort!" Lucia Berlin hatte diesen Gedanken augenscheinlich bis ins Mark verinnerlicht. Mit dieser Methode thematisierte sie in ihren Texten wie nebenbei alles, was leben heißt: Liebe und Verzweiflung, Sehnsucht und Einsamkeit, Trauer und Euphorie, Verlangen und Zurückweisung.

"Nichts passiert, genau genommen"

Berlins eigenes Leben indes erschien lange wie eine wilde Mischung aus "Vom Winde verweht" und "Unter dem Vulkan"; ein Dasein, das geprägt wurde von zahllosen Umzügen der Familie, als gehörten stete Wohnortwechsel und ruheloses Vagabundieren wie selbstverständlich zum Leben dazu. Bis sie sich loslöste und später, als allein erziehende Mutter von vier Söhnen, nach wechselnden Anstellungen als Putzfrau, Spanischlehrerin oder Telefonistin in einer Abtreibungsklinik, endlich ihre Heimat fand: die Literatur. Lange schrieb sie kaum beachtet vom amerikanischen Literaturbetrieb ihre undramatischen, unsentimentalen, aber oft unter die Haut gehenden Storys, trank mehr als ihr guttat - und blieb für sich.

"Man muss die Dinge so nehmen, wie man sie in diesem konkreten Moment sieht!", hat sie, die lange Zeit nur mit der Whisky-Flasche neben dem Bett einschlafen konnte, einmal illusionslos gesagt. Was sie damit meinte, zeigen aufs Anschaulichste auch die nun vorliegenden Storys. Alles erscheint darin klar und unverstellt. Ohne jede Beschönigung.

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Lucia Berlin:
Was wirst du tun, wenn du gehst

Stories

Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel

Arche, 176 Seiten; gebunden; 19,00 Euro

Wovon ihre Geschichten handeln, wurde sie einmal gefragt. "Vom Leben!" hat sie geantwortet. Doch glichen die zuerst veröffentlichten Storys noch einem Gang durch ihre eigene, oft unverstellt in den Episoden aufscheinende Existenz, so umkreisen die nun erscheinenden Storys häufig das Schreiben, das ihr über alles ging,- verbunden mit der Frage, wie es gelingen kann. In dem Auftaktstück "Eine Frage der Perspektive" etwa bekennt sie einmal frei heraus: "Nichts passiert, genau genommen. Und ich glaube nicht, dass ich in der Geschichte irgendetwas erklären werde." Vielmehr überlässt sie alles der suggestiven, selbsterklärenden Kraft ihrer genau gesetzten Worte.

So sind es Story-Storys, die "Was wirst du tun, wenn du gehst" versammelt - Exerzitien in poetischem Minimalismus. Im Zentrum steht dabei jenes berühmte Schreibkurs-Credo "Show, don't tell", wonach eine Geschichte alles zeigen, aber nichts erklären darf. In Dutzenden ihrer Erzählungen hat Lucia Berlin dies meisterhaft vorgeführt. Zwei, drei genau gesetzte Wendungen, und Menschen wie aus Fleisch und Blut scheinen uns daraus entgegenzutreten. Der Rest blieb Berlins großes, poetologisches Geheimnis.

"Ich wünsche mir, dass Lucia Berlins Geschichten gelesen, gepriesen, verfilmt, vertont und dramatisiert werden, damit jedermann von ihrer Größe und ihrer Bedeutung erfährt", schrieb Lydia Davis im "New Yorker". Wie es aussieht, scheinen sich diese Wünsche nach und nach zu erfüllen.

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