Wehrmachts-Krankenakte Dokument nährt die Zweifel an Grass' Angaben

Günter Grass hat seine Wehrmachts-Krankenakte freigegeben. Das Dokument bestätigt erneut: Die autobiografischen Angaben des Nobelpreisträgers sind nicht zuverlässig.

Von Hans Michael Kloth und


Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat Unterlagen freigegeben, die nach seiner Verletzung durch einen Granatsplitter 1945 entstanden waren. Der Auszug aus dem sogenannten Hauptkrankenbuch des Reservelazaretts Marienbad war vom Datenschutzbeauftragten Berlins gesperrt worden, nachdem eine Sonntagszeitung von der Existenz des Papiers Kenntnis erhalten hatte.

Das Dokument nährt die Zweifel an der Zuverlässigkeit der biografischen Angaben, die Grass in seinen Erinnerungen "Beim Häuten der Zwiebel" gemacht hat. So widerlegt das Dokument die Aussage von Grass, er sei bereits im September 1944 Soldat der Waffen-SS geworden und habe während der Ausbildung - am 16. Oktober 1944 - seinen 17. Geburtstag gefeiert. Dem Eintrag zufolge ist Grass erst am 10. November 1944 eingerückt. Diese Angabe deckt sich mit amerikanischen Dokumenten, die SPIEGEL ONLINE letzte Woche veröffentlicht hat. Als Einheit ist im Krankenbuch die Panzerjäger-Ausbildungs- und Ersatzabteilung 3 vermerkt; eine solche hat es in der Tat bei der Waffen-SS gegeben. Sie war nur nach bisheriger Kenntnis nicht der 10. SS-Panzerdivision "Frundsberg" unterstellt, zu der Grass nach eigener Aussage gehörte.

Der Hinweis auf die Waffen-SS fehlt bei dem Eintrag im Krankenbuch; als Dienstgrad ist "Schtz." ("Schütze") verzeichnet, obwohl an dieser Stelle, so der Waffen-SS-Experte Heinz Höhne, ein Hinweis auf die Waffen-SS hätte stehen müssen. In dem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" berichtet Grass, er habe sich im Chaos hinter der Front eine Uniform der Wehrmacht und neue Papiere verschafft, weil er fürchtete, als Soldat der Waffen-SS bei einer Gefangennahme getötet zu werden. Dem SPIEGEL ließ der Schriftsteller allerdings ausrichten, er könne nicht erklären, wie der Eintrag zustandegekommen sei.

Das neue Dokument klärt und präzisiert auch andere Details aus der Biografie von Grass. So wird die bislang vage Erinnerung von Grass an das Datum seiner Verwundung bestätigt: Es war wirklich am 20. April 1945. Am 28. April wurde er in das Reservelazarett Marienbad eingeliefert. Am 13. Mai - also fünf Tage nach der Kapitulation - wurde Grass mit dem Lazarettzug 627 verlegt, nach eigenen Angaben in ein Kriegsgefangenenlager in der Oberpfalz. Bei diesem handelt es sich offenkundig um das Lager Auerbach, eines der größten Camps für gefangene SS-Leute. Grass selber hatte mehrfach betont, dass seine Erinnerung vage sei.



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