Weissblech Comics Von Manga-Schlampen und Horrorschockern

Er nennt seine Comics "Okkulte Orgien blutjunger Satanistinnen", mag aber das Wort Trash nicht hören. Levin Kurio bevorzugt den klassischen Begriff Pulp und produziert in seinem Kleinverlag Weissblech die wahrscheinlich wildesten Comics Deutschlands.


Weissblech-Titel "Schlüpferlupfende Manga-Schlampen": Drei nackte Mädchen gegen einen Riesenroboter
Weissblech Comics

Weissblech-Titel "Schlüpferlupfende Manga-Schlampen": Drei nackte Mädchen gegen einen Riesenroboter

Titel wie die von Levin Kurios Comics findet man sonst nur im Programm von RTL 2 oder im Superschmuddel-Blatt "Coupé". "Okkulte Orgien blutjunger Satanistinnen", "Drogengeile Teenie-Schlampen auf Mallorca" oder "Horror aus der Pornogruft". Mit einem einzigen Augenzwinkern ist es hier nicht getan. Man braucht schon ein gehöriges Maß Trash-Kompatibilität, um nicht erschrocken zurückzuzucken.

Aber den Begriff "Trash" will Levin Kurio, der seine Werke und die Gleichgesinnter im eigenen Verlag Weissblech Comics veröffentlicht und vertreibt, gar nicht hören. Das klingt ihm zu abwertend. Lieber spricht er von "B-Movies im Comic" oder von Pulp und sagt: "Ich will einen Begriff finden für Comics, in denen fickende Wikinger durch die Zeit reisen."

Fotostrecke

6  Bilder
Weissblech-Comics: Trash as Trash can
Derlei geschieht in Kurios Comics in der Tat. Und noch mehr. In seinen wildesten Momenten erzählt der Norddeutsche Geschichten wie die von den drei nackten Mangamädchen, die zusammen mit einem knuffigen Hasen gegen einen Riesenroboter kämpfen, der sich am Ende als auferstandener Kaiser Wilhelm entpuppt. Oder von Kala, der Dschungelheldin, deren Jungfräulichkeit - wenn auch weitgehend erfolglos - von einem eifersüchtigen Dinosaurier gehütet wird. Dazwischen gibt es immer wieder Geschichten über Nerds, die keinen Erfolg bei Frauen haben - es sei denn, sie greifen zu okkulten Hilfsmitteln. Alle Frauen in den Comics haben gewaltige Brüste, alle Männer sind entweder peinliche Weichlinge oder mit gigantischen Penissen ausgestattete Muskelmänner.

Man merkt diesen Comics nicht an, dass der Herausgeber, Autor und Zeichner der meisten Weissblech-Geschichten studierter Philosoph und Ethnologe ist. Kurio ist 27 und damit auf einer Altersstufe mit den vom Feuilleton hoch gelobten Comicmachern Flix und Mawil. Allerdings unterscheiden sich seine Werke von denen der renommierten Kollegen wie ein Romero-Film von Truffaut. Kurio serviert dem Leser die Genre-Klischees in ihrer schillerndsten übertriebensten Form, geht dabei aber immer erzählerisch akkurat vor. Es sind keine Parodien, eher schon Extrem-Hommagen, die so entstehen.

"Hammerharte Horrorschocker": Gang an den Kiosk gewagt
Weissblech Comics

"Hammerharte Horrorschocker": Gang an den Kiosk gewagt

Sicher könnten begeisterte Freudianer viel aus diesen Comics herauslesen. Aber für solche Leser schreibt und zeichnet keiner aus dem Hause Weissblech. "Wir machen Comics für Leute, die sonst kaum Comics lesen." Auch mit avantgardistischen Experimenten will Kurio sich nicht abgeben. "Das sind Konsumcomics, die unterhalten sollen", erklärt er die Philosophie des Hauses.

Weissblech gibt es seit 1992. Die erste Veröffentlichung war "Koma Comix", eine Serie, die durch ihren leicht autobiografischen Duktus an vergleichbare US-Produkte wie Petter Bagges "Hate!" erinnerte, das zu jener Zeit auf Deutsch im Carlsen-Verlag erschien. Bei Kurio, der aus der finstersten Provinz kommt, einem Dorf namens Kükelühn in der Nähe von Kiel, handeln die frühen Geschichten vor allem davon, hemmungslos zu saufen und zu kiffen. "Das ist aus heutiger Sicht schon ziemlich peinliches Zeug", sagt er. "Aber alles echt!" Mit dem Eigenverkauf in Kneipen und auf Parties hat er sich die Schulzeit finanziert.

Inzwischen ist Weissblech ein eingetragenes Unternehmen und hat über 50 Titel veröffentlicht, das entspricht mehr als 1.000 Comicseiten. Die Geschichten sind trivial, manchmal geschmacklos. Was ihre Originalität ausmacht, ist neben der handfesten (manche sagen "simplen") Erzählweise die Tatsache, dass Comics wie die von Levin Kurio und einigen anderen nur in diesem Medium funktionieren. Ein "Spider-Man" lässt sich verfilmen - "Die Abenteuer von Atombusenbraut" nicht.

Marvel-Hommage "Die roten Rächer": Ausweitung des Pulp-Imperiums
Weissblech Comics

Marvel-Hommage "Die roten Rächer": Ausweitung des Pulp-Imperiums

Weissblech widmet sich indes nicht allein solch kruder Thematik. Gerade in der Nische der Independent-Comics finden sich oft erstaunliche Geschichten und Stoffe, die sich anderswo im Kulturbetrieb Deutschlands niemand zu erzählen wagen würde. Wie etwa Diana Sassés ebenfalls im Eigenverlag veröffentlichte "Memories of the antique White House", eine Sammlung bizarrer Parallelwelt-Geschichten, in der ein bisexueller John F. Kennedy mit seinem Harem aus vier Frauen und zwei Männern über ein rurales Fantasy-Nordamerika herrscht und politische Konflikte mit Kaiser Wilhelm, dem russischen Zaren und Fidel Castro ausficht.

Oder das im Hamburger Zwerchfell-Verlag erscheinende "Grimm". Unterstützt von der Germanistin Lorraine Flack, adaptieren Eckart Breitschuh und Flix wortgetreu die Märchen der Gebrüder Grimm und legen dabei die wahren Bedeutungen bestimmter Verklausulierungen bloß - was in den Heften nicht selten zu Sex- und Blut-Orgien führt. Die "Grimm"-Geschichten sind handfest erzählt und haben inzwischen mehrere Preise gewonnen - aber selbst innerhalb der Comicszene finden sie oft nur wenig Beachtung.

Weissblech-Erfinder Kurio: "Konsumcomics, die unterhalten sollen"
Stefan Pannor

Weissblech-Erfinder Kurio: "Konsumcomics, die unterhalten sollen"

Levin Kurio bastelt derweil fleißig an der Ausweitung seines Pulp-Imperiums außerhalb der Szene. Mit "Die roten Rächer", einer kongenialen Marvel-Parodie im Sechziger-Jahre-Stil, erschien zuletzt ein Comic des schottischen Verlags Rough Cut Comics bei Weissblech. Weitere Produkte in der Richtung sind geplant. Mit "Hammerharte Horrorschocker" wagte man sogar den Gang an den Kiosk. Die erstmals auch farbigen Hefte bieten klassisches Grusel-Fast-Food, für das in Deutschland bisher nur der Bastei-Verlag zuständig war. "Aber das kann man nicht wirklich miteinander vergleichen", sagt der Mann, der sich in seinen Comics auch gerne als großmächtiger Verleger selbst veralbert. "Unsere Comics haben schon mehr Biss."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.