Weiter Streit um Goethes Liebe Was war da mit Amalia?

Hatte Goethe eine geheime Liebschaft mit Herzogin Anna Amalia? In Weimar stritten am Freitag Experten über diese Frage - ohne Ergebnis. Die Briefe, die als Beweis dienen sollten, waren verschlüsselt.


Weimar - "Die Laune des Verliebten" heißt ein Gedicht, das Johann Wolfgang von Goethe 1768 schrieb. Nur: In wen war der Weimarer Dichter verliebt? Der italienische Schriftsteller Ettore Ghibellino glaubt, dass es die Herzogin Anna Amalia gewesen sei. Am Freitag präsentierte er zusammen mit der extra gegründeten Anna Amalia und Goethe Akademie Thesen, die er zum Teil schon 2003 in seinem Buch "J. W. Goethe und Anna Amalia - Eine verbotene Liebe" formuliert hatte.

Großdichter Goethe: Briefe an die "Liebe Frau"
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Großdichter Goethe: Briefe an die "Liebe Frau"

Der Präsident der Goethe-Gesellschaft, Jochen Golz, ließ sich davon jedoch nicht überzeugen. Er sagte, die angeblichen Beweise Ghibellinos überzeugten "in den Augen von seriösen Goethe-Forschern nicht".

Die Liebesbeziehung zwischen dem Dichter und der Herzogin wäre nach seiner Ansicht "ein guter Stoff für einen historischen Roman". Mit historischer Forschung habe dies aber nichts zu tun. Die Argumente seien "abenteuerlich und dürftig".

Auch die Klassik Stiftung Weimar widersprach den Thesen Ghibellinos. Diese seien nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung nicht belegbar, so Christoph Schmälzle, der seit 2006 als Vorsitzender den Anna Amalia und Goethe Freundeskreis leitet. Er warf Ghibellino vor, "virtuos aus Quellen eine Gewissheit zu konstruieren". Es gebe kein Zitat, das eine Affäre zwischen Goethe (1749-1832) und Herzogin Anna Amalia (1739-1807) beweise.

Ghibellino stützt seine These unter anderem auf Liebesbriefe des deutschen Dichters. Es gebe erhebliche Zweifel daran, dass Charlotte von Stein, eine Freundin Goethes, die Adressantin der Liebesbriefe gewesen sei. Die meisten der über 1600 Briefe seien undatiert gewesen. Zudem wären die Briefe ohne Anrede verschickt worden, und wenn, hätte sich Goethe auf "Liebe Frau" beschränkt. Damit, so Ghibellino, könne die verwitwete Herzogin Anna Amalia gemeint gewesen sein. Wie der Briefwechsel konkret abgelaufen sei, müsse aber die weitere Forschung klären.

Am Freitag präsentierte Ghibellino zudem Auszüge aus der 5000 Briefe umfassenden Korrespondenz der Eheleute Görtz, die sich über die geheime Liebschaft zwischen Goethe und Herzogin Amalia ausgetauscht haben sollen. Beweisen konnte er aber auch diese These nicht. Denn Caroline Goertz habe ihrem Mann, Graf Eustachius Görtz, Diplomat des preußischen Königs in St. Petersburg, nur verschlüsselt über die Affäre geschrieben. Goethe soll sie mit den Codenamen "Postskripton", "Favorit" oder "Monster" umschrieben haben, Anna Amalia unter anderem mit "Maman".

Germanist Golz gab darauf zu bedenken, dass diese oft launigen Kommentare von Caroline Görtz Missgunst, Neid und Machtkämpfe am Hof nicht berücksichtigten. Auch die Germanistin Ilse Nagelschmidt verwies auf die Gefahren beim Spiel mit Begriffen: "Wir müssen höllisch aufpassen, um nicht mit der Semantik der Gegenwart in die Textquellen des 18. und 19. Jahrhunderts zu gehen."

2009 will Ghibellino auf einer Tagung weitere Belege für seine These vorlegen.

chc/ddp/dpa/AP



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