Neuer Roman von Ralf Rothmann  Hitlers letzte Brigade

Ralf Rothmann setzt in seinem neuen Roman zwangsrekrutierten SS-Teenagern ein Denkmal. Ein grandioses Werk über beschädigte Leben - und über Väter und Söhne.

Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben": Surreale Kriegslandschaften
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Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben": Surreale Kriegslandschaften

Von Thomas Andre


Wer den ganzen Wahnsinn gerade der letzten Kriegsmonate begreifen will, von denen jetzt erst wieder angesichts der genau 70 Jahre zwischen Kriegsende und Gegenwart die Rede war, der muss nur Ralf Rothmanns neuen Roman "Im Frühling sterben" lesen. Wie die SS kurz vor Ende des Schlachtens und Mordens noch Teenager rekrutierte und an die Front schickte, wie sich in den jungen Männern Traumata einnisteten bei dieser nazideutschen Endanstrengung: Davon gibt Rothmann, Jahrgang 1953, nun literarisch Zeugnis ab. "Im Frühling sterben" ist ein Antikriegsroman, der den Vergleich mit den Vorbildern des Genres wie "Im Westen nichts Neues" (Erich Maria Remarque) nicht zu scheuen braucht - und das, obwohl er nur eine kleine Geschichte an den Ausläufern der großen Katastrophe erzählt.

Die Geschichte von Walter insbesondere, aber auch die von Fiete, seinem Freund. Zwei Melkern, die von Schleswig-Holstein aus nach Ungarn müssen, wo die Russen immer näher rücken, Phosphorbomben werfen und die Deutschen heimlich das sind, was man damals defätistisch nannte, vor ihren Vorgesetzten jedoch treu und ehrenvoll bis in den Tod. Mit feinem Gespür für dramatische Szenen und für die Erzählökonomie berichtet Rothmann von den Geschehnissen um den Versorgungsfahrer Walter und den in vorderster Linie dem Führer dienenden Fiete.

Stereotypen der NS-Nomenklatura

Die Handlung kulminiert in einer das richtige Maß an Pathos findenden Szene im Nazi-Kerker, in dem Fiete einsitzen muss, nachdem er als Deserteur in den blutgetränkten Weiten Ungarns einkassiert worden ist. Die Umarmung mit dem Freund kann Walter kein Trost mehr sein: Sie sind eine Gemeinschaft der Tablettenschlucker und Durchhalter, die dem Tod, diesem Meister aus Deutschland, irgendwie trotzen müssen.

Der trotz vieler Auszeichnungen eher unter- als überschätzte Autor Ralf Rothmann, dessen Romane meist im Ruhrgebiet und in Berlin spielen, im Arbeitermilieu und in Männerwelten, wählt diesmal ein historisch prominentes, auch von der Literatur bereits gut ausgeleuchtetes Sujet - und vermag damit dennoch zu fesseln. Wir treffen die Stereotypen der NS-Nomenklatura, wie sie zuletzt von Jonathan Littell und William T. Volkmann beschrieben wurden: den kultivierten, hochrangigen Nazi, den schwulen Nazi, den eiskalten Nazi. Die Dialoge in "Im Frühling sterben" sind beinah immer meisterlich, sie transportieren oft die Handlung - wie in jenem, in denen der Ranghöhere dem für seinen Freund einstehenden Walter zunächst nur eine Grammatikstunde gibt, um ihm dann die ganze Gnadenlosigkeit des Regimes zu demonstrieren.

Zur Biografie Walters, dieses mit einem beschädigten Leben Davonkommenden, gehören auch die ersten Monaten nach Kriegsende, in denen der kaum schuldig gewordene Junge nicht lange in Gefangenschaft bleiben muss. Die Liebesgeschichte zwischen Walter und Elisabeth wird zart und realistisch, mit leisem Humor geschildert: eine explizite Nicht-Romantik, in der nüchtern über das Heiraten gesprochen wird, spröde und kaum beseelt vom Funken der Liebe - weil nur eine Heirat in dem von Konventionen geprägten Land die Pacht eines Bauernhofs ermöglichte.

Generationenübergreifendes Erfahrungskontinuum

Die Rahmenhandlung sieht gleich am Anfang Walter vor Angst röchelnd auf dem Sterbebett und am Ende Walters Sohn, den Ich-Erzähler, auf dem Friedhof. Von dort aus kann er die Zeche des Vaters sehen, der zum hart arbeitenden Malocher wurde, der nie viel erzählte, aber den Krieg nie vergaß - ein deutsches Schicksal.

Am stärksten ist Rothmanns achter Roman da, wo er von den Vätern und Söhnen erzählt, die gezwungenermaßen durch die Kriege, die Deutschland führte, miteinander verbunden sind. Es gibt, erklärt Fietes Vater, der im ersten Weltkrieg kämpfte, "ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper"; und "seelisch oder körperlich verwundet zu werden, macht was mit den Nachkommen". Es ist ein Erfahrungskontinuum, das durch die Männer fließt, es gibt keinen Damm, der es stoppen könnte.

Und so ist der unfreiwillige SS-Mann Walter in "Im Frühling sterben" auf einer BMW unterwegs in den surrealen kriegerischen Landschaften, es herrscht eine Endzeitstimmung wie bei Cormac McCarthy. Im Wasser treiben die Leichen, an den Bäumen hängen deutsche Deserteure. Juden ziehen vorbei auf ihren Todesmärschen, die Wehrmacht ist auf dem Rückzug, in leer stehenden Hotels feiern die Nazis Orgien. Walter sucht das Grab seines Vaters, der hier vor Kurzem gefallen sein soll. Er findet Friedhof um Friedhof, und dann muss er wieder an die Front. So lange, bis der Krieg endlich vorbei ist.

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