Neuer Brösel-Comic Werner ist jetzt Wutbürger

Comeback nach 14 Jahren: Rötger Feldmann lässt seinen schraddelnden Helden Werner wieder antreten. Neuerdings auch für den Umweltschutz. Ouhauerha, wer soll das glauben.

Brösel/ Rötger Feldmann

Von


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Revivals müssen nicht schlecht sein. Sicher, jeder kennt misslungene Neuauflagen von Sternstunden, die quälend sind wie ein misslungenes Klassentreffen. Aber das ist nicht zwingend, und die Voraussetzungen sind bei Revivals sogar ziemlich günstig: Alle die mitmachen, teilen die gleiche Vergangenheit, und das Ziel ist für alle Teilnehmer präzise definiert, nämlich "dasselbe nochmal" zu erleben, eventuell leicht verändert, aber bitte nur ganz, ganz wenig!

Werner nu wieder: 14 Jahre ist es her, dass Rötger Feldmann alias Brösel seinen Comic-Helden zuletzt besucht hat, jetzt ist der 13. Band erschienen, "Werner - Wat nu?" Natürlich passend zum nächsten Motorradrennen gegen Holgis Porsche Ende August. Im Prinzip könnte alles wieder so sein wie 1988, man sollte zappeln vor lauter Vorfreude, aber irgendwie kribbelt's nicht. Im Gegenteil, man hat sogar ein richtig ungutes Gefühl. Und das liegt nicht nur daran, dass ein vergleichbarer Doppelaufguss von Comic und Rennen schon mal 2004 stattfand, sondern vor allem daran, dass die Zeit nicht stillsteht.

Ich hab Werner in den Achtzigerjahren entdeckt, nach dem dritten oder vierten Band. Er war mir ein bisschen zu prollig, aber er hatte eine einzigartige Mischung aus Nonsens, kalauernder Schlagfertigkeit, Genussfreude (Motorrad! Bier!) und einer irrsinnigen Schlagzahl. Noch immer sensationell: Werner im Krankenhaus, genervt von den Putzfrauen, die frühmorgens nach dem "BOUNÄÄWAX" schreien.

Aber Werner hat sich leider nie weiterentwickelt. Feldmann machte immer mühsamer aus Kalauern Cartoons, man spürte den Druck der Millionenauflagen, der Erscheinungstermine und wie die Marke "Werner" ihren Schöpfer Feldmann unter sich erdrückte. Und heute?

Fotostrecke

8  Bilder
Neuer "Werner"-Comic: "Hilfäää, Maaami!"

Heute bin ich 51, und Feldmann ist 68. Wir mögen beide Bier, sicher, aber mal ehrlich: Wer in dem Alter stattdessen immer noch Bölkstoff braucht, ist meist leberkrank. Mit Motorrädern ist es ähnlich: Wer mit 20 an einer alten Horex herumschraubt, ist ein liebenswerter Spinner. Wer dasselbe mit 60 macht, muss damit rechnen, dass man ihn in einer Liga einsortiert mit Horst Seehofer und seiner Modellbahn.

Werner ist nicht Donald Duck

Feldmann versucht das Problem zu lösen, indem er Werner wenig bis gar nicht altern lässt. Werner bleibt irgendwo zwischen 20 und Mitte 30. Das klappt bei Donald Duck hervorragend, aber da sind die Leser auch zuverlässig zwischen neun und 13. Und außerdem verändert sich auch Donalds Welt nicht, die von Werner aber schon, was dazu führt, dass die Werner-Welt an allen Ecken und Enden aus den Fugen gerät.

Werner erzählt seinen Neffen Geschichten vom Seifenkistenfahren, rutscht danach auf Skateboard aus und liefert die erwartbare Slapstickparade, bei der er dann irgendwann was schreit? Genau: "Hilfäää, Maaami!" Das ist Füllerqualität.

ANZEIGE
Brösel:
Werner - wat nu!?

Bröseline, 128 Seiten, 19,80 Euro

Ganze 50 der 128 Seiten werden der mühsamen Begründung geliefert, warum Werner und Holgi nochmal im Herbst zum Rennen antreten müssen. Noch am ehesten pointentauglich ist Werners Albtraum vom Verlust eines Haares, das ihm zwei Sanis mit Zwei-Komponenten-Kleber wieder anheften. Naja.

Werner politisch? Fürchterlich!

Aber richtig fürchterlich wird es, wenn Werner politisch wird. Werner stellt fest, dass seine Brauerei wegen Frackings dicht macht. Daraufhin schraddelt er ins Bergamt, verprügelt den zuständigen Beamten und wirft ihn in einen Brunnen. Damit macht Feldmann aus dem gewitzten Werner, der einst der Polizei blöd kam oder ihr davonfuhr, einen stinknormalen Wutbürger.

Einen doppelmoralischen Wutbürger obendrein, denn seit über zehn Jahren zeichnet der aufrechte Frackinggegner Feldmann die Werbefiguren für den Tankstellenkonzern "Jet". Ein bisschen umweltfreundlicher sei sein Held geworden, lobt Feldmann seinen Helden auch beim Erlanger Comic-Salon, nur um sich wenig später auf das Rennen gegen Holgi zu freuen, da wolle man eine Party feiern, und zwar "mit richtig viel Benzin" - "Ouhouerha", möchte man da schreien.

Manchmal zündet der alte Feldmann immer noch, oft dann, wenn er dafür am wenigsten Aufwand betreibt. Eine Doppelseite illustriert die deutsche Idylle Gorleben, ein gutes Dutzend blitzschneller Gags, ohne mahnenden Zeigefinger, strikt auf Pointe gearbeitet. Und bezeichnenderweise ist der beste Gag des ganzen Bandes derjenige, der auf einer Doppelseite am besten die Moderne aufgreift: Links ist der Originalgag von 1982, wo Werner einem Renter auf der Parkbank erklärt, er ginge nach Washington, "Ronald eins auffe Fresse haun". Rechts die identische Version von 2018, aber diesmal ist das "R" ein "D".

Für 128 recht notdürftig und mit erstaunlich vielen Fotos gefüllten Seiten ist das allerdings nicht wirklich viel. Alte Bände vorkramen, neues Bier holen, fümp. Besser is das.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
freespeedy 02.06.2018
1. langweilig
früher als comic für eingefleischte biker war das super .... und dann kam die masse. die letzten filme und bücher sind nur noch müder abklatsch!! geh in rente!!
Alter Falter 02.06.2018
2.
Zeitgeist ist endlich. Die Werner-Sprüche von damals bleiben zwar („Das is nich originool, das sach ich dia“), aber Werner bleibt auch da, eben damals. Und das ist gut so. Der heutige Zeitgeist hat Werner nicht verdient, die sollen sich selbst was machen.
helgemnielsen 02.06.2018
3. remakes
Die jungen Kieler von damals sind erwachsen geworden, haben Familie, sind weggezogen. Und nun zurück zu den Wurzeln? Netter Gedanke, aber mehr auch nicht. Bin letztens nochmal durch Kiel gefahren, habe fast nichts so richtig wiedererkannt. Irgendwie sehen die altvertrauten Ecken schmutziger und verunkrauteter aus. Nein danke, ich schwelge lieber in meiner Erinnerung.
mirage122 02.06.2018
4. Zeit verpennt!
Lass' man sein, Brösel. Werner ist nicht gealtert, aber du solltest den Tatsachen ins Auge sehen: Abtreten bevor man sich lächerlich macht undden Ruhestand genießen. Die großen Proll-Nummern kommen heute nicht mehr an. Setz Dich mit einem großen Kasten Bölkstoff hin und mach' mit Holgi ein ordentliches Fass auf!
Alex2.2 02.06.2018
5. Die Zeit ist längst vorbei
Das einzige, was heute noch geblieben, oder besser zurückgekommen ist, ist: „Ekhaaaaard, die Russen kommen!“. Past nicht mehr in diese Zeit, war aber gut. Finde Werner einfach gut, für damals, heute nicht mehr korrekt genug.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.