Wichtigste deutsche Kulturauszeichnung Boualem Sansal erhält Friedenspreis

Zeichen der Solidarität mit den Demokratiebewegungen in Nordafrika: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2011 geht an den algerischen Schriftsteller Boualem Sansal. Der Börsenverein würdigte ihn als leidenschaftlichen Erzähler und Kämpfer gegen Willkür und Terror.

Oppositioneller Boualem Sansal: "Geistreich und mitfühlend"
Corbis

Oppositioneller Boualem Sansal: "Geistreich und mitfühlend"


Hamburg/Berlin - Eine neue Epoche breche an in Nordafrika, sagte Boualem Sansal im März 2011 bei einer Diskussion in Berlin, äußerte aber auch Kritik an der bundesdeutschen Außenpolitik: Gaddafi wäre schon tot, hätte sich Deutschland bei der UN-Abstimmung zum Militäreinsatz gegen Libyen nicht der Stimme enthalten. An anderer Stelle kritisierte er arabischen Nationalismus, Islamismus und die Israel-Feindlichkeit vieler Muslime.

Jetzt erhält der streitbare algerische Schriftsteller die wichtigste Kulturauszeichnung der Bundesrepublik: Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag zum Auftakt der Buchtage in Berlin bekannt.

Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sagte: "Mit der diesjährigen Wahl des Friedenspreisträgers will der Börsenverein ein Zeichen setzen für die Demokratiebewegung in Nordafrika."

In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: "Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2011 Boualem Sansal und ehrt damit den algerischen Schriftsteller, der als leidenschaftlicher Erzähler, geistreich und mitfühlend, die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert."

Boualem Sansal gehöre zu den wenigen in Algerien verbliebenen Intellektuellen, die offen Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen üben. Mit seinem hartnäckigen Plädoyer für das freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft trete er gegen doktrinäre Verblendung, Terror und politischer Willkür auf.

Aus dem Staatsdienst entlassen

Boualem Sansal wurde am 15. Oktober 1949 in einem algerischen Bergdorf geboren und wuchs in einem Arbeiterviertel von Algier auf. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, war Leiter einer Consulting-Firma, ab 1992 Berater des Handelsministeriums und später Generaldirektor im Ministerium für Industrie und Umstrukturierung.

Unter dem Eindruck der Ermordung des algerischen Präsidenten Boudiaf im Jahr begann Sansal 1996 mit der Arbeit an seinem ersten Roman "Der Schwur der Barbaren". 2003 erschien das Buch in deutscher Übersetzung. Nach der Veröffentlichung des Buchs wurde Sansal zuerst von seiner Arbeit im Ministerium beurlaubt, später wegen kritischer Äußerungen über den algerischen Präsidenten Bouteflika aus dem Staatsdienst entlassen.

Unter dem Titel "Postlagernd: Algier. Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute" forderte Sansal 2006 eine wahrhaftige Demokratie, in der die Vision einer aufgeklärten Weltbevölkerung Gestalt annehmen könnte. Nach der Veröffentlichung wurden Sansals sämtliche Bücher in Algerien auf den Index gesetzt. Trotz des wachsenden politischen Drucks entscheidet er sich, in seinem Heimatland zu bleiben.

Sein Roman "Das Dorf des Deutschen" erschien 2009 in deutscher Übersetzung, nicht bei einem der großen Verlagshäuser, sondern im kleinen Merlin Verlag. In dem Buch geht es um den Mord an einem in Algerien lebenden Deutschen und seiner Frau - schließlich kommt dessen Nazi-Vergangenheit ans Licht. So bietet der Roman auch Anlass für eine nordafrikanische Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Es entwickelt sich eine bewegende Familiengeschichte zwischen Nationalsozialismus und Islamismus.

Die Verleihung des Friedenspreises findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 16. Oktober 2011, in der Paulskirche statt und wird live im ZDF übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

In einem vom Börsenverein publizierten Interview äußerte sich Sansal erfreut über die Auszeichnung: Der Preis komme genau zum richtigen Zeitpunkt, fügte dann allerdings an, die westlichen, demokratischen und freien Länder hätten vor dem Beginn der Aufstände in Nordafrika vor allem die Diktaturen unterstützt. "Es gibt eine historische Schuld der westlichen Länder", so Sansal.

sha

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