Wichtigste deutsche Kulturauszeichnung: Claudio Magris erhält Friedenspreis

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2009 geht an Claudio Magris. Der italienische Schriftsteller habe sich wie kaum ein anderer mit den Problemen des Zusammenlebens verschiedener Kulturen beschäftigt, so die Jury.

Berlin - Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den italienischen Schriftsteller Claudio Magris. Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag zum Auftakt der Buchtage in Berlin bekannt. Wie kaum ein anderer habe sich Magris mit den Problemen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt, begründete der Stiftungsrat seine Wahl.

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Claudia Magris ist in diesem Jahr Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels

Claudio Magris wurde am 10. April 1939 im italienischen Triest geboren. Er zählt zu den angesehensten Schriftstellern und Publizisten Europas. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören "Donau. Biographie eines Flusses" und der Roman "Blindlings", an dem Magris 18 Jahre lang gearbeitet hatte.

Zuletzt erschien in diesem Jahr in deutscher Übersetzung "Ein Nilpferd im Lund", darin versammelt Magris Geschichten, die er auf seinen Reisen durch Europa erlebt hat.

Seit Jahren gehört der Autor zu den Favoriten für den Literaturnobelpreis. Für sein Buch "Die Welt en gros und en détail" erhielt er 1997 den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Preisträger seit 1997

2011 - Boualem Sansal , algerischer Schriftsteller

2010 - David Grossman , israelischer Schriftsteller und Publizist

2009 - Claudio Magris , italienischer Schriftsteller

2008 - Anselm Kiefer , deutscher Künstler

2007 - Saul Friedländer , israelischer Historiker

2006 - Wolf Lepenies , deutscher Soziologe

2005 - Orhan Pamuk , türkischer Schriftsteller

2004 - Peter Esterhazy , ungarischer Schriftsteller

2003 - Susan Sontag , amerikanische Schriftstellerin

2002 - Chinua Achebe , nigerianischer Schriftsteller

2001 - Jürgen Habermas , deutscher Soziologe und Philosoph

2000 - Assia Djebar , algerische Schriftstellerin und Historikerin

1999 - Fritz Stern , amerikanischer Historiker

1998 - Martin Walser , deutscher Schriftsteller

1997 - Yasar Kemal , türkischer Schriftsteller


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Der Stiftungsrat des Friedenspreises würdigt nun, dass Claudio Magris "Erzählendes und Refelektierendes, Faktisches und Fiktionales in seiner ganz eigenen literarischen Weise verbindet und dabei hervorhebt, wie kreativ die Verschiedenheit sein kann, wenn sie denn in ihrer Eigenart geachtet und beachtet wird." Er sei ein streitbarer Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken.

Nach einem Studium in Triest und Freiburg promovierte Magris 1963 über den "habsburgischen Mythos in der österreichischen Literatur", habilitierte sich 1966 in Germanistik und lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 in Turin.

Als Essayist und Kolumnist der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" äußerte er sich immer wieder zu politischen Themen. Gemeinsam mit Umberto Eco und anderen Persönlichkeiten aus dem Kulturbereich gründete Magris im Jahr 2002 die Berlusconi-kritische Vereinigung "Libertà e Giustizia" (Freiheit und Gerechtigkeit).

Der Friedenspreis wird in diesem Jahr zum 60. Mal vergeben. Er ist mit 25.000 Euro dotiert, verliehen wird er am 18. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. Die Zeremonie wird live im ZDF übertragen.

Die Verleihung findet traditionsgemäß in der Frankfurter Paulskirche statt. Dort tagte im bewegten Jahr 1848 die Nationalversammlung, ein Vorläufer der späteren, demokratisch gewählten Parlamente in Deutschland.

Im vergangenen Jahr wurde der Friedenspreis an den Künstler Anselm Kiefer verliehen. Zu den früheren Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Ernst Bloch (1967), Max Frisch (1976), Václav Havel (1989) und Saul Friedländer (2007). Erstmals vergeben wurde der Preis im Frühjahr 1950.

Seitdem hat es wiederholt Auseinandersetzungen um die Preisträger gegeben. 1995 war Ehrung für Annemarie Schimmel Gegenstand einer längeren Debatte. Kritiker warfen der Orientalistin mangelnde Distanz zum islamischen Fundamentalismus vor.

1998 schließlich sorgte der Preisträger Martin Walser mit seiner Rede für einen Skandal, in der er sich gegen eine "Instrumentalisierung unserer Schande", gemeint war die deutsche NS-Vergangenheit, wandte. Der Ansprache Walsers folgte eine monatelange Diskussion über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland.

Der diesjährige Friedenspreisträger Claudio Magris dürfte weit weniger polarisieren. Für Glückwünsche allerdings ist er derzeit nicht erreichbar. Der Autor mache Urlaub auf einer Insel und habe dort keinen Handy-Empfang, sagte eine Sprecherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

sha/dpa

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