Wichtigste deutsche Literaturauszeichnung F.C. Delius erhält den Büchner-Preis

Politischer Schriftsteller und einer der letzten Veteranen der klassischen bundesdeutschen Literaturtradition: Friedrich Christian Delius erhält den Georg-Büchner-Preis 2011. Das gab die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt jetzt bekannt.

Büchner-Preisträger Delius: "Kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter"
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Büchner-Preisträger Delius: "Kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter"


Hamburg/Darmstadt - So schnell geht's dann doch nicht. Ein paar Wochen ist es erst her, dass sich die Stichwortgeber der literaturinteressierten Öffentlichkeit darauf geeinigt hatten, wer dieses Jahr den Büchner-Preis, die angesehenste Literaturauszeichnung des Landes, bekommen müsse: Peter Kurzeck, der mit "Vorabend" den über 1000 Seiten dicken vierten Band seiner Romanreihe "Das alte Jahrhundert" vorgelegt hatte.

Doch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist keine Jury, die sich vom Publikumsgeschmack leiten ließe, von der Frage der Verkäuflichkeit oder anderen marktnahen Kriterien, wie sie bei den populäreren Gegenstücken des Büchner-Preises, dem Deutschen Buchpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse mitunter Anwendung finden. In den vergangenen Jahren zeichnete die Akademie so unterschiedliche Schriftsteller wie den Villenvororts-Romancier Martin Mosebach, den stillen Beobachter Walter Kappacher und den Sprach-Experimentierer Reinhard Jirgl aus.

2011 nun ist die Wahl auf Friedrich Christian Delius, allgemein F.C. Delius abgekürzt, gefallen - keine unpopuläre Entscheidung. Und doch wirkt sie ein wenig überraschend. Wie nur wenige noch lebende Autoren verkörpert Delius die fast schon historisch gewordene bundesdeutsche Literaturtradition der Nachkriegsjahre und der 68er-Zeit: 1943 in Rom geboren, wuchs Delius in Hessen auf. Noch als Schüler veröffentlichte er 1961 erste Gedichte. Im Anschluss an sein Germanistikstudium in Berlin promovierte er 1970 bei dem einflussreichen Berliner Literaturwissenschaftler Walter Höllerer. Er arbeitete für Klaus Wagenbach und Rotbuch - damals die Verlage, die dem Geschmack der antiautoritären 68er-Jahre am nächsten kamen. Als einer der jüngsten Teilnehmer war Delius bei mehreren Tagungen der legendären Gruppe 47 dabei: erstmals 1964 im schwedischen Sigtuna.

Die Gedichtsammlung "Kerbholz" war 1965 seine erste Buchpublikation. Ihr folgten seitdem zahlreiche weitere Veröffentlichungen, überwiegend Romane und Erzählungen, in denen F.C. Delius sich häufig politisch-historischen Themen der Bundesrepublik Deutschland widmete: So verarbeitete er in seinem 1981 erschienen Romandebüt "Ein Held der inneren Sicherheit" und dem 1987 veröffentlichten "Mogadischu Fensterplatz" die Geschehnisse des Deutschen Herbstes. In "Mein Jahr als Mörder" geht es vor dem Hintergrund des Jahres 1968 um den Freispruch eines Nazi-Richters und die von Verdrängung geprägte Nachkriegsatmosphäre in den Adenauer-Jahren. Zuletzt veröffentlichte Delius unter anderem das autobiographisch gefärbte Buch "Bildnis der Mutter als junge Frau".

Die Akademie begründete ihre Wahl mit den Worten: "Als kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter hat er in seinen Romanen und Erzählungen die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert erzählt - von der Vorgeschichte der NS-Zeit über die Zeit der Teilung bis in die unmittelbare Gegenwart."

Die Deutsche Akademie feiert in diesem Jahr 60 Jahre Georg-Büchner-Preis. Das Jubiläum ist mit einer Höherdotierung des Preisgeldes von ehemals 40.000 auf 50.000 Euro verbunden.

Die Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Friedrich Christian Delius findet am 29. Oktober 2011 im Staatstheater Darmstadt statt.

sha



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isvikata 18.05.2011
1. Delius heute in Dresden
Glückwunsch! Heute liest Delius übrigens in Dresden-Hellerau, 19:00
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