Neuanfang im Alter Buch zu! Auf nach Sizilien!

Zwei Fremde brechen auf und landen statt auf dem nächsten Berg in Italien: Im Roman "Widerfahrnis" erzählt Bodo Kirchhoff, was Zauberhaftes passiert, wenn man sich einlässt, etwas zu wagen - Alter egal.

Siziliens Fährhafen Messina
Getty Images

Siziliens Fährhafen Messina

Von Anne Haeming


Ein Schritt vor, zwei zurück, anderthalb zur Seite: Wie die beiden Fremden um diese Fußmatte herumtänzeln! Die Frau draußen, der Mann drinnen in seiner Wohnung, die Tür zögernd geöffnet. Bereit, sie sofort wieder zu schließen, lieber früher als später, denn drinnen warten ein Buch, apulischer Rotwein und vor allem seine Ruhe. Der Mann ahnt: Sobald die Frau diese Grenze zwischen Draußen und Drinnen überschreitet, ist alles anders.

Wie Bodo Kirchhoff in "Widerfahrnis" auf den ersten elf Seiten diese Annäherung rund um eine Fußmatte choreografiert: So mitreißend begann lange keine Geschichte übers ewige "boy meets girl" mehr. Schließlich bittet er sie hinein, schiebt im Flur einen Karton zur Seite, aus der Fremden wird eine Besucherin, zögernd und zärtlich werden sie in ein Wir fortgespült, "der Plural, allmählich senkte er sich in alles hinein".

Eigentlich wollen sie nur spontan zum Sonnenaufgang auf den nächsten Berg fahren, gondeln aber immer weiter, eine Spritztour nach Italien wird's, dann mit der Fähre bis Sizilien. Und doch bleiben sie "die Palm" und "der Reither", zwei Rentner, er hat seinen Kleinverlag aufgegeben, sie ihr Hutgeschäft.

Das Genre der "Road Novel" hat es so an sich, dass die, die da unterwegs sind, am Ende der Fahrt verändert ankommen. Hier kann man eher sagen, dass diese verblüffende Reise etwas Neues zündet - und die Selbstentdeckung erst danach wirklich beginnt. Verblüffend gut passt der englische Begriff "Coming of Age": Wandel im Älterwerden eben.

Autor Bodo Kirchhoff
Laura J. Gerlach

Autor Bodo Kirchhoff

Ja, Bodo Kirchhoff, selbst schon 68, ist kein Autor, auf den sich alle einigen können. Die einen finden ihn zu erotoman, bestenfalls kitschig, die anderen lassen sich wohl nach jedem neuen Roman auf die Warteliste seiner Schreibkurse setzen, die er bei sich zu Hause am Gardasee gibt ("Aus dem eigenen Leben erzählen", "Eros und Sprache").

Aber: "Widerfahrnis" ist ein Wahnsinnsbuch geworden (und verständlich, dass es für den Deutschen Buchpreis nominiert ist). Sonst lässt der Frankfurter Autor seine Geschichten über Liebe und ihre Abwesenheit, Sehnsucht und guten Sex eher schmökerdick werden. Hier hat er ein Kondensat in einem engen Kammerstück-Setting geschaffen: Dieser Text wirkt schlanker und dichter zugleich. Dadurch wird eine Stärke von Kirchhoffs Art zu erzählen deutlicher denn je: die Wahrhaftigkeit, mit der er sich diesem Gefühl nähert, das wir mangels Alternative "Liebe" nennen.

"Wenn nichts Unerwartetes mehr auf uns zukommt, dann sind wir tot"

In "Widerfahrnis" lässt Kirchhoff zwei Belesene aufeinandertreffen, zwei, die es gewohnt sind, Sprache und Erzählweisen zu sezieren, der eine beruflich, die andere privat in einer Lesegruppe. Das erlaubt ihm, das permanente Sich-Erzählen zu reflektieren, zu unterbrechen, zu kommentieren. Auch ein Trick, den man von ihm kennt. "Die Beobachtung eines Geschehens - wie etwa des eigenen Einschlafens - greift bekanntlich in das Geschehen ein", sagt schon sein Erzähler in "Wo das Meer beginnt".

Der Effekt kann leicht ins Eitle rutschen, aber hier kommen diese Momente fast schelmisch daher: "'Außerdem mag ich keine langen Dialoge. Ich mochte sie auch in Büchern nie. Sie zeugen meist nur von Erzählfaulheit.' - 'Aber Sie und ich, wir sind hier nicht in einem Buch. Wir stehen an Ihrer Wohnungstür.'"

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Nach und nach wird Reither klar, dass er sich mit Bauschaum abgedämmt hatte gegen Ideen vom Leben, die er mal hatte. Dass er vergessen hatte, was alles möglich werden kann: "Ich fahr noch etwas, sagte er, ein Satz, den er lange nicht mehr gesagt hatte, zu wem auch; gar keine großen Worte und doch mit einer stillen Schleppe, ruh dich noch aus, ich fahre, es macht mir nichts, ein Stück noch, und dann können wir ja wechseln."

Es haut einen um, wie Kirchhoff das Leben zu einem Zeitpunkt noch einmal aufreißt, an dem so viele es schon abgehakt haben. Eine Geschichte übers Sich-Einlassen also. Kirchhoff sagt nicht "Schicksal" dazu. Er wählt einen Begriff, der sonst meist nur als Verb existiert: Etwas widerfährt ihr, ihm, uns. Diese "Widerfahrnis" ist ein singuläres Ereignis, kein allumfassendes Los, in das man sich ergibt. Sondern etwas, das alles ändert, was war. "Wenn nichts Unerwartetes mehr auf uns zukommt, dann sind wir tot", sagt die Palm.

So unerwartet rummst dann die Wirklichkeit in den fiktionalen Kosmos: Als die Palm und der Reither in Italien, abends, draußen, in einem Restaurant, ein Mädchen aufgabeln, unbegleitet, minderjährig, auf der Flucht. Sie nehmen sie mit, aber mit dieser Dritten verändert sich die Balance im neu geformten "Wir". Und die Prioritäten verschieben sich. Reither reagiert auf dieses europäische "Widerfahrnis", doch auf verblüffende Weise: Gutes und schlechtes Handeln rutschen ihm ineinander. Als wäre das alles eine Parabel über unsere ebenfalls in die Jahre gekommene EU-Identität.

So bleibt eine der wertvollsten Lücken zurück, die Geschichten aufbieten können. Sie fordert dazu auf, innezuhalten, den eigenen Kompass neu zu justieren. Und selbst den Schritt über die Schwelle zu wagen, für einen Ausflug ins Spontane.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
mag-the-one 18.10.2016
1. „Wahnsinnsbuch“…
…oh dear… Sorry, aber ich kann die allgemeine Hysterie um dieses Buch nicht teilen. Ich habe den Textauszug aus der Longlist gelesen und dachte, ich lese ein Buch aus den Fünfziger Jahren; so gestelzt und gekünstelt wirken Dialoge wie Erzählung. (Wer sagt denn heute noch „die Palm“ von einer Romanfigur? ) Und dann das allfällige, politisch korrekt eingebaute Flüchtlingsthema, damit das Buch auch ja die gebührende Beachtung findet… Ich kann es nicht ändern, aber, mein Leben ist zu kurz für schlechte Bücher, btw., ich lese gerade von Fallada das neu aufgelegte, ungekürzte „Kleiner Mann - was nun?“ Das ist Literatur.
mag-the-one 18.10.2016
2. „Wahnsinnsbuch“…
…oh dear… Sorry, aber ich kann die allgemeine Hysterie um dieses Buch nicht teilen. Ich habe den Textauszug aus der Longlist gelesen und dachte, ich lese ein Buch aus den Fünfziger Jahren; so gestelzt und gekünstelt wirken Dialoge wie Erzählung. (Wer sagt denn heute noch „die Palm“ von einer Romanfigur? ) Und dann das allfällige, politisch korrekt eingebaute Flüchtlingsthema, damit das Buch auch ja die gebührende Beachtung findet… Ich kann es nicht ändern, aber, mein Leben ist zu kurz für schlechte Bücher, btw., ich lese gerade von Fallada das neu aufgelegte, ungekürzte „Kleiner Mann - was nun?“ Das ist Literatur. Frage an die Redaktion: Wo sind meine korrekten Satzzeichen und die Anführungsstriche geblieben?
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