Kulturgeschichte Deutschland mit Pop verstehen

Wie kamen Blue Jeans und Breakdance nach Deutschland? Was ist vom Optimismus der Neunziger geblieben? Was hat der Mauerfall wirklich mit David Hasselhoff zu tun? Vier neue Bücher zur Popkultur im Check.

David Hasselhoff bei der Silvesterfeier 1989/90 am Brandenburger Tor
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David Hasselhoff bei der Silvesterfeier 1989/90 am Brandenburger Tor

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Spaßgesellschaft, Heroin-Chic und 56k-Modems - "Zu geil für diese Welt"

Worum geht's? Für Joachim Hentschel, lange Jahre Pop-Journalist, heute bei einer Content-Marketing-Agentur, gingen die Neunzigerjahre von 11/9 bis 9/11 - vom 9. November 1989 also, als mit dem Fall der Berliner Mauer eine Phase des Optimismus begann, die mit dem Attentat aufs World Trade Center ihr symbolisches Ende fand.

Die Zeit dazwischen beschreibt Hentschel in seinem Buch, unter besonderer Berücksichtigung der Massenmedien, der Jugendkultur und des Pop, die in Deutschland in den Neunzigern im Musikfernsehsender Viva zusammenfanden. Als Viva im Dezember 1993 den Sendebetrieb aufnahm, war der Song "Zu geil für diese Welt" von den Fantastischen Vier der erste Clip, der gespielt wurde - daher der Buchtitel.

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Neunziger-Rückblick: Wach durch die Neunziger

Es kommen vor: die Zonen-Gabi vom "Titanic"-Cover, das "Ende der Geschichte" von Francis Fukuyama, Hentschels erster Techno-Rave im schwäbischen Niemandsland, der rechtsradikale Mob, Kurt Cobain, der Heroin-Chic in der Mode, "Akte X", in den Spiralblock notierte Internetadressen mit Tilde-Zeichen, TV-Reportagen über FKK-Clubs. Also so ziemlich alles, was es gab in den Neunzigerjahren - erstaunlich sinnvoll und lesbar strukturiert.

Das überraschende Detail: Alexander Gauland hat als Zeitungskolumnist gegen die Spaßgesellschaft der Neunzigerjahre gewettert, kulturpessimistisch einen Werteverlust beklagt, und den "politisch korrekten, flexiblen Weltbürger" als Feindbild gezeichnet - letzteres in der "Welt"-Ausgabe, die am Morgen des 11. September 2001 erschien.

Was kann man mitnehmen? Hentschel fragt ausdrücklich, was man aus den Neunzigern für die Gegenwart lernen kann. Sein Buch suggeriert: Es wäre gut, wenn wir uns von der prägenden Angst befreien könnten - und die Neugier auf Neues (auch wenn viel Quatsch darunter sein mag) wieder entwickeln könnten.

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Joachim Hentschel:
Zu geil für diese Welt

Die 90er - Euphorie und Drama eines Jahrzehnts

Piper Paperback, 320 Seiten, 15 Euro

Bar, Basketball und Breakdance - "Wie die Populärkultur nach Deutschland kam"

Worum geht's? Christian Huck, an der Uni Kiel Professor für Englische und Amerikanische Kultur- und Medienwissenschaft, interessiert sich dafür, welcher scheinbare Quatsch aus Übersee dann doch von der deutschen Alltagskultur angenommen wird - und welche Mechanismen der Aneignung es dabei gibt. Dafür hat er einige Fallstudien aus dem 20. Jahrhundert betrachtet. Das mag so erst mal arg wissenschaftlich und eher trocken klingen. Ist es aber ganz und gar nicht.

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Kulturimporte aus den USA: Breakin' in Kiel

Denn zum einen hat er als Beispiele für sein Buch "Wie die Populärkultur nach Deutschland kam" wirklich reizvolle Geschichten ausgewählt: Wie das Saxofon mit dem Jazz Einzug hielt und welche Bilder von Schwarzen und Frauen es transportierte. Oder warum ausgerechnet in Bamberg Basketball zum Publikumsmagneten wurden. Was es mit dem Boom der LAN-Partys auf sich hatte und wo die mediale Berichterstattung darüber irrte.

Weil Huck darüber fundiert, aber auch mit besonderer Freude am unterhaltsamen Detail schreibt, folgt man ihm auch in zunächst vielleicht entlegen wirkende Forschungsbereiche. Zumal das Buch durchgehend mit vielen tollen historischen Fundstücken illustriert ist.

Die überraschende Erkenntnis: Hätten Sie gedacht, dass für den Breakdance-Boom in den Achtzigerjahren der Auftritt einer Crew im "Aktuellen Sportstudio" mindestens so bedeutsam war wie die großen Hip-Hop-Kinofilme der Epoche?

Was kann man mitnehmen? Gleich zu Beginn zeigt Huck, wie die Bar - als Möbelstück wie als Form der Abendgestaltung - eine Reaktion auf die Veränderungen in der Sozialstruktur war: Viele neue Stadtbewohner ohne Familienanschluss, die sich nicht zu Fremden an den Tisch gesetzt hätten, aber an die Bar gelehnt ins Gespräch kamen. Solche Beobachtungen schärfen den Blick auf Trends der Gegenwart.

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Christian Huck:
Wie die Populärkultur nach Deutschland kam

Transatlantische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert

Textem, 320 Seiten, 24 Euro

Hits, Historie, Hasselhoff - "I've Been Looking for Frieden"

Worum geht's? Wie liebevoll die Bebilderung in "Wie die Populärkultur nach Deutschland kam" ist, wird im Kontrast so richtig deutlich, wenn man die freigestellte Rollschuhfahrerin mit Walkman auf dem Cover von "I've Been Looking for Frieden" sieht. Die - wie eine kleine Bildrecherche ergibt - auch noch im Londoner Battersea Park fotografiert wurde, insofern gar nicht passt zu einer "deutschen Geschichte in zehn Songs", die im Buch erzählt wird.

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Deutsche Song-Geschichte: Ein Lied kann eine Zeit erzählen

Diese Nachlässigkeit ist bedauerlich, weil Maik Brüggemeyer in seinem ersten Sachbuch (nach zwei Romanen) durchaus mit Akkuratesse vorgeht. Er sucht nach Songs, die bestimmte Phasen und Entwicklungen der deutschen Geschichte seit 1945 repräsentieren sollen - von den "Capri-Fischern" der unmittelbaren Nachkriegsjahre bis zu "Nichtstun" von Balbina für die GroKo-Jahre.

Zu den Songs erzählt Brüggemeyer Geschichten, die die Songs sowohl in einen allgemeingeschichtlichen wie auch in einen pophistorischen Kontext einordnen. Auf letzterem Terrain ist der Musikjournalist naturgemäß und merklich mehr zu Hause, doch die bekannten Geschichtsbuchfakten lädt er mit schön erzählten persönlichen Anekdoten auf. Eine solche erklärt auch den Buchtitel: Frau Lüdinghaus von der Anne-Frank-Realschule in Ibbenbüren verstand so den Refrain von David Hasselhoffs Hit zum Mauerfall.

Der überraschende Fakt: Dass "Looking for Freedom" schon 1978 mal in den Charts war, und der damalige Interpret Marc Seaberg "auch in späteren Jahren gemäß seinem Hit ein freiheitsliebender Mensch" war: Er wurde 2011 dafür bestraft, dass er in seinem Erlanger Szenelokal das Rauchen trotz Anti-Raucher-Gesetz erlaubte.

Was kann man mitnehmen? Manchmal hilft ein kleiner Perspektivwechsel - die Fokussierung auf einzelne Songs -, um eine schon so oft erzählte Geschichte wie die der Popmusik in Deutschland wieder reizvoll zu machen.

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Maik Brüggemeyer:
I've Been Looking for Frieden

Eine deutsche Geschichte in zehn Songs

Penguin Taschenbuch; 288 Seiten; 10 Euro

Bonusbuch: "Es geht voran"

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Manfred Prescher:
Es geht voran

Die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik

wbg Theiss, 248 Seiten, 19,95 Euro

Den herkömmlichen Ansatz, die chronologisch erzählte Geschichte mit möglichst vollständigen Erwähnungen aller relevanten Bands und Musiker, hat Manfred Prescher für seine ebenfalls neu erschienene "Geschichte der deutschsprachigen Popmusik" gewählt. Die spannenderen Thesen darin sind welche, die er zitiert. Dafür überrascht Prescher immer mal wieder mit Intermezzi, in denen er etwas abgelegene Musikempfehlungen gibt - insbesondere in Österreich kennt er sich aus.

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murksdoc 29.11.2018
1. Yes we Can
"Can" machte 1973 die Musik für die "Tatort"-Folge 25: "Tote Taube in der Beethovenstraße". So lange gibt es den schon.
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