Wiederentdeckung Ein Meister der Verachtung

Als sich der russische Schriftsteller Victor Hofmann 1911 in Paris das Leben nahm, war er erst 27 Jahre alt. Seine wiederentdeckten Erzählungen zeigen einen beeindruckend modernen Autor.

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Was zwischen zwei Menschen geschieht, wenn sie mit sich allein sind, das ist das Thema des russischen Schriftstellers Viktor Hofmann. Und so lautet der erste Satz seiner Erzählung "Lüge" auch "Sie verließen das Theater". Das Menschengewirr in den Theaterfoyers oder die Gesellschaft eines Abendessens bilden für Hofmann nur den geeigneten Hintergrund, vor dem er die Entfremdung nach einer Affäre sichtbar machen kann. Die Liebesversuche, von denen er in fast allen Geschichten erzählt, finden in Abgeschiedenheit statt.

Hofmann-Erzählungen: Nähe ohne Gefühle

Hofmann-Erzählungen: Nähe ohne Gefühle

"Aus mehreren miteinander verwobenen Theaterausgängen quoll schwerfällig eine schwarze, eingelullte, zähfließende Masse hervor", schreibt Hofmann. Nach einer Schauspielaufführung ziert sich die schöne, verheiratete Valentina Lwowna nur jenes entscheidende kleine Bisschen, das die Spielregeln zwischen den Geschlechtern vorschreiben, bevor sie zu ihrem Begleiter in die Droschke steigt. Im Restaurant angekommen, verschwinden die beiden gleich in einem Séparée. Doch da beginnt sich der Begleiter und Ich-Erzähler mit der Frau an seiner Seite bereits zu langweilen, weil die verbotene Geschichte doch so völlig voraussehbar verläuft. Später wird er sich und die Dame verachten für die Nähe ohne Gefühle, die in diesen Stunden zwischen ihnen stattfindet.

Der Schriftsteller Hofmann (1884-1911) hatte nur ein kleines Werk hinterlassen, als er sich 27-jährig in Paris erschoss, völlig aufgerieben von dem Gefühl, verrückt - im eigentlichen Sinn des Wortes - zu sein. Er begann als Lyriker, verdiente sein Geld als Essayist und Journalist und fand erst dann zu kürzeren Prosatexten. Einen Roman, an dem er schrieb, soll er selbst vernichtet haben. Hofmann nannte seinen Stil einen "Mystischen Intimismus", einem Freund berichtete er: "Ich schreibe ein Buch in Prosa, ein Buch mit phantastischen Märchen aus dem alltäglichen Leben."

Der Lilienfeld Verlag hat nun erstmals diese Prosatexte Hofmanns in einem schönen, blutrot gebundenen Band auf Deutsch herausgebracht, der den Titel "Lüge" trägt. Und auch wenn dieses Motiv nicht in allen Erzählungen und Miniaturen auftaucht, ist es doch das verbindende Thema. Hofmann steigt in diesen Texten immer weiter hinab in jenen Abgrund, der sich zwischen den Empfindungen und dem eigenen Handeln auftun kann. Die Protagonisten dieser Texte streben nach jenem Moment, in dem das Geschehen und die Gefühle deckungsgleich sind, aber kaum könnte sich diese Sehnsucht erfüllen, meldet sich der Zweifel an der eigenen Sehnsucht. Die Realität wird überwuchert vom Unterbewussten.

Das alles liest sich erstaunlich modern. Und doch war Hofmann, der als Sohn eines österreichischen Vaters und einer halbdeutschen Mutter in Russland geboren wurde, vor allem ein Kind seiner Zeit, des Fin de Siècle. Seine Sprache zeugt von seiner Faszination für die Macht der Psyche, seine Sätze sind atmosphärisch aufgeladen von bildhaften, düsteren Adjektiven. Der Übersetzer Alexander Nitzberg hat dafür im deutschen einen sehr eigenen Ton gefunden.

Der Band endet mit einem klugen Nachwort von Nitzberg. Er verortet Hofmann auf einer hauchdünnen Linie zwischen Pathos und Ironie, zwischen Wahnsinn und Rationalität, Nietzsche und Darwin.

Der Dichter ist längst verstorben, aber sein Werk ist so jung geblieben, wie es Hofmann bei seinem Tod war.


Buch Viktor Hofmann: "Lüge". Aus dem Russischen mit einem Nachwort von Alexander Nitzberg. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. 220 Seiten; 19,90 Euro.



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