Krimi-Affäre um Kulturjournalisten Konkurrent tot, Autor blamiert

Wie viel Schirrmacher steckt im Skandal-Krimi "Der Sturm"? Einiges! Der Mann, den "SZ"-Feuilletonchef Thomas Steinfeld einen grausamen Tod sterben lässt, ist seinem "FAZ"-Widersacher doch recht ähnlich. Durch seinen Kolportage-Roman hat sich der Literaturkritiker selbst blamiert.

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Nicht, dass Thomas Steinfeld vollkommen arglos in die Affäre hätte schliddern müssen: "Je schneller das Geld werde, desto schneller werde auch die Nachrichtentechnik. Beides, Geldverkehr und Nachrichtenverkehr, sei ja nicht voneinander zu trennen". So philosophiert, wiedergegeben in indirekter Rede, eine der Figuren in "Der Sturm", jenem bislang unveröffentlichten Kriminalroman, zu dessen Co-Autorenschaft sich der "SZ"-Feuilletonchef am Mittwoch in einer Presseerklärung bekannt hatte.Womit wir bei der Nachrichtentechnik wären. Für Steinfeld war sie in diesem Fall zu schnell.

Mag es der Öffentlichkeit sonst völlig egal sein, wer der wahre Urheber eines noch gar nicht erschienenen Kriminalromans ist: Im Fall seines gemeinsam mit dem publizistisch zuvor nicht in Erscheinung getretenen Münchner Arzt Martin Winkler veröffentlichten Krimis hat sich schon eine gute Woche vor dem offiziellen Erstverkaufstag genau das entwickelt, worauf der Titel Bezug nimmt. Ein Sturm. Genauer gesagt: Ein Nachrichtensturm.

Das liegt an einer Leiche. Bereits auf Seite 13 des Buchs taucht sie auf: Der deutsche, in Schweden ermordete Journalist Christian Meier. Richard Kämmerlings, Literaturkritiker der "Welt", meinte in Meier seinen früheren Chef zu erkennen: Frank Schirrmacher, Herausgeber der "FAZ". Thomas Steinfeld hat sich gegen Kämmerlings These in seiner Erklärung verwahrt. Die entscheidende Frage kann deshalb momentan nur die sein: Wie viel von Frank Schirrmacher steckt wirklich im "Sturm"?

Puritanische Moral

Steinfeld verteidigt sich: In die Figur des Mordopfers Meier seien "Charakterzüge vieler Kulturjournalisten" eingeflossen. Und doch: Sein Meier trägt Schuhe der vielsagend benannten Marke "Hutmacher". Sein Meier hat Locken, ist dunkelblond, um die fünfzig. Sein Meier veröffentlicht Theorien über Netzwerke, Roboter und Gentechnik, Bücher über Zukunft und Kapital. Sein Meier ist Schirrmacher zumindest ausgesprochen ähnlich.

Mag ein gut vernetzter, in den entscheidenden Zirkeln präsenter Kulturjournalist wie Thomas Steinfeld auch viele andere Kulturjournalisten kennen; mag auf manche Kulturjournalisten vielleicht sogar das eine oder andere der im Roman geschilderten Merkmale Meiers zutreffen (hat nicht sogar Steinfeld selbst irgendwie lockiges Haar?) - wenn man "Der Sturm" gelesen hat, kommt einem Steinfelds Entlastungsversuch von den "Charakterzügen vieler Kulturjournalisten" vor, als würde ein Karikaturist einen vollbärtigen Araber mit Turban zeichnen und dann behaupten, in dieses Porträt seien Züge aller Religionsstifter eingeflossen.

Man findet auf den 336 Seiten des Buchs nur einen einzigen auf Meier bezogenen Verfremdungseffekt, der nicht zu Schirrmacher führt: Das Mordopfer leitete ein boulevardesk anmutendes Blatt - das würden wohl nicht einmal Schirrmachers Feinde der "Frankfurter Allgemeinen" unterstellen.

Große Verschwörung

Dass Meier im Roman zudem ein Sexualleben zwischen offenherzig ausgelebten Bordellbesuchen und Minderjährigen-Chat angehängt wird, wirkt allzu puritanisch moralbeladen. Erscheint Steinfelds Hausblatt, die "SZ", denn nicht im barocken München, wo "a bisserl was" zwischen den Geschlechtern doch immer noch geht? Und sollte Literatur nicht ein bisschen mehr bieten, als das alte Klischee von den verrotteten Sitten der Bourgeoisie?

Wer nicht nur über irgendeinen Meier, sondern tatsächlich über Frank Schirrmachers Rolle in Deutschland reden will, sollte dies tun. Aber nicht mit den Mitteln des Kolportageromans.

Für die Handlung sind derartige Schlenker zu Meiers Privatleben unnötig. Sie erscheinen wie ein Versuch, diesem Krimi die Abgründigkeit zu verleihen, die dem Buch sonst fehlt: Seine Atmosphäre erinnert in weiten Strecken an das gemütliche Dasein des Bilderbuchschweden Pettersson und seines Katers Findus. Der ermittelnde Reporter Ronny heißt sogar Gustavsson. Ganz wie Petterssons Nachbar. Und dann tritt auch noch ein Kommissar Larsson auf. Wenn da bloß niemand an Stieg Larsson denkt. Schließlich, so Steinfeld in seiner Erklärung vom Mittwoch, widerspricht die Gleichsetzung einer Romanfigur mit einer Person des öffentlichen Lebens den Grundlagen des Umgangs mit fiktiver Literatur.

Eingeleitet von zahlreichen Naturbildern zieht in "Der Sturm" ein Unwetter auf. Erst geht das Licht aus, dann stürzen die Linden um, schließlich ragt ein deutscher BMW aus dem Sumpf. Es ist der Wagen Meiers. Der Journalist war Opfer einer Verschwörung. Die spielt sich ab zwischen Schweden und New York, umrahmt von Figuren wie einem dem Hochadel entstammenenden Politiker der schwedischen Piratenpartei und einem amerikanischen Software-Unternehmer mit deutschen Wurzeln.

Für die Geschichte, die eigentlich im Mittelpunkt von "Der Sturm" steht, die des sympathischen Losers Ronny Gustavsson, ist diese Konstruktion viel zu groß - Frank Schirrmacher aber, sollte auch er sich in Meier wiedererkennen, könnte sich sogar geschmeichelt fühlen. Meier war auf der richtigen Spur. Das Beste was sich über einen Journalisten sagen lässt.

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Seite 1
BouvardPecuchet 16.08.2012
1. uahhh gäääähnnnn
Zitat von sysopimagoWie viel Schirrmacher steckt im Skandal-Krimi "Der Sturm"? Sehr viel! Der Mann, den "SZ"-Feuilletonchef Thomas Steinfeld einen grausamen Tod sterben lässt, ist eindeutig sein "FAZ"-Widersacher. Doch durch seinen Kolportage-Roman hat sich der Literaturkritiker selbst blamiert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,850399,00.html
Schirrmacher? Steinfeld? Uaah gääähn. Ist der Sack in China schon umgefallen?
hendiadyoin 16.08.2012
2. Welch ein Humbuk...
...soll denn da das Sommerloch füllen?! Wenn Steinfeld "Schirrmacher" in seinem Roman zum Mörder geschrieben hätte, wäre es vielleicht schlechter Stil und er müsste sich dafür entschuldigen, aber als Opfer...?! Der einzige Skandal an der ganzen Sache ist der, dass sich Herr Hammelehle daran stört, dass einer von der Süddeutschen einen Krimi geschrieben hat und wahrscheinlich einen Guten.
PrettyHateMachine 16.08.2012
3. Steinfeld-Krimi: Konkurrent tot, Ruf ruiniert
Zitat von sysopimagoWie viel Schirrmacher steckt im Skandal-Krimi "Der Sturm"? Sehr viel! Der Mann, den "SZ"-Feuilletonchef Thomas Steinfeld einen grausamen Tod sterben lässt, ist eindeutig sein "FAZ"-Widersacher. Doch durch seinen Kolportage-Roman hat sich der Literaturkritiker selbst blamiert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,850399,00.html
... muß sich die Journaille jetzt schon ihre eigenen Sommerlochfüller zusammenschreiben?
Maynemeinung 16.08.2012
4. Wo wohnt der?
Zitat von sysopimagoWie viel Schirrmacher steckt im Skandal-Krimi "Der Sturm"? Sehr viel! Der Mann, den "SZ"-Feuilletonchef Thomas Steinfeld einen grausamen Tod sterben lässt, ist eindeutig sein "FAZ"-Widersacher. Doch durch seinen Kolportage-Roman hat sich der Literaturkritiker selbst blamiert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,850399,00.html
Wo wohnt eigentlich der, den das interessiert? Eine langweilige Nabelschau der Medien-Clique. Die Leser wird interessieren, ob es ein spannender Krimi ist oder nicht.
chewie1337 16.08.2012
5. Ekelhaft...
Wieviel Schirrmacher steckt in Thomas Steinfelds Krimi "Der Sturm"? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,850399,00.html) einfach nur ekelhaft, wie sich Journalisten in Deutschland ausschließlich mit sich selbst befassen können und dabei allen Ernstes eine Farce wie diese hier als große Sache aufbauschen können. Es verschlägt mir die Sprache, dass so etwas nicht als 3-Zeiler Meldung in die hinterste Ecke einer Boulevard-Zeitung verschwindet, sondern im Gegenteil als riesen Skandal, der eigentlich eine Sondersendung im TV erfordert, oder aber mindestens eine Headline im SPON, hingestellt wird. Mit welchem Selbstverständniss hier eine UNWICHTIGKEIT breitgetreten wird ist schon ziemlich erstaunlich und lässt eine Menge Rückschlüsse auf den Elitendünkel einiger deutsche Journalisten zu. Na schön: da hat also ein viel geachteter Zeitungsmacher einen anderen in einem Buch unter Pseudonym verfasst ziemlich brutal fiktiv sterben lassen... Oh mein Gott! Was für ein Vergehen -.- Tut mir leid, aber mehr als das bringe ich vor Entrüstung über die Art und Weise der Berichterstattung bzgl dieser "Story" nicht zu stande, man möge mir verzeihen...
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