Mammutroman "Europe Central" Das mörderische Jahrhundert

Ein gewaltiges Panorama von Stalinismus und Völkermord, kühn, atemberaubend und bewundernswert: Mit dem Tausend-Seiten-Roman "Europe Central" zeigt William T. Vollmann, dass er zu Recht als einer der bedeutenden US-amerikanischen Erzähler seiner Generation gilt.

Vollmann-Figur Schostakowitsch: Leidvolle Erfahrung der ideologischen Überhitzung
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Vollmann-Figur Schostakowitsch: Leidvolle Erfahrung der ideologischen Überhitzung

Von Thomas Andre


Die Freiheit der Kunst verteidigt dieser renitente Komponist bis zuletzt. Auch wenn er in seinen späten Jahren doch noch in die Partei eintritt: Dmitrij Schostakowitsch ist ein tapferer Zeitgenosse, der stolz, zitternd und angsterfüllt die Beurteilungen der Zensoren erträgt und mit den hinterfotzigen Agenten Stalins Wodka um Wodka trinkt, um sich so wenig wie möglich für die Sache des mörderischen Kommunismus sowjetischer Prägung instrumentalisieren zu lassen. Jahrelang schläft Schostakowitsch, von der Ideologiepolizei des ästhetischen Formalismus beschuldigt, mit einem Koffer unter dem Bett - er befürchtet, verhaftet und in ein Lager gebracht zu werden, obwohl er weltberühmt ist.

William T. Vollmanns gigantischer Roman "Europe Central", der jetzt auf Deutsch erscheint, ist auch eine Stalinismus-Studie. Außerdem ein Künstlerroman, eine Kriegsdokumentation, ein historischer Abriss über die Jahre 1914 bis 1975, dem Todesjahr Schostakowitschs. In seiner Heimat erhielt der deutschstämmige Amerikaner Vollmann für "Europe Central" im Jahr 2005 den National Book Award, die Übertragung ins Deutsche dauerte auch deshalb acht Jahre, weil mehrere Anläufe zur Übersetzung scheiterten.

Vollmann, Jahrgang 1959 und neben Jonathan Franzen und dem verstorbenen David Foster Wallace der profilierteste US-Erzähler seiner Generation, erzählt in seinem Tausend-Seiten-Werk anhand der Biografien von Personen der Zeitgeschichte von der leidvollen Erfahrung der ideologischen Überhitzung und des Krieges. Auf diese Weise entsteht ein Panoptikum des Grauens, in dem der Einzelne versucht, Würde und Moral aufrechtzuerhalten.

Oder eben nicht: In "Europe Central" treten neben Schostakowitsch unter anderem die Künstler Käthe Kollwitz und Anna Andrejewna Achmatowa auf, der Filmemacher Roman Karmen, der SS-Mann Kurt Gerstein und der Wehrmachtsgeneral Friedrich Paulus. Mit ihnen zusammen watet Vollmann noch einmal durch den Morast eines Jahrhunderts, scheitert mit dem "Unternehmen Barbarossa" an der Eroberung Stalingrads, vergast die Juden in Belzec und Treblinka und durchlebt den zynischen Alltag im Sozialismus.

Ferner, blutiger Planet

Vollmann recherchierte für sein Buch in Tagebüchern, Briefbänden, Biografien und historischen Werken. Er arbeitet sogar philologisch brav mit Literaturnachweisen. Und dennoch ist "Europe Central" stellenweise reine Erfindung, wie Vollmann im Nachwort freimütig erklärt: Die Dreiecksgeschichte zwischen Schostakowitsch, Karmen und Elena Konstantinowskaja ist ausgedacht. Die fiebrig aufgeladene Beziehungskonstellation ist das Herzstück des Romans, in ihr spiegelt sich die Zerrissenheit dieses Europas zwischen Krieg und Frieden, das sich selbst zerstört und an seinem stinkenden und entzauberten Erbe schwer zu tragen hat. Andere, ausufernde Schostakowitsch-Passagen des Romans aber strapazieren bisweilen die Geduld des Lesers.

"Europe Central" ist ein gewaltiges Werk: bewundernswert in der Einfühlung, kühn in der Konstruktion, atemberaubend in seinem Metaphernreichtum. "Europe Central", das ist geografisch Mitteleuropa und im übertragenen Sinn die Schaltstelle der telefonischen Kommunikation. Auch der Vernichtungskrieg ist ein Krieg der Worte, der Befehle und der Pakte. Vordergründig beschreibt Vollmann aus einer deutschen und einer russischen Perspektive die mörderischsten Terrorsysteme des 20. Jahrhunderts, implizit behandelt er die grundsätzlichen Bedingungen menschlicher Existenz in Extremsituationen.

Aus heutiger Sicht erzählt er von einem fern wirkendem, blutroten Planeten. In diesen längst entrückten Gestaden herrscht ein Fanatismus, der alle Regungen eines freien Geistes erbarmungslos unterdrückt. Die Bewältigungsstrategien der Kunst lassen beides zu: die Anpassung und die Rebellion. In einer ihrerseits höchst kunstvollen Verknüpfung verbindet Vollmann die Sinfonien Schostakowitschs mit dem Kriegsgeschehen an der Ostfront. Ein sprachliches Meisterstück. Eher blass nimmt sich dagegen die Vorliebe des Generals Paulus für die deutschen Klassiker aus, die Vollmann hartnäckig beschreibt. Die hochrangigen Wehrmachtssoldaten und SS-Männer waren kultiviert und hörten Bach, das wissen Leser spätestens seit Jonathans Littells Tatsachen-gesättigtem Holocaust-Roman "Die Wohlgesinnten", der 2006 im französischen Original und 2008 auf Deutsch erschien.

Die erzählende Literatur hat sich zuletzt um die Kernfrage "Wie konnte es geschehen?" verdient gemacht. Aber muss das wirklich in derart epischer Länge sein? Robin Detje ist für seine Übersetzung von "Europe Central" zu loben, die den poetischen Überschwang des Originals originalgetreu ins Deutsche bringt: Ein sprachmächtiges Großwerk, ein architektonisch ausgefeilter Erzählturm, dessen Sätze sich wie glänzende Steine fügen - wenn man seine Spitze erst mal erklommen hat.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Taiye Selasis "Diese Dinge geschehen nicht einfach so", Wolfgang Ullrichs "Alles nur Konsum", Grace Paleys "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens", Göran Rosenbergs "Ein kurzer Aufenthalt", Joachim Bessings "Untitled", Peter Fröberg Idlings "Pol Pots Lächeln", Christos Ikonomous "Warte nur, es passiert schon was" und Jérôme Ferraris "Predigt auf den Untergang Roms".

insgesamt 7 Beiträge
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gekreuzigt 17.04.2013
1. danke
für die Warnung. Offenbar selbstgefällige intellektuelle Onanie. Muss man nicht haben.
Stephan Glietsch 17.04.2013
2. optional
Und der Übersetzer, neben dem Autor wohl ebenfalls als Urheber für das Gelingen dieses "sprachlichen Meisterstücks" verantwortlich, ist ihnen nicht einmal eine Nennung wert? Traurig.
robertbwise@gmail.com 17.04.2013
3. Unlesbare Literatenliteratur
Ich habe das Buch im Original gelesen und kann immer noch nicht glauben, dass es irgendwie preiswürdig ist. Ein immer wieder durchgekautes Thema, das ohne jede Geschwindigkeit durch die Seiten mäandert. Es erinnert mich an das sinnlose Geschreibsel eines kranken Menschen. Allerdings habe ich das gleiche Gefühl bei Ulysses, und dieser Vergleich ist dem Autoren sicher nicht unangenehm. Ich frage mich wer solche Bücher tatsächlich mag.
albert schulz 17.04.2013
4. kühn, atemberaubend und bewundernswert
Irgendwie bekömmlich geschrieben, auch das Thema des Buchs ist alles andere als uninteressant. Man fragt sich natürlich, was man nach der Lektüre des Artikels von dem Buch weiß. Vom Inhalt sehr wenig, es hat eben tausend Seiten, irgendeine fiktive Geschichte ist auch drin, aber just über Geschichte und wie sie interpretiert wird fehlt jede Information. Gelobt wird es eigentlich auch nicht. Als zwischen den Zeilen Lesender vermeint man, der Rezensent hätte den Drahtseilakt, seine Verpflichtung gegenüber dem Inserenten mit den Bedürfnissen der Leser nach Habhaftigkeiten abzugleichen, dadurch entschärft, daß er blumig ums Thema herumlaviert hat. Das Phänomen ist allüberall gegenwärtig und ein guter Grund, das Feuilleton nur aus sprachlicher Genußsucht zu lesen.
Discordius 18.04.2013
5. ferne welten
Diese Amerikaner wie Vollman oder Adam Johnson ("Das geraubte Leben des Waisen Jun Do") schreiben über Ländern und Zeiten, die ihnen sehr fern sind. Wahrscheinlich haben sie diese Länder nie oder nur selten betreten (Vollmann hat wohl nie in Europa gelebt, Johnson war wohl einmal 2012 kurz in Nordkorea), die historische Epoche nur aus Büchern kennengelernt, vielleicht aus Filmen. Daher fehlt ihnen auch ein tieferes Verständnis für die Thematik und die beschriebenen Menschen, die am Ende nur oberflächliche Hollywoodcharaktere bleiben. Handwerklich mag das passabel gemacht sein, aber große Kunst ist es sicher nicht. Nur haben alle kommerziell erfolgreichen US-Produktionen beim SPIEGEL und anderen wenig kritischen deutschen Feuilletons einen nicht nachvollziehbaren Bonus. Aber was die anderen Kritiker für gut befinden, befindet man sicherheitshalber auch für gut.
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