Wimmelbücher Eltern, die auf Ziegen starren

Jeden Abend dasselbe Bilderbuch anschauen? Das macht nur Spaß, wenn es auch für Erwachsene immer etwas Neues zu entdecken gibt. Wie im wunderschönen neuen Wimmelbuch "Im Zirkus" von Doro Göbel und Peter Knorr.

BELTZ & Gelberg

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Diese verfressenen Ziegen: Vom Balkonkasten des Wohnwagens nagen sie Blumen ab, noch während das Gespann aufs Zirkusgelände fährt. Sie kauen die Gala-Uniform des Direktors an, die zum Lüften auf der Leine hängt, reißen sich ein Stück von der Zuckerwatte der Zirkusbesucher ab und futtern in der Manege in einem unbeobachteten Moment auch noch das Popcorn weg.

Dann gibt es das Kamel, das Halsschmerzen hat, den Schornsteinfeger, der auch mal zeigen will, welche akrobatischen Balanceakte auf der Leiter er so drauf hat, und den Elefanten, der nicht nur Männchen machen und dabei winken kann, sondern auch einem Besucher das Toupet klaut. Und, und, und. Man möchte gar nicht aufhören, diese vielen kleinen Geschichten zu erzählen, die in dem großartigen neuen Wimmelbuch "Im Zirkus" von Doro Göbel und Peter Knorr zu entdecken sind.

Wimmelbücher sind ein klassisches Genre auf dem Bilderbuchmarkt, und natürlich gibt es Illustratoren und Autoren, die es prägen. In den Zeichnungen des Münchners Ali Mitgutsch, der schon Ende der sechziger Jahre ein Wimmelbuch herausbrachte, ähneln sich die Figuren, aber es passiert viel - auf einem Flugplatz steigen Passagiere aus der Maschine, und vier Meter weiter stolpert jemand über einen Besen.

Die Bestseller dieses Jahrtausends sind die Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraud Susanne Berner (und ihr zuletzt erschienenes Nacht-Wimmelbuch); in ihnen sind die immergleichen, an Kleidung und Frisur schnell zu erkennenden Protagonisten an den immergleichen Orten zu verfolgen, doch ihre Geschichten entwickeln sich von Buch zu Buch weiter: Kinder gehen in die Kita, dann in die Schule, Babys werden geboren, Paare finden sich.

Der Detailreichtum ist das Ergebnis generalstabsmäßiger Planung

Das Wimmelbuch-Konzept von Knorr und Göbel zeigt immer neue Orte mit neuen Protagonisten - vor "Im Zirkus" erschien das ebenso schöne Buch "Der Ausflug". Noch viel farbenprächtiger, aufwendiger und lebensnaher als Berners Zeichnungen sind diese Wimmelbücher - und trotzdem werden schon Zweijährige mit ihnen viel Spaß haben. Der liebevolle Detailreichtum ist das Ergebnis generalstabsmäßiger Planung: Es werden Listen geführt, was die Figuren machen, welche Kleidung sie tragen, ob die Pumps mit einer Schnalle oder einer Schleife geschmückt sind, wann der Mops wegläuft und wo er sich versteckt.

Auch der Prozess des Zeichnens ist komplex: erster Entwurf mit Bleistift, dann wird die eingescannte Zeichnung am Computer koloriert, dann ausgedruckt, dann noch mal mit der Hand nachgezeichnet, damit das Bild aus einem Guss ist und nicht so clean aussieht, wie am Computer konstruiert. Und danach wird die Zeichnung wieder eingescannt und nochmals am Computer bearbeitet, um kleine Fehler auszumerzen. Es kann passieren, dass bei dem ganzen Hin und Her, wie Knorr erzählt, "plötzlich bei den Zuschauern in der Manege ein Bein zu viel ist", was erst im letzten Moment beim Durchzählen entdeckt wurde.

Sieben Monate haben Göbel und Knorr an dem großformatigen Pappbilderbuch "Im Zirkus" gearbeitet, und sie hatten mit Problemen zu kämpfen, mit denen sie nicht gerechnet hatten. Zum Beispiel mit den Größenverhältnissen: Ein Zirkuszelt ist so groß, dass die Menschen viel zu klein wirken würden. Daher kann man es nur im Anschnitt zeigen oder wenn es aufgebaut wird. Auch modische Entscheidungen waren zu treffen, und so wurden die Kreolen-Ohrringe später durch farbige Stecker ersetzt.

Eine Familie aus dem "Ausflug" taucht im "Zirkus" wieder auf, was Fans schnell entdecken werden - und man kann den Büchern nur wünschen, dass die Zahl ihrer Fans wächst.

Ein ideales Bilderbuch wird nicht nur von Kindern geliebt, sondern auch von den Eltern, die es immer und immer wieder anschauen müssen. "Im Zirkus" ist ein solches Buch.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
christof45 10.04.2011
1. Warum nicht auch ein verherrlichendes Buch über Sklaverei ?
Oh je, Bären die Fahrrad fahren und Elefanten die Männchen machen. Haben sich die werten Autoren denn niemals mit den "Methoden" auseinander gesetzt, mit denen die Tiere zu so einem Verhalten gezwungen werden. Darf ich an die vielen heimlich aufgenommenen Videos erinnern, die auf youtube etc. kursieren, die belegen, welche Grausamkeiten hinter den Kulissen der schönen Zirkus-Glitzerwelt passiert. Auf Elefanten wird mit dem sog. Elefantenhaken eingeschlagen wie auf einen alten Teppich, auch ins Gesicht (hier ein ganz aktueller Fall: http://www.heute.at/news/welt/Pfleger-pruegelt-Elefant-Tierquaeler-mit-Video-ueberfuehrt;art414,544484) und Bären oder Raubkatzen bekommen Stock und Peitsche zu spüren. Nach Jahren brutaler "Dressur" und engen Käfigen sind sie schwer verhaltensgestört und werden vom Zirkus "entsorgt", wenn sie für die Manege nicht mehr taugen. Genauso gut könnte ich ein verherrlichendes Buch über Kinderarbeit in Indien oder über die Sklaverei im 18. Jahrhundert in den USA schreiben, und die Inhalte romantisch verklärt präsentieren. "Ach, die gute alte Zeit". Dieses Buch verherrlicht jedoch Tierquälerei auf eine verabscheuungswürdige Art und Weise und vermittelt Kindern und Erwachsenen, dass es okay ist, Tiere wie Bären und Elefanten mit Peitsche und Stock zu quälen, damit die Menschen Spass haben. Aus diesem Grund gehört das Buch gehört in die Tonne! Christof Hofger
SJGT, 10.04.2011
2. _
Zitat von sysopJeden Abend dasselbe Bilderbuch anschauen? Das macht nur Spaß, wenn es auch für Erwachsene immer etwas Neues zu entdecken gibt. Wie im wunderschönen neuen Wimmelbuch "Im Zirkus" von Doro Göbel und Peter Knorr. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,755877,00.html
Dem kann ich so gar nicht zustimmen. Da fehlen dem Autor offenbar ein paar gute Kinderbilderbücher. Und vielleicht auch Phantasie? Aber die Wimmelbücher sind sehr nett gemacht. Es war spannend zu lesen wie viel Arbeit in einem solchen Buch steckt!
Nostromo72 11.04.2011
3. ...
Die Wimmelbilder erinnern mich immer an die NDR Pausenfilme aus den 80ern: http://www.youtube.com/watch?v=29zsfiJyNgI
mikkl123 11.04.2011
4. Genau!
Zitat von christof45Oh je, Bären die Fahrrad fahren und Elefanten die Männchen machen. Haben sich die werten Autoren denn niemals mit den "Methoden" auseinander gesetzt, mit denen die Tiere zu so einem Verhalten gezwungen werden. Darf ich an die vielen heimlich aufgenommenen Videos erinnern, die auf youtube etc. kursieren, die belegen, welche Grausamkeiten hinter den Kulissen der schönen Zirkus-Glitzerwelt passiert. Auf Elefanten wird mit dem sog. Elefantenhaken eingeschlagen wie auf einen alten Teppich, auch ins Gesicht (hier ein ganz aktueller Fall: http://www.heute.at/news/welt/Pfleger-pruegelt-Elefant-Tierquaeler-mit-Video-ueberfuehrt;art414,544484) und Bären oder Raubkatzen bekommen Stock und Peitsche zu spüren. Nach Jahren brutaler "Dressur" und engen Käfigen sind sie schwer verhaltensgestört und werden vom Zirkus "entsorgt", wenn sie für die Manege nicht mehr taugen. Genauso gut könnte ich ein verherrlichendes Buch über Kinderarbeit in Indien oder über die Sklaverei im 18. Jahrhundert in den USA schreiben, und die Inhalte romantisch verklärt präsentieren. "Ach, die gute alte Zeit". Dieses Buch verherrlicht jedoch Tierquälerei auf eine verabscheuungswürdige Art und Weise und vermittelt Kindern und Erwachsenen, dass es okay ist, Tiere wie Bären und Elefanten mit Peitsche und Stock zu quälen, damit die Menschen Spass haben. Aus diesem Grund gehört das Buch gehört in die Tonne! Christof Hofger
Und jeder Zirkus gehört abgerissen, jeder Direktor verhaftet. Außerdem sollte eine Tierquote in den DAX-30 Unternehemen eingeführt werden, damit all die Elephanten, Giraffen und Kreuzotter nicht schon auf Grund ihres Bewerbungsfotos ausscheiden können. Nasenbären for president!
tomtigerxxl, 11.04.2011
5. Ob Kinder...
Zitat von christof45Oh je, Bären die Fahrrad fahren und Elefanten die Männchen machen. Haben sich die werten Autoren denn niemals mit den "Methoden" auseinander gesetzt, mit denen die Tiere zu so einem Verhalten gezwungen werden. Darf ich an die vielen heimlich aufgenommenen Videos erinnern, die auf youtube etc. kursieren, die belegen, welche Grausamkeiten hinter den Kulissen der schönen Zirkus-Glitzerwelt passiert. Auf Elefanten wird mit dem sog. Elefantenhaken eingeschlagen wie auf einen alten Teppich, auch ins Gesicht (hier ein ganz aktueller Fall: http://www.heute.at/news/welt/Pfleger-pruegelt-Elefant-Tierquaeler-mit-Video-ueberfuehrt;art414,544484) und Bären oder Raubkatzen bekommen Stock und Peitsche zu spüren. Nach Jahren brutaler "Dressur" und engen Käfigen sind sie schwer verhaltensgestört und werden vom Zirkus "entsorgt", wenn sie für die Manege nicht mehr taugen. Genauso gut könnte ich ein verherrlichendes Buch über Kinderarbeit in Indien oder über die Sklaverei im 18. Jahrhundert in den USA schreiben, und die Inhalte romantisch verklärt präsentieren. "Ach, die gute alte Zeit". Dieses Buch verherrlicht jedoch Tierquälerei auf eine verabscheuungswürdige Art und Weise und vermittelt Kindern und Erwachsenen, dass es okay ist, Tiere wie Bären und Elefanten mit Peitsche und Stock zu quälen, damit die Menschen Spass haben. Aus diesem Grund gehört das Buch gehört in die Tonne! Christof Hofger
...das genauso sehen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Bei ihrem Statement fällt mir eher das Wort "Spielverderber" ein. Wir haben als Kinder auch Cowboy und Indianer gespielt und sind keiner Mörder geworden (Das kann ich zumindest für mich und bis heute behaupten)
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