Roman über junge Jüdin "Eine Mischung aus KZ-Häftling und KZ-Aufseher"

Lola ist Deutsche und Jüdin, aber irgendwie auch keins von beidem. In "Winternähe" schickt Mirna Funk ihre Heldin auf einen aufreibenden Selbstfindungstrip zwischen Berlin und Tel Aviv. Ernst, ironisch, lesenswert.

Schriftstellerin Funk: "Wer steht auf der Der-Holocaust-is-over-Seite?"
Bella Lieberberg

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Von Thomas Andre


Im Judentum gilt das Gesetz der matrilinearen Vererbung. Deshalb ist Lola, diese mit so viel Wucht und Wut in die deutsche Gegenwartsliteratur staksende Hauptfigur in Mirna Funks Debütroman "Winternähe", im strengen Sinn keine Jüdin - sie hat eine nicht-jüdische Mutter und einen jüdischen Vater. Lola wäre aber gerne Jüdin, fühlt sich wie eine. Und sie ist, sie fühlt sich als Deutsche. Deutschsein und Jüdischsein, das geht ja auch zusammen und ist kein Widerspruch.

Aber ein Quell großen Unbehagens, immer noch. Und vielleicht sogar immer mehr. So sieht es die 34-jährige Lola jedenfalls. Ihre Geschichte hat ihren Ursprung und ihr Ende in Berlin und spielt etappenweise auch in Tel Aviv, Bangkok und auf einer thailändischen Insel. Es geht um eine Flucht vor den Zuständen und vor sich selbst, um die Suche nach Liebe und nach dem Vater, um Fliehkräfte und das bi-kulturelle Leben, das eine junge Frau führen will: als deutsch-israelischer Gegensatz und Verschmelzung in einem.

Lola ist Fotografin, und in Berlin hält sie es nicht mehr aus. Aufgewachsen ist sie bei ihren jüdischen Großeltern in den späten DDR- und frühen Einig-Deutschland-Jahren. Der Vater, ein Musiker, Kameramann beim "Glücksrad" und Deutschland-Neurotiker, haut erst aus dem Sozialismus ab, dann geht er ganz - in den australischen Dschungel. Die Mutter hingegen schafft es nur bis Hamburg-Blankenese. Beiden ist Lola in vielerlei Hinsicht gram, aber der Zorn und die Lust am Beef ist auch darüber hinaus das, was ihr System am Laufen hält - einerseits.

Permanente Israel-Kritik

Andererseits ist Lola in diesem über seine Hauptfigur so nachhaltig funktionierenden Roman aus guten Gründen eine Dramaqueen. Hat sie es doch im Berlin der Gegenwart mit einem mehr als nur ignoranten Ort zu tun, an dem ihr andere auf Facebook ein pseudo-anarchisches, in Wirklichkeit aber gar nicht komisches Hitlerbärtchen verpassen und ihr auch sonst eine enervierende Form von Geschichtsvergessenheit das Leben schwermacht. Von der permanenten Israel-Kritik ihrer Mitmenschen fühlt sie sich jedenfalls angegriffen.

Also bricht sie auf, geht nach Tel Aviv, in die Stadt, die längst eine Art zweite Heimat für sie ist. Sie verliebt sich in Shlomo, einen sehr linken Israeli, der auf den Trauerfeiern der Palästinenser bittere Tränen vergießt. "Winternähe" saugt die unmittelbare Zeitgeschichte auf, spielt vor dem Hintergrund der drei 2014 entführten und getöteten Israelis, dem Tod eines palästinensischen Jugendlichen und den palästinensischen Bomben auf Israel. Die Romanfigur Shlomo trägt ein schreckliches Geheimnis mit sich herum: Als Soldat erschoss er einst einen palästinensischen Jungen.

Die Psychologie in "Winternähe" ist wenig subtil, aber gerade diese ganze Angreifbarkeit und Parteilichkeit (in die eine und andere Richtung) macht den Roman so lesenswert. In schwächeren Momenten referiert er ganz und gar unpoetisch die Konfliktlinien im innerisraelischen Zwist und die deutschen Befindlichkeiten ("Schnell merkte Lola, wer auf der Der-Holocaust-is-over-Seite und wer auf der Wir-dürfen-nicht-vergessen-was-geschehen-ist-Seite stand"). In den starken ist er ein wichtiger Beitrag zum Nachdenken über Deutschland, Israel und die auf die nachgeborenen Generationen übertragenen Konflikte um Schuld und Verantwortung.

Ausgeliefert an den Vaterkomplex

Dabei erzählt Funk nicht unbedingt rasant von der Identitätssuche ihrer Protagonistin: Aufs Tempo gedrückt wird hier nur in den Dialogen, in denen Lola zur Wahrheit vordringen will. Das kann man als Liebeserklärung an Israel lesen, wo die gesellschaftliche Diskussion erheblich lebendiger ist als in Deutschland.

Funk wurde 1981 in Berlin (Ost) geboren, sie lebt derzeit in ihrer Geburtsstadt und in Tel Aviv. Ihre Romanheldin erinnert von Ferne an Olga Grjasnowas Protagonistin in "Der Russe ist einer, der Birken liebt", hier wie da wird das plastische Bild einer global denkenden Generation entworfen.

Wobei die freie Wahl des Wohnortes nichts gegen das eigene familiäre Verkorkstsein ausrichten kann. Es ist faszinierend, wie total Funk ihre hinreißende und gleichzeitig nervende, immer pathetische Lola an den eigenen Vaterkomplex ausliefert. Schließlich ist dieser große Abwesende irgendwie dafür verantwortlich, dass Lola Jüdin ist und doch auch wieder nicht. Und dafür, dass sie das Deutsche in sich manchmal verachten will und doch nicht abstreifen kann: ein Zwitterwesen, das, wenn es will, überall Außenseiter sein kann. Sie sei "Täter und Opfer in einem", sagt Lola; deutsche Mutter, jüdischer Vater, "eine Mischung aus KZ-Häftling und KZ-Aufseher".

Dies ist ein ernstes und ironisches Buch mit vielen knallenden Sätzen, nur eines ist es nie: entspannt.

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