Wissenschafts-Roman "Kopflos" Verliebt in Frankenstein

Die Wissenschaftspublizistin Charlotte Kerner hat sich wieder einmal in die Grenzgebiete der Medizin begeben. Wie lebt es sich mit dem transplantierten Haupt eines Fremden? Ihr Roman "Kopflos" gibt eine gewagte Antwort.

Von Sebastian Knauer


Am Anfang steht der Tod. Der Maler Gero hat bei einem Autounfall seinen Körper und die malenden Hände zerquetscht bekommen. Der Student Josef verfügt dagegen über einen unversehrten Körper, während sein ebenfalls nach einem Radunfall schwer verletzter Kopf nur noch den Hirntod meldet. Einzeln haben die beiden Männer auf der Intensivstation einer Klinik keine Chance zu Überleben. Aus zwei mach eins, entscheiden deshalb die Angehörigen und geben ihre Liebsten zur weltweit ersten Kopftransplantation frei.

Roman "Kopflos": Haupt-Sache am Leben

Roman "Kopflos": Haupt-Sache am Leben

Wissenschaftlich abgesichert, führt die Autorin die Leser in die Welt der Organverpflanzung ein. Und in diesem Fall ist es ein 1,5 Kilogramm schweres Hirn mit einhundert Milliarden Nervenzellen in seinem Kopf-Gehäuse, das einen neuen Unterbau bekommt.

Damit beginnt eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Leidenschaften. Denn Gero und Josef passen zwar auf dem Operationstisch nach einer bravourösen Medizinerarbeit perfekt zusammen. Für ihr neues gemeinsames Leben stellt sich die schlichte Frage, wer denn jetzt eigentlich der Chef ist: der Kopf des Malers - oder der Körper des Studenten?

Auch die lebende Ehefrau des Malers muss schnell erkennen, dass offenbar Gefühle, Kunst und Leidenschaften körperabhängig sind. Prompt begehrt sie den attraktiven Studentenkörper ihres abweisenden Mannes. Die ehemalige Freundin des Studenten ist ebenfalls an ihrem halben Ex interessiert und lässt sich gar von dem Doppelmann schwängern. Um die Verwirrung komplett zu machen, verliebt sich Gero, der Kopf, in seine Ärztin, der für ihre Schöpfung der Nobelpreis winkt.

Ehrgeizige Kopfarbeiter

"Das Ganze ist natürlich eine erfundene Geschichte, aber sie gründet auf Fakten aus der Forschung", sagt Kerner über ihren zwischen Science-Fiction und Wissenschaftsprosa changierenden Roman. Schließlich haben schon Hände und Gesichter von Hirntoten ihre Besitzer gewechselt. Und in den USA arbeitet ein inzwischen betagter Mediziner immer noch an der ersten Kopftransplantation.

Anregen ließ sich Kerner, die schon mit dem Roman "Blueprint" das Schicksal einer geklonten Pianisten-Tochter beschrieb, auch diesmal von Klassikern der Medizingeschichte. "Meinen ersten modernen Prometheus haben ich in dem Roman 'Frankenstein' von Mary Shelleys gefunden". Auch diesmal geht es wieder um die Grenzen einer Medizin, die sich als Schöpfergott versucht. Und sie zeigt, dass dabei kein kopfloses Monster entstehen muss, sondern eine ganz neue Konstellation. "Es ist einfach faszinierend, das noch Unmögliche zu denken", sagt Kerner.

Aber auch die banalen Fragen eine Kopfverpflanzung werden dem Leser nahe gebracht: Auf wen wird eigentlich der neue Personalausweis ausgestellt? Welche Fingerabdrücke müssen gespeichert werden? Wie wird das Alter des zusammengesetzten Menschen bestimmt?

Wie die Autorin offen legt, haben das "fertige Manuskript" unter anderem, auch ihr Mann Detlef Kömpf gegen gelesen, der als Neurologe an den Lübecker Universitätskliniken arbeitet. Dennoch gibt es ein Happy End. Wie nennt der Piper-Verlag das Werk doch so schön? Eine "Beziehungsgeschichte unter extremen Bedingungen". Das kann man wohl sagen.



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