Wladimir Kaminers "Russendisko" Kurort Berlin

Wie erlebt ein junger Russe Berlin? Wladimir Kaminer berichtet in "Russendisko" vom Chaos der Nachwendezeit und den Überlebenstricks der in der Hauptstadt Gestrandeten: 50 kurzweilige, amüsante und genau beobachtende Kurzgeschichten.

Von Cristina Moles Kaupp


Russen in Berlin. Die wenigsten denken dabei noch an die rege Künstler- und Literatenszene in den zwanziger Jahren. Eher schon an Mafia, an rundschädelige Protzer in der Sauna im Europa-Center oder die kapriziösen Kunstblondinen, stets mit einem falschen Rot auf den Lippen. Die verirren sich allerdings selten zum Prenzlauer Berg. Dort kämpfen andere Glücksritter gegen die Tücken des deutschen Alltags - mit spitzer Feder und scharfen Scheiben auf den Plattentellern.

Goldmann
Wladimir Kaminer zum Beispiel, ein studierter Theaterwissenschaftler und Tausendsassa. Seit zehn Jahren zieht er durchs Berliner Nachtleben, pendelnd zwischen Café Zapata in der Kunstruine Tacheles und dem Kaffee Burger am Rosa-Luxemburg-Platz. Dort, wo sich einst Dissidenten trafen, drängen sich heute Jung-Hipsters durchs urig authentische Ambiente. Ostalgie, Prollkultur plus Szene-Chic - im Kaffee Burger hängt der Filz nicht nur an den Wänden. Elektro-Nächte, Lesungen und Kleinkunst satt gehören zum täglich wechselnden Programm. Darunter auch Kaminers "Russische Zelle" und "Russendisko" - kommentierte Hits aus der Sowjetunion, serviert zu Pelmenis, Blinis und Soljanka. Sie sind nur ein Bruchteil von Kaminers Aktivitäten, denn der 33-jährige Dramaturg hat sich längst zum Schriftsteller gemausert, ist Part der Dichtergruppe "Neue proletarische Kunst" und schreibt von "FAZ" bis "TAZ" in der Regel reportagenhafte Kurzgeschichten von einem, der auszog, sein Glück in Berlin zu versuchen. 50 davon reiht er nun in "Russendisko" aneinander.

Wie war das Leben damals in Moskau, und wie ist es heute? Verschiedene Realitäten prallen aufeinander, sorgen für komische und traurige Momente. Doch Kaminer wertet nicht, hadert schon gar nicht mit dem Schicksal. Wozu auch? Verglichen mit Moskau ist Berlin schließlich der reinste Kurort, reich an Geschichten und spannenden Charakteren. Kaminers Erinnerungen führen quer durchs chaotische Ostberlin der Nachwendezeit mitten hinein ins multikulturelle Geschehen. Verwirrend faszinierend: "Berlin ist eine geheimnisvolle Stadt. Nichts ist hier so wie es zunächst scheint," schreibt er in "Geschäftstarnungen". "Nichts ist hier echt, jeder ist er selbst und gleichzeitig ein anderer. Die Chinesen aus dem Imbiss gegenüber von meinem Haus sind Vietnamesen. Der Inder aus der Rykestraße ist in Wirklichkeit ein überzeugter Tunesier aus Karthago. Und der Chef der afroamerikanischen Kneipe mit lauter Voodoo-Zeug an den Wänden - ein Belgier. Selbst das letzte Bollwerk der Authentizität, die Zigarettenverkäufer aus Vietnam, sind nicht viel mehr als ein durch Fernsehserien und Polizeieinsätze entstandenes Klischee"

Kaminer erforscht, erzählt Skurriles aus seinem großen Freundeskreis und würzt alles mit persönlichen Anekdoten und Kommentaren. Von Ilona etwa, die ständig eine Mütze trägt. Angeblich haben ihr Ärzte eine Maus in den Kopf operiert. Eine Freundin will ihren treulosen Ehemann zurück, konsultiert Berliner Profihexen und enthüllt deren dubiose Tricks. Der zufällige Besuch einer Vernissage hingegen bringt Sascha einigen Kummer: Nach einem Saufgelage mit dem schwulen Künstler und Kneipen-Maler findet er wenig später sein Konterfei an den Wänden diverser Szene-Läden verewigt - mal als Zeus, dann als Kaktus, ägyptische Königin oder trauriger Fisch. Kaminers Insider-Possen sind erfrischend komisch und kurzweilig, könnten allerdings mitunter ein Quäntchen mehr Biss und Tiefgang vertragen. Doch darauf kommt's Kaminer nicht an - er setzt auf subtile Ironie. "Dort, wo ich herkomme, ist das Leben zum Leben ungeeignet. Ganz anders ist es hier, wo man unter Umständen mehrere Leben gleichzeitig führen kann". Lektionen eines Russen in Berlin. Sympathisch und gewitzt schlendert er weiter durch seinen Kiez, den vielen Möglichkeiten auf der Spur.

Wladimir Kaminer: "Russendisko", Manhattan bei Goldmann; 192 Seiten; 34 Mark



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